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F.A.Z. Exklusiv : Kleinaktionäre wollen Sonderprüfung von Wirecard

Szene währende der Hauptversammlung von Wirecard im Jahr 2019 Bild: dpa

Der Anlegeranwalt Wolfgang Schirp fordert ein Ende des „Versteckspiels“ bei dem umstrittenen Zahlungsdienstleister. Einer Sonderprüfung muss allerdings die Hauptversammlung erst zustimmen.

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          Seit zehn Wochen untersuchen unabhängige Berater der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG die Bilanzen der Wirecard AG. Mitten in dieser Sonderprüfung hat der Aufsichtsratsvorsitzende Wulf Matthias sein Amt nun dem früheren Deutsche-Börse-Finanzvorstand Thomas Eichelmann überlassen. Der 75 Jahre alte Matthias habe sich entschieden, „den Vorsitz des Gremiums mit sofortiger Wirkung abzugeben, und damit einen Generationenwechsel einzuleiten“, gab der Dax-Konzern in der Nacht zum Samstag per Ad-hoc-Mitteilung bekannt.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          So überraschend der Zeitpunkt auch sein mag, der Schritt zur personellen Erneuerung des Aufsichtsgremiums ist folgerichtig. Denn seit die britische Wirtschaftszeitung „Financial Times“ dem Münchner Zahlungsdienstleister in einer ganzen Reihe von Artikeln bilanzielle Ungereimtheiten unterstellt und Zweifel an der Seriosität des Wirecard-Geschäftsmodells geschürt hatte, nahm der Unmut im Umfeld des Konzerns an der Außendarstellung zu.

          Fondsmanager und einige andere Investoren hatten wiederholt eine Professionalisierung des sechsköpfigem Aufsichtsrats angemahnt. Sie forderten zudem eine personelle Aufstockung des aus nur vier Personen bestehenden Vorstands um den Vorsitzenden Markus Braun.

          WIRECARD

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          Nicht zuletzt ging es um Fragen der Transparenz und der Compliance, und die KPMG-Sonderprüfung soll all dies klären. Sie war im Herbst von Matthias veranlasst worden. Drei Dutzend KPMG-Prüfer sind derzeit mit der Untersuchung befasst, und sie sollen – nach allem, was zu hören ist – ihre Arbeit sehr gründlich machen. KPMG berichtet direkt an das Aufsichtsgremium von Wirecard. Auch dort ist der Arbeitsaufwand gewaltig gestiegen, schließlich will Wirecard spätestens bis Ende Februar oder Anfang März den Untersuchungsbericht präsentieren.

          Eine Gruppe von Kleinaktionären will darauf nicht warten. Sie werden am Montag eine unabhängige, vollwertige Sonderprüfung nach Paragraph 142 AktG beantragen. „Wir wollen, dass das Versteckspiel aufhört“, sagte Rechtsanwalt Wolfgang Schirp, der die Aktionäre vertritt, am Sonntag der F.A.Z. Für eine solche Prüfung, mit der die Prüfgesellschaft Caperium Forensic Services GmbH von Rosemarie Helwig in Hamburg beauftragt werden soll, ist allerdings die Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung nötig. Ansonsten kann Schirp den Antrag erst auf der ordentlichen Hauptversammlung von Wirecard am 2. Juli stellen.

          Auch im neuen Jahr bleibt Wirecard also im Fokus einer sehr kritischen Öffentlichkeit. Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht mehr so überraschend, dass Matthias – immerhin ein langjähriger Weggefährte von Wirecard-Chef Braun – jetzt den Vorsitz an seinen 21 Jahre jüngeren Aufsichtsratskollegen übergibt. Eichelmann war vor einem halben Jahr in den Wirecard-Aufsichtsrat gewählt worden und hatte kurz darauf den Vorsitz im neu geschaffenen Prüfungsausschuss übernommen. Schon damals galt er als Kandidat für die Nachfolge von Matthias.

          Eichelmann war von 2007 bis 2009 Finanz- und Personalvorstand der Deutschen Börse, schied dort aber im Unfrieden vorzeitig aus. Zuletzt leitete er die Vermögensverwaltung des hessischen Unternehmers Lutz Helmig, Aton, und brachte Ende 2015 den Ingenieurdienstleister Edag an die Frankfurter Börse. Bis zum Jahr 2014 gehörte Eichelmann dem Aufsichtsrat des Baukonzerns Hochtief an und bis 2017 dem Aufsichtsrat des Finanzkonzerns Wüstenrot & Württembergische (W&W).

          „Mit meiner gesamten Erfahrung werde ich die Wirecard AG gerne in ihrer nächsten Wachstumsphase und in der weiteren Unternehmensentwicklung begleiten“, erklärte Eichelmann in der Mitteilung des Münchner Unternehmens. Er muss sich auf jede Menge Arbeit gefasst machen. Denn eines scheint jetzt schon klar: So schnell kommt Wirecard nicht zur Ruhe.

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