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Kampf um Rohstoffe : Das brisante Paradoxon des Kobalts

Ein Kongolese balanciert seine Erträge auf dem Rücken durch eine Mine im südlichen Kongo. Bild: Reuters

Den Rohstoff braucht man für Batterien in umweltfreundlichen Elektroautos. Doch ausgegraben wird Kobalt im Kongo zum Teil von Kinderhand – und verarbeitet in China in umweltbelastenden Raffinerien.

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          Ein eher weniger bekannter Rohstoff hat in den vergangenen anderthalb Jahren eine bemerkenswerte Karriere gemacht: Der Preis von Kobalt, benannt nach einem Kobold-Wesen aus der griechischen Mythologie, hat sich seit dem Sommer 2016 mehr als verdreifacht. Von gut 21 000 Dollar je Tonne stieg der Preis an der Londoner Industriemetallbörse LME auf knapp 78 000 Dollar. Ein Signal, dass offenkundig irgendetwas Ungewöhnliches los ist mit diesem Rohstoff.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In früheren Zeiten wurde Kobalt vor allem von Malern geschätzt und bisweilen als Ersatz für das noch teurere Ultramarin verwendet. Für Vincent van Gogh war Kobaltblau das Himmelsblau, und Claude Monet benutzte Kobaltpigmente beispielsweise für die Darstellung von Schatten. Porzellan wie das berühmte aus der Manufaktur Meissen wurde gern mit kobaltblauen Mustern bemalt – und Glas wurde mit Kobaltverbindungen sogar komplett blau eingefärbt.

          Die neue Liebe zu dem alten Rohstoff aber hängt mit der Entwicklung der Elektromobilität zusammen. Kobalt wird, ähnlich wie Lithium, für die Herstellung von leistungsfähigen Batterien für Elektroautos benötigt. Es wird dort für die Kathode gebraucht, einen Teil der Batterie, und soll für eine besondere Energiedichte und damit Kapazität und Reichweite sorgen.

          Steigender Bedarf von Autoherstellern

          Schon in den vergangenen Jahren ist die Nachfrage nach Kobalt dementsprechend deutlich gestiegen. Nach Zahlen der Deutschen Rohstoffagentur lag die globale Kobaltnachfrage im Jahr 2015 bei rund 90 000 Tonnen, fünf Jahre vorher waren es nur 65 000 Tonnen gewesen. Bis 2025, so schätzt die Rohstoffagentur, werde der Gesamtbedarf auf 155 000 Tonnen oder mehr im Jahr steigen.

          Die Erwartung eines solch rasanten Nachfrageanstiegs hat die Spekulation angeheizt. Viele Fachleute meinen, die Preise könnten jetzt schon übertrieben sein. Zum Teil werde der Rohstoff sogar physisch von Spekulanten gehortet. Ob es aber am Ende wirklich zu Engpässen kommt, oder ob die Förderung ausgebaut wird oder aber der technische Fortschritt den Ersatz von Kobalt in Batterien durch andere Materialien möglich macht – das ist noch keineswegs ausgemacht.

          Die Menschen haben oft kaum technische Hilfsmittel und zwängen sich durch enge Tunnel ins Erdreich.

          Immerhin aber versuchen große Autohersteller gerade, sich im Wettstreit durch langfristige Lieferverträge Zugriff aufs Kobalt zu sichern. Das ist aber offenkundig gar nicht so einfach. Volkswagen sorgte vor Weihnachten für Meldungen, entsprechende Versuche seien zweimal gescheitert. Und BMW teilte am Dienstag auf Anfrage mit, man befinde sich in Gesprächen, um die Kobalt-Versorgung für die eigenen Zulieferer für fünf bis zehn Jahre zu kalkulierbaren Preisen zu sichern. Bislang gebe es noch keinen Vertrag. BMW sei aber zuversichtlich.

          Bedenkliche Förderung und Verarbeitung

          Selbst den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) beschäftigt dieses Thema: „Ohne Hightech-Rohstoffe wird es keine Zukunfttechnologien aus Deutschland geben“, warnt der Verband. Die Schwierigkeit dabei ist aber nicht in erster Linie die physische Knappheit des Rohstoffs, sondern die Regionen, in denen er vorkommt – und die Umstände, unter denen er aus dem Boden geholt und weiterverarbeitet wird.

