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Chance für Gründer : Können Finanz-Startups die Corona-Krise nutzen?

Mehr Zeit zuhause am Smartphone: Viele Menschen greifen in der Corona-Krise verstärkt auf die Dienste von Fintechs zurück. Bild: www.plainpicture.com

Die Krise ab 2008 sorgte für eine Welle neuer Gründungen in der Finanzbranche. Dieses mal erleiden die etablierten Geldhäuser keinen großen Vertrauensverlust. Profitieren Fintech-Gründer trotzdem von der Corona-Krise?

          5 Min.

          Krisen wirken oft wie Katalysatoren auf junge Unternehmen, so auch die Finanzkrise 2008 für die Fintech-Branche. Während das Vertrauen in traditionelle Banken schlagartig schwand, orientierten sich viele junge Talente in der Branche um und entwickelten ihre eigenen Ideen außerhalb großer Konzerne. „Viele von Lehman Brothers’ besten Angestellten, die nach dem Zusammenbruch der Bank gingen, entschieden sich, ihr eigenes Geschäft zu starten“, erzählt etwa der Gründer und Chef der britischen Neo-Bank Revolut, Nikolay Storonsky. Bis zum Zusammenfall der Investmentbank arbeitete er als Händler in der damaligen Wall-Street-Institution. Eine Generation von Entrepreneuren sei aus der Asche gestiegen, so Storonsky – aber viele seien desillusioniert worden vom Finanzsystem.

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Wie Revolut, heute eines der wertvollsten Fintechs Europas und 2015 gegründet, entstanden rund um die Finanzkrise herum zahlreiche Finanz-Start-ups, die mittlerweile Bewertungen von mehreren Milliarden Dollar aufweisen wie etwa das amerikanische Fintech Stripe. Das 2010 gegründete Unternehmen ist das derzeit am höchsten bewertete Start-up der Welt mit schätzungsweise 36 Milliarden Dollar – und damit sogar wertvoller als das Raumfahrtunternehmen Space X von Elon Musk.

          Unterschied zur Finanzkrise

          Doch wie wirkt sich die Corona-Krise zehn Jahre später auf die Fintech-Szene aus? Ein signifikanter Unterschied zur vorigen Finanzkrise von 2008 ist, dass die traditionellen Finanzinstitute nicht verantwortlich für die Pandemie sind und daher keinen massiven Vertrauensverlust erleiden – wovon die Fintechs profitieren könnten. Zudem wird das Finanzierungskorsett der Investoren derzeit enger geschnürt als in den vergangenen Jahren. Die Befürchtung ist groß, dass dadurch überlebenswichtige Investitionen für die jungen Unternehmen ausbleiben.

          Aus dem aktuellen „Venture Pulse“-Bericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, in dem die Wagnisfinanzierungen des ersten Quartals 2020 analysiert werden, lassen sich schon erste Rückschlüsse aus der Krise ziehen: Zwar blieb ein Einbruch der Finanzierungen aus, die Investitionen gingen dennoch um mehr als 4 Prozent zurück; am stärksten jedoch in Asien, wo sich das Coronavirus anfangs am schnellsten ausbreitete. Der Ausblick für das zweite Quartal und das restliche Jahr gestaltet sich jedoch düsterer.

          Insgesamt sei mit einem Rückgang der Gesamtinvestitionen infolge von Covid-19 zu rechnen, sagt Bernd Oppold von KPMG. Junge Fintechs mit unfertigen Geschäftsmodellen und hohen Kosten werden besonders von der Krise betroffen sein, meint er. „Einige von ihnen werden wahrscheinlich übernommen oder könnten auch ganz vom Markt verschwinden.“ Fintech-Fachmann Alexander Baumgart von der ING-Bank sieht das ähnlich. „Wir vermuten, dass Investoren derzeit zurückhaltender sind als vor der Krise, weil viele abwarten wollen, wie sich die Dinge entwickeln“, sagt er.

          Oppold sowie Baumgart relativieren jedoch: Das gilt nicht für Unternehmen, die bereits vor der Krise erfolgreich waren. Fintechs mit bewährten Geschäftsmodellen, die von diesen Veränderungen profitieren, dürften weiterhin ausreichend finanziert und von Investoren unterstützt werden, sagt Bernd Oppold. „Wenn Fintechs, die bereits vor der Krise erfolgreich waren, weitere Finanzierungsrunden planen, erwarten wir, dass sie diese trotz Krise realisieren können“, findet auch Baumgart. Vielleicht verschöben sich Investitionsrunden und Bewertungen von Start-ups, er sehe aber nicht, dass Investitionen nun gar nicht mehr stattfinden. Schwierig könne es dagegen für Neugründungen werden, meint Baumgart.

          Krise beschleunigt Digitalisierung

          Die Gründer selbst warnen dagegen vor allzu schnellen Rückschlüssen: Noch sei es zu früh, alle Auswirkungen der Corona-Krise einschätzen zu können, sagt Thomas Niemann, Gründer und Chef des Fintechs Paylax, und blickt der Krise optimistisch entgegen. Denn wenn etwas sicher sei, dann dass die Krise die Digitalisierung in vielen Bereichen beschleunigt habe und Fintechs dadurch gute Chancen hätten, gestärkt aus ihr hervorzugehen. Dafür sprechen auch Zahlen der Finanzberater der deVere Group. Demnach verzeichneten die Fintech-Apps einen wahren „Nutzungsboom“ mit einem Zuwachs von mehr als 70 Prozent Ende März.

