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Kommentar : Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre

  • -Aktualisiert am

Die Talfahrt an den Börsen nimmt kein Ende. Zu groß sind die Fragezeichen, meint FAZ.NET Redakteurin Anke Kreuels.

          3 Min.

          „Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre, wär mein Vater längst schon Millionär“, heißt es im Volksmund. Auch viele Anleger könnten längst schon Millionär sein, wenn da nicht die vielen Wenn's wären, die einen Aufbruch der Kurse verhindern und stattdessen die Nasdaq unter die 2.000 Punkte gedrückt haben.

          Wenn die Kurse nämlich auf sinkende Zinsen reagieren würden. Aber trotz der Zinssenkungen der Federal Reserve Bank zeigen sich Anleger wenig überzeugt davon, dass die niedrigeren Leitsätze diesmal die Wirtschaft stimulieren könnten. Klar ist, dass Alan Greenspan mit dem Rücken zur Wand steht. Seine jüngsten positiven Äußerungen für die amerikanische Wirtschaft erscheinen zunehmend als Farce. Der Fed-Chairman steckt in einer Zwickmühle, denn anders als noch vor zehn Jahren sind die Entscheidungen der Notenbanker wesentlich von der Wall Street geprägt. Schließlich war es die Aussicht auf die Kursgewinne, die den Amerikanern einen bedenkenlosen Konsumrausch ermöglichten.

          Wenn der Chairman aber die wahrscheinliche Rezession in seinen Berichten vor dem US-Senat angekündigt hätte, wären die Kurse noch schneller gepurzelt. Jetzt droht ihm ein Vertrauensverlust. Die jüngsten Konjunkturdaten strafen Greenspan Lügen. Der Arbeitsmarkt zeigt zwar noch keine gestiegene Arbeitslosenquote, aber die Lohnstückkosten sind über den Erwartungen nach oben geklettert. Den Unternehmen bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder die höheren Kosten auf die Preise zu überwälzen, was die Inflation schürt. Zudem dürfte dies in Zeiten rückläufiger Nachfrage nur schwer durchsetzbar sein.

          Wenn die Gesellschaften ihre höheren Kosten aber nicht auf die Konsumenten übertragen können, schlägt's auf die Margen durch. Die logische Konsequenz sind weitere Gewinnwarnungen, weitere Entlassungen. Zwar ist die amerikanische Arbeitslosenquote im Vergleich zu Europa noch niedrig, aber die tägliche Flut der frei gesetzten Arbeitskräfte könnte sich zumindest psychologisch auf die breite Bevölkerung auswirken. In Zeiten, wo Arbeitsplätze gefährdet sind, dürften Anschaffungen zurück gestellt werden. Und die treibende Kraft des Wirtschaftswachstums, der private Konsum, dürfte weiter rückläufig sein. Ganz zu schweigen von den Ungleichgewichten in der amerikanischen Wirtschaft, die aus einer negativen Sparquote resultieren.

          Wenn die US-Bürger nicht auf Pump investiert hätten, wäre die Abwärtsdynamik wahrscheinlich schwächer. Als die Nasdaq am Montag durch die 2.000 Punkte gerutscht ist, sollen so genannte Margin-Calls die Kursverluste beschleunigt haben. Diese Margin-Calls sind nichts anderes als Zwangsverkäufe von auf Kredit gekauften Aktien. Unterschreiten die auf Kredit gekauften Aktien einen bestimmten Kurs, so rufen die Gläubiger-Broker ihre Kunden an, die dann entweder Geld nachschießen müssen, oder aber die Aktie wird verkauft. Bereits im Zuge der ersten Abwärtsbewegung im vergangenen Frühjahr waren die Margin-Calls für heftige Kursbewegungen nach unten verantwortlich. Dass auf dem niedrigeren Niveau nun immer noch Anleger ihre Depots auf Kredit finanzieren, zeigt eines: Der Markt ist auf eine Aufwärtsbewegung positioniert und damit ist wenig Raum für Kursgewinne gegeben.

          Wenn die Bewertungen vernünftige Niveaus erreicht hätten, wäre die Hoffnung auf eine baldige Bodenbildung vielleicht gerechtfertigt. Aber der S&P-Index verweilt noch immer auf einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 25, was historisch hoch ist. Zudem kommen die Bewertungsniveaus nicht nach unten, weil durch die täglichen Gewinnwarnungen trotz der bereits korrigierten Kurse die KGVs hoch bleiben. Ungewiss ist auch noch, welche Kurs-Gewinn-Verhältnisse für Technologiewerte gerechtfertigt sind. In der Hausse galt am Neuen Markt immer, dass die High-Techs auf Grund ihrer Zukunftsaussichten höhere KGVs verdienen. Aus der heutigen Sicht heraus könnte man aber auch argumentieren, dass sie auf Grund der Unsicherheit ihrer Prognosen möglicherweise einen Abschlag gegenüber den Standardwerten verdienen.

          Wenn die Old und New Economy - wie derzeit angenommen - wenig korrelieren, wäre das immer noch hohe Niveau beim Dow Jones Index und S&P-Index gerechtfertigt. Denn bei den amerikanischen Standardwerten hat sich im Vergleich zu den Technologiewerten noch relativ wenig getan. Zum Wochenbeginn sind jedoch nach der Ericsson-Gewinnwarnung nicht nur die Technologiewerte nach unten gerutscht, sondern auch die vermeintlich sicheren Häfen der Old Economy. Nüchtern betrachtet ist es genauso unwahrscheinlich, dass der vermeintliche Wirtschaftsabschwung an den Gesellschaften der Old Economy vorbei geht, wie die These von vor einem Jahr, dass Technologiewerte nicht-zyklisch sind. Sollten nun die ersten Dow-Werte merkliche Schwächeanzeichen geben, so dürfte hier noch weiterer Anpassungsbedarf nach unten bestehen.

          Wenn die Analystenschar nicht im Einklang die Hypothese vom Aufschwung im zweiten Halbjahr propagieren würde, wäre der Boden vielleicht nahe. Star-Analystin Abby Joseph Cohen hat sich noch vergangene Woche vor die Kameras gestellt und Investoren zum Einstieg bei Aktien geraten. Selbst wenn bei einem positiven Szenario die Bodenbildung nahe ist, so erscheint die Empfehlung angesichts der Gewinnwarnungen und damit verbundenen Unsicherheit schon fragwürdig. Der Verdacht liegt nahe, dass die großen Investmenthäuser die letzten Asse aus dem Hemdärmel ziehen, um ein gänzliches Absaufen der Aktienkurse zu verhindern. Und dies dürften sie kaum uneingennützlig machen, sondern wahrscheinlich eher, weil einige noch aussteigen wollen.

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