          Rund 60 Prozent der globalen Kobalt-Förderung finden in der Demokratischen Republik Kongo statt, dem früheren Zaire, einer extremen Krisenregion. Und der bei weitem größte Anteil der Weiterverarbeitung in Raffinerien findet in China statt – unter Umständen, die alles andere als umweltfreundlich sind.

          Die Förderung und Verarbeitung von Kobalt ist unter ökologischen und sozialen Gesichtspunkten heikel. „Häufig erfüllen diese Länder nicht unsere Sozial-, Umwelt- und Menschenrechtsstandards“, räumt Matthias Wachter ein, Rohstoff-Fachmann des BDI. Im Kongo ist die Förderung mit Menschenrechtsverletzungen verbunden, es gibt Kinderarbeit, eine hohe Gesundheitsbelastung für die Arbeiter und eine starke Verquickung mit der Finanzierung von bewaffneten Konflikten und Warlords. „Die deutsche Industrie versucht, mit ihren langfristigen Lieferverträgen auch hohe humanitäre und ökologische Standards zu vereinbaren“, sagt Wachter. „Aber das macht es nicht leichter, wenn Länder wie China den Bergbauunternehmen das Kobalt auch ohne Bedingungen abnehmen wollen.“

          Kobalt nur ein Nebenprodukt

          Auch BMW sagt, dass sie mit ihren Lieferverträgen nicht nur einen Rahmen für die Preise, sondern auch soziale und ökologische Standards vorgeben wollen. Aber dass solche Vorgaben einen Vertragsabschluss gegen die Konkurrenz aus China nicht eben leichter machen.

          Oft ist die Kobalt-Gewinnung in Ländern wie dem Kongo dabei ein Nebenprodukt der industriellen Förderung anderer Metalle, wie Kupfer oder Nickel. In anderen Fällen gibt es aber auch noch eher primitiven Tagebau und Kleinbergbau, häufig im Nebenerwerb. Laut Rohstoffagentur macht die Gewinnung von Kobalt als Nebenprodukt des industriellen Kupferbergbaus im Kongo etwa 80 Prozent aus. 20 Prozent entfielen auf den sogenannten „artisanalen“ (handwerklichen) Kobaltbergbau, der eine wichtige Lebensgrundlage für die Bevölkerung im Ostkongo darstelle – bei allen Schwierigkeiten.

          Kobalt wird bei der Suche nach Kupfer oft als Nebenprodukt gefördert.

          Ein westlicher Konzern, der noch eine Mine im Kongo betreibt, ist Glencore mit Sitz in der Schweiz. Früher gab es mehr westliche Konzerne in der Kobalt-Förderung, viele haben sich aber im Laufe der vergangenen Jahrzehnte zurückgezogen. In Deutschland hat 1955 in Rottweil die letzte alte Kobaltmine geschlossen. Manche Unternehmen denken schon wieder darüber nach, sich an Minengesellschaften zu beteiligen – aber Lieferverträge wären einfacher. Teuer sind die aber auch: „Aus dem Nachfragermarkt ist ein Anbietermarkt geworden“, sagt Wachter. Die Macht haben jetzt die Lieferanten – selbst Weltkonzerne wie Volkswagen kommen nicht leicht dagegen an.

          Asien im Vorteil

          Vor allem die Volksrepublik China ist stets ein wichtiger Konkurrent bei Gesprächen über Kobaltlieferungen. Der größte Teil der Weltförderung geht schon nach Asien zur Weiterverarbeitung. Ein Teil davon kommt danach auf den Weltmarkt für die globale Produktion – der andere Teil wird in China, Korea und Japan vor allem für die Herstellung von Batteriezellen verbraucht. Mit dem Rohstoff sichert Asien sich also gleichsam die Grundlagen dieser Industrie.

          Das alles zeigt, dass es mit der Umweltfreundlichkeit nicht immer so einfach ist. Deutschland will die als umweltfreundlich gepriesenen Elektroautos. Aber die sozialen und ökologischen Schwierigkeiten, die mit der Batterieherstellung verbunden sind, werden in den Kongo und nach China exportiert.

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