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Langfristige Klimaerwärmung : Die Weizenpreise in Amerika werden steigen

  • -Aktualisiert am

Landwirte ernten ein Weizenfeld im Landkreis Hildesheim. Bild: dpa

Wegen der anhaltenden Erderwärmung dürften Lebensmittelpreise immer teurer werden – vor allem der Weizen. Sein Wert könnte um bis zu 30 Prozent zulegen – und damit ein Rekordhoch von 2008 erreichen.

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          Das Wetter kann es uns eigentlich niemals recht machen. Entweder es gibt zu viel Sonne oder zu viel Regen oder zu viel Schnee. Oder es ist zu kalt, zu heiß, zu dunkel oder zu was-auch-immer. Man muss deshalb kein allzu großer Prophet sein, um mit einer hohen Trefferwahrscheinlichkeit vorherzusagen, dass wir uns alle das aktuelle Super-Sonnen-Sommer-Wetter zurückwünschen werden, sobald es durch ein paar kältere Regentage abgelöst worden ist. Dass wir es momentan noch nach Kräften verwünschen, wird dann bestimmt vergessen sein.

          Dabei ergibt es, eine Binse, keinen Sinn, über das Wetter zu lamentieren. Egal wie sehr wir die letzten Monate ohne Regen und mit viel Sonne oder das zurückliegende Winterhalbjahr mit viel Regen und wenig Sonne auch beklagen: Wir werden es nicht ändern können. Wenn die Sonne scheint, dann scheint sie eben. Wenn es regnet, dann regnet es. Wenn es kalt ist, dann ist es eben kalt, und wenn es heiß wie in den letzten Wochen ist, dann ist es eben heiß. Für alle gesundheitlich nicht Beeinträchtigten gilt: Es gibt für jedes Wetter die richtige Klamotte, und im Zweifel können wir auch mal drin bleiben oder einen Schluck Wasser mehr trinken.

          Ganz anders stellen sich die Dinge dar, wenn das Wetter zum dauerhaften Klima wird und anfängt, unsere Lebensgrundlagen zu verändern: Schmelzen der Polarkappen, Anstieg des Meeresspiegels, der Verlust von Anbauflächen und Süßwasservorräten et cetera. Das hört sich alles weit weg und für die heute aktiven Generationen als nicht gar so relevant an. Aber dem ist nicht so: Wahrscheinlich erleben wir gerade einen Vorgeschmack auf das, was wir künftig als Normalität erfahren könnten. Die Trockenheit hinterlässt ihre Spuren. Die landwirtschaftlichen Erträge werden in weiten Regionen Deutschlands deutlich hinter denen der Vorjahre zurückbleiben. Das lässt die Preise hierzulande beispielsweise für Weizen deutlich ansteigen. Konnte man eine Tonne Weizen einer Standardqualität an der Pariser Terminbörse MATIF vor drei Monaten noch für 165 Euro kaufen, so muss man dafür heute fast 210 Euro auf den Tisch legen.

          Preise für Standardweizen um 25 Prozent gestiegen

          Wirklich nachdenklich gestimmt darf man werden, wenn man weiß, dass auch in den Hauptanbaugebieten der Vereinigten Staaten seit geraumer Zeit der Regen fehlt und auch dort deshalb die Weizenpreise steigen. Im abgebildeten Chart sieht das alles noch nicht gar so dramatisch aus. Aber erstens sind auch dort die Preise für eine Standardweizenqualität an der CBOT (Chicago Bord of Trade) in den letzten drei Monaten um rund 25 Prozent, von 450 auf 560 Cent pro Bushel (rund 27 Kilogramm) gestiegen, und zweiten kann aus technischer Sicht kaum ein Zweifel daran bestehen, dass sie dies weiter tun werden. Dafür spricht insbesondere die Überwindung der mächtigen Widerstandszone zwischen 470 und 490 Cent je Bushel.

          Wahrscheinlich wird auch der Abwärtstrend der letzten sechs Jahre dem Ansturm der Weizenbullen nicht mehr lange standhalten, und das kann und darf analytisch niemals unterschätzt werden. Solche Brüche markieren im Normalfall Gezeitenwenden. Aber auch viele weitere technische Instrumente und Indikationen, die hier nicht abgebildet sind, weisen sehr deutlich darauf hin, dass wir im amerikanischen Weizen-Chart eine abgeschlossene Bodenbildung über 415 bis 425 Cent vorfinden und weitere sehr signifikante Preissteigerungen kaum noch zu vermeiden sein dürften. Ich rechne deshalb damit, dass der Weizenpreis im Laufe der nächsten beiden Jahre wenigstens um weitere rund 30 Prozent zulegen und damit Niveaus rund um den Widerstandsbereich bei 750 Cent erreichen wird.

          Diese Einschätzung wird durch einen Blick auf andere landwirtschaftliche Erzeugnisse unterstützt. Auch wenn die Charts von beispielsweise Mais oder Raps völlig andere Muster zeigen und deshalb kaum mit den europäischen und amerikanischen Weizencharts vergleichbar sind: Mittelfristig betrachtet sind auch bei ihnen signifikante Preissteigerungen ziemlich wahrscheinlich.

          Die wirklich wichtige Frage für mich ist aber, ob diese Entwicklung das Zeug hat, in Höhen vorzudringen, wie sie beispielsweise im Jahr 2008 mit Preisen von mehr als 2000 Cent je Bushel erreicht wurden. Damals löste die verstärkte Nachfrage nach Biotreibstoffen unter anderem einen dramatischen Anstieg der Maispreise in Mexiko aus und führte zur sogenannten „Tortilla-Krise“. Die nüchterne Antwort: Völlig ausschließen kann man es nicht. Der Chart zeigt es sehr deutlich: Wenn beim amerikanischen Weizenpreis ein Aufwärts- oder Abwärtstrend erst einmal losgetreten war, dann kannten die jeweiligen Entwicklungen über lange Jahre kein Halten mehr.

          Für mich sind tatsächlich auch solche Charts ein guter Grund dafür, mich übers Wetter hierzulande nicht allzu sehr aufzuregen, sondern es entweder so zu nehmen, wie es ist, und mich über diese tollen Sommertage richtig zu freuen. Verglichen mit den Problemen, die das Wetter beziehungsweise das Klima noch für uns und erst recht für weniger gesegnete Landstriche unserer Erde in den nächsten Jahrzehnten bereithalten dürfte, sind unsere aktuellen Schwierigkeiten mit ein wenig mehr Sonne als sonst kaum der Rede wert. Herbst und Winter werden früh genug wiederkommen.

          Wieland Staud leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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