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Banken-Kommentar : Klarmachen zum Brexit-Manöver

  • -Aktualisiert am

Wird Frankfurt ein großer Gewinner des Austritts der Briten aus der EU? Bild: dpa

Der Brexit kann eine große Chance für Frankfurt sein. Das hat sogar Berlin nun erkannt.

          Banker lassen sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Harte Fristen sind sie gewohnt. Dass die wichtigsten Entscheidungen auf die allerletzte Minute fallen, gehört für jemanden, der Unternehmer in Fusionen und Übernahmen begleitet, zum Geschäft. Und doch lässt sich nicht bestreiten, dass hinter den Pokermienen der Bankmanager in Frankfurt die Nervosität langsam steigt. Sechs Monate sind es noch, bis Großbritannien die Europäische Union verlässt. Wie das Verhältnis zwischen Brüssel und London danach aussieht, ist derzeit völlig ungewiss.

          Eines dagegen ist sehr klar: Keine Bank kann es sich leisten, ihren Kunden am 1. April einzugestehen, dass sie sich mit dem Brexit verzettelt hat. „Sorry, wir dachten, es gäbe eine Übergangsfrist“, wird eine sehr schlechte Ausrede sein. Wenn die Banken nicht riskieren wollen, dass Geschäfte, die sie bislang von London aus im Rest der EU erledigt haben, von einem Tag auf den anderen ungültig sind, müssen sie sich auf den härtestmöglichen Brexit vorbereiten.

          Goldman, Citigroup, UBS

          „Wir müssen operational sein“, sagt der Deutschland-Chef einer großen Auslandsbank in dem branchenüblichen Mischmasch aus Deutsch und Englisch. Will heißen: Auch wenn der Austritt der Briten aus der EU im Chaos endet, muss alles so weit vorbereitet sein, dass die Kunden von einem Tag auf den anderen nicht mehr von London aus, sondern von einem anderen Standort in der EU bedient werden können. Die nötigen Büros, Computer und Mitarbeiter, für all das sollte bis dahin gesorgt sein.

          Einiges spricht dafür, dass Frankfurt in diesem großen Ausweichmanöver die erste Anlaufstelle wird. Im Buhlen um die Brexit-Banker hat der Finanzplatz am Main die Nase inzwischen weit vor Paris, Dublin und Luxemburg. So hat zumindest die Landesbank Hessen-Thüringen dieser Tage jubiliert, auch wenn man aus solchen Studien naturgemäß ein wenig Lokalpatriotismus herausrechnen muss.

          Mit 25 internationalen Großbanken haben sich bisher deutlich mehr Institute für Frankfurt entschieden als für jede andere europäische Finanzmetropole. Darunter die größten amerikanischen Häuser JP Morgan, Goldman Sachs, Morgan Stanley und Citigroup, die Schweizer UBS und Credit Suisse sowie einige britische und asiatische Adressen.

          Deutsche Börse steigert Marktanteil

          Doch was heißt das für Frankfurt? Werden wirklich bald 10.000 Brexit-Banker in der Mainmetropole ihre Büros beziehen, wie Standortwerber eisern behaupten? In jedem Fall ist der Bedeutungsgewinn Frankfurts in der Finanzwelt schon heute greifbar. Als ein Londoner Analysehaus kürzlich sein vielbeachtetes Finanzplatz-Ranking vorlegte, für das es regelmäßig Marktteilnehmer in aller Welt befragt, fand sich die Stadt am Main vom zwanzigsten auf den zehnten Platz hochkatapultiert – weit vor etwa Luxemburg und Paris.

          Bei der Verrechnung von auf Euro laufenden Terminkontrakten (Euro Clearing), die noch bis vor kurzem fast komplett über London lief, hat die Deutsche Börse ihren Marktanteil zuletzt deutlich steigern können. Die Deutsche Bank verlagert nach und nach eines ihrer wichtigsten Buchungszentren für internationale Wertpapiergeschäfte von London nach Frankfurt, samt Vermögenswerten von einigen hundert Milliarden Euro.

          Selbst die Bundesregierung hat brexitbedingt ihre seit der Finanzkrise gepflegte Distanz zu den Banken aufgegeben. Die Kanzlerin hat erst vor wenigen Wochen dem versammelten Finanzplatz einen Besuch abgestattet. Der SPD-Finanzminister wird nicht müde, sich für starke, international erfolgreiche deutsche Banken einzusetzen. Und nun sieht es so aus, als könne die Bundesregierung sich tatsächlich noch für eine Lockerung des Kündigungsschutzes für besonders gut verdienende Banker erwärmen. Das soll den Banken aus Übersee den Schrecken vor dem unhandlichen und potentiell teuren deutschen Arbeitsrecht nehmen.

          In Berlin hat man offenbar erkannt, dass der Zuzug aus London eine große Chance für das deutsche Finanzzentrum sein kann. Das abnehmende Licht von Commerzbank und Deutscher Bank hat dessen Strahlkraft zuletzt enorm beschädigt. Und dass das große Brexit-Manöver am Ende auch noch ganz anders ausgehen könnte, mit Paris als neuem europäischen Finanzzentrum, hat sich gezeigt, als die französische Hauptstadt den Zuschlag für die aus London wegziehende Bankenaufsicht Eba bekam, die der Nukleus für eine neue Superaufsichtsbehörde werden könnte.

          Zudem haben viele der internationalen Banken schon angekündigt, dass sie ihre EU-Aktivitäten künftig nicht von einem Ort aus steuern wollen. JP Morgan, Goldman Sachs, die UBS und selbst der Frankfurter Platzhirsch Deutsche Bank – sie alle planen derzeit damit, dass zum Beispiel die Betreuer italienischer Kunden in Mailand sitzen können und französische Mitarbeiter in Paris.

          Keines der Häuser rechnet aktuell mit mehr als 300 neuen Stellen in Frankfurt. Ob die 10.000 Banker also über kurz oder lang zusammenkommen, steht noch in den Sternen. Das Rennen um das neue Finanzzentrum der EU hat gerade erst begonnen.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

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