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Anwalt soll Bayer helfen : Der Mann für die schwierigen Fälle

Legendärer Jurist: Kenneth Feinberg Bild: Reuters

Kenneth Feinberg ist in den Vereinigten Staaten ein Staranwalt – und kennt sich aus mit Unternehmenskrisen. Nun soll er dem in Bedrängnis geratenen Bayer-Konzern in den Glyphosat-Fällen helfen. Auch ein anderer deutscher Konzern hat Erfahrung mit ihm.

          Kenneth Feinberg dürfte der prominenteste Schlichter in den Vereinigten Staaten sein. Der Washingtoner Staranwalt wird oft zu Hilfe gerufen, wenn es um heikle Angelegenheiten geht. Unternehmenskrisen gehören dabei zu seinen Spezialitäten. Eine seiner prominentesten Fälle der vergangenen Jahre war die Affäre um Abgasmanipulationen bei Dieselfahrzeugen im Volkswagen-Konzern. Die Deutschen hatten ihn 2015 angeheuert, um in Amerika einen Entschädigungsfonds für Besitzer der Autos zu betreuen, die Zusammenarbeit dauerte rund ein Jahr.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Jetzt hat der 73 Jahre alte Feinberg eine neue Aufgabe, bei der es um ein deutsches Unternehmen geht. Er soll als Schlichter in den Rechtsstreitigkeiten um etwaige Krebsrisiken von Unkrautvernichtungsmitteln mit dem Inhaltsstoff Glyphosat aktiv werden, denen sich die Bayer AG in Amerika gegenübersieht. Die Herbizide gehören den Deutschen seit der Übernahme des amerikanischen Wettbewerbers Monsanto im vergangenen Jahr. Feinberg wurde in diesem Fall nicht von Bayer rekrutiert, vielmehr berief ihn ein Richter in San Francisco, der für mehrere hundert Glyphosat-Klagen zuständig ist. Der Richter wählte ihn, nachdem sich Bayer und die Klägeranwälte nicht untereinander auf einen Schlichter verständigen konnten. Feinberg soll sich in den nächsten beiden Wochen mit den beteiligten Parteien treffen. Er muss noch immer offiziell zum Schlichter in den Verfahren ernannt werden, aber das dürfte eine Formalie sein.

          „Einer der erfolgreichsten Mediatoren in Amerika“

          Feinbergs Berufung kommt nur wenige Tage, nachdem Bayer im dritten Glyphosat-Prozess die dritte und bisher auch schwerste Niederlage hinnehmen musste. Geschworene eines Gerichts im kalifornischen Oakland verurteilten das Unternehmen, zwei Ehepartnern, die beide an Krebs erkrankt sind, mehr als zwei Milliarden Dollar zu zahlen. Michael Miller, einer der Klägeranwälte in diesem Fall, sagte nach der Entscheidung, er sehe Bayer nun unter „enormem Druck“, außergerichtliche Vergleiche anzustreben. Bayer-Vorstandsvorsitzender