          Von Beschleunigung spricht auch der Deutschland-Chef der französischen Neo-Bank Qonto, Philipp Pohlmann. Ausgelöst durch die Corona-Krise, seien Makro-Bewegungen im Zahlungsverkehr wie beispielsweise das kontaktlose Zahlen beschleunigt worden, sagt er und fügt hinzu: „Viele – auch und gerade konservativ eingestellte Kunden – haben festgestellt, dass der persönliche Kontakt nicht zwingend notwendig ist und digitale Angebote besser auf die heutigen Bedürfnisse zugeschnitten sind.“

          Bieten Fintechs also die besseren Angebote im Vergleich zu den etablierten Finanzinstituten? Während in der Finanzkrise weltweit das Vertrauen in die traditionellen Finanzinstitute schwand, kommt diesen aktuell dagegen eine Schlüsselposition zu. „Traditionelle Universalbanken haben in der Corona-Pandemie eine ganz zentrale Aufgabe“, gibt Pohlmann zu. Sie müssen die Liquiditätsvergabe an die betroffenen Unternehmen sicherstellen und Schnellkredite über die KfW gewährleisten. Dies sei derzeit den traditionellen Banken vorbehalten. Er appelliert daher an eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Bankinstituten und den Fintechs, die sich in vielen Bereichen ergänzen können.

          Digitaler Treuhandservice gefragt

          Vielen Fintechs gibt die Krise aktuell aber auch Auftrieb. „Wir haben seit Beginn der Krise einen starken Anstieg von Treuhandzahlungen verzeichnet“, sagt etwa Paylax-Chef Thomas Niemann. Im ersten Quartal habe das Unternehmen bereits das Jahresvolumen von 2019 übertroffen. Das Fintech bietet eine Art digitalen Treuhandservice an. Zahlen Kunden mit Paylax ein, bleibt das Geld so lange auf einem Treuhandkonto, bis die bestellte Ware vom Händler bei ihnen angekommen ist.

          So soll sichergestellt werden, dass im Betrugsfall der Verkäufer nicht mit dem Geld verschwindet. Fake-Shops und Online-Betrüger erleben eine regelrechte Blütezeit, begründet Niemann die wachsende Nachfrage. Viele Unternehmer stellen nun Schutzmasken für ihre Mitarbeiter bereit. „Vor der Corona-Krise konnte man ohne Bedenken über seriöse Internetplattformen Gesichtsmasken, Atemschutz und Desinfektionsmittel kaufen. Das nutzen Betrüger aus und erkennen ihre Chance auf schnelles Geld, indem sie gar nicht liefern oder nur gefälschte oder minderwertige Produkte“, ergänzt der Paylax-Chef.

          Eine deutliche Veränderung spürt auch das Berliner Fintech Pair Finance, ein digitales Inkasso-Unternehmen. Das 2016 gegründete Finanz-Start-up lässt einen Algorithmus entscheiden, auf welche Art und Weise der Schuldner zur Zahlung aufgefordert wird. Wer zum Beispiel viel unterwegs ist, wird eher über das Smartphone kontaktiert, zum Beispiel über Whatsapp. „Wir merken aktuell, dass die Kunden Ratenzahlungen stärker nachfragen und Direktzahlungen geringer werden“, sagt Stephan Stricker, Gründer von Pair Finance. Wenn in der Krise insgesamt weniger online gekauft werde, hieße das in der Absolutheit auch, dass weniger Kunden auf die Inkasso-Leistung zurückgreifen würden. Mittelfristig, betont Stricker, würden die Unternehmen aber stärker auf ihre Liquidität achten. Das Forderungsmanagement werde dann wichtiger. Das habe man auch schon in der Finanzkrise gesehen, als Inkasso-Dienstleistungen stärker nachgefragt worden seien.

          Sorge um nächste Generation

          Einige Gründer wirken dagegen sogar fast überrascht, dass ihr Geschäft weiterhin brummt. So etwa das finnische Fintech Holvi, das Geschäftskonten für Selbständige – die von der Krise besonders stark gebeutelt sind – anbietet. „Wir sehen keinen Rückgang an Neukunden“, sagt Holvi-Chef Tuomas Toivonen im Gespräch. Ganz im Gegenteil, so sei der April ein Rekordmonat für Kontoeröffnungen gewesen. „Vielleicht haben die Menschen im Moment mehr Zeit, sich mit den verschiedenen Angeboten auseinanderzusetzten“, vermutet er. Dennoch, die Aktivität der Bestandskunden habe nachgelassen, sagt Toivonen. Er mache sich jedoch Sorgen um die nächste Generation von Entrepreneuren.

          Gründer zu sein, das sei in den vergangenen zehn Jahren zu einer etablierten Berufsbezeichnung geworden. Doch wer in jungen Jahren während einer Krise seine Erfahrungen sammele, den könne diese für lange Zeit prägen, mahnt Toivonen. Wer in Zeiten der Finanzkrise aufgewachsen ist, habe später weniger Vertrauen in Banken gehabt. Wenn Gründer in Krisenzeiten in die Insolvenz rutschen, brennt sich dieses Bild ein.

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