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Kommentar : Brexit abwarten und Tee trinken

  • -Aktualisiert am

An diesem Sonntag geht der Wahlkampf in Britannien weiter: Labour-Parteichef Jeremy Corbyn (für EU-Verbleib) und Justizminister Michael Gove (für EU-Austritt) diskutierten in der BBC. Bild: dpa

Die Briten müssen sich nur zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden: Gehen oder Bleiben. Für die Anleger ist die Qual der Wahl ungleich größer.

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          Beinahe sind sie zu beneiden, die Briten. Nicht nur, weil sie bei dem EU-Referendum über ihr Schicksal selbst bestimmen, sondern auch, weil sie sich am Donnerstag nur zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden müssen: Remain oder Leave, also Bleiben oder Gehen. Für Anleger, die einen Brexit befürchten, ist die Qual der Wahl größer: Sie müssen sich zwischen Hold, Sell oder Buy entscheiden. Also darüber, ob sie angesichts der von der Insel ausgehenden Unsicherheit bestimmte Anlageklassen lieber halten, kaufen oder verkaufen sollten.

          Hatten sich viele Anleger monatelang nicht sonderlich um einen Brexit geschert, so haben sie in den vergangenen Tagen nervös umgeschichtet: raus aus den risikobehafteten Klassen wie Aktien, hinein in sichere Anlagen. Besonders den Dax hat das belastet. Die vergangenen drei Wochen beendete er im Minus, seine Schwankungen waren enorm, teilweise verlor er 700 Punkte binnen drei Tagen. Aufgeschreckt wurden Anleger von Prophezeiungen, dass es beim Brexit zu „Schockwellen“ an den Aktienmärkten und Kursverlusten von bis zu einem Viertel kommen könnte.

          Die Flucht in sichere Anlagen hat dazu geführt, dass zehnjährige Bundesanleihen erstmals in ihrer Geschichte eine negative Rendite aufweisen, und dazu, dass Gold als vermeintlich sicherer Hafen in Euro gerechnet so teuer wurde wie seit April 2013 nicht mehr. Auch der Franken und der Yen waren als Devisen begehrt, während Pfund und Euro unter Druck gerieten. Deshalb beobachten Notenbanker in aller Welt die britische Abstimmung mit Argusaugen: Sollte es zum Brexit kommen, würden sie wohl einschreiten, Zinsen senken und ihre Währung schwächen. Wenn die ganze Finanzwelt sich auf den schlimmsten Fall vorbereitet, wie kann man da als Anleger die Ruhe bewahren?

          Man könnte es auf altenglische Weise: mit Distanz, Gleichmut und steifer Oberlippe den Unbilden trotzen. Denn zum einen kostet hektisches Umschichten Geld, das künftig erst wieder verdient werden muss. Zum anderen kann man sich in gewissem Maße auf den Brexit vorbereiten, wie es taktisch gewiefte Investoren tun. Sollten nämlich die Börsenkurse wie erwartet abstürzen, ergeben sich „kurzfristig großartige Chancen am Aktienmarkt“, wie die DZ Bank sagt. Um die Chancen nutzen zu können, könnte man schon mal nach attraktiven Kaufkandidaten Ausschau halten und genügend Liquidität zurückhalten, um zu reagieren. Ein Bye der Briten würde also schnell zum Buy für den Anleger.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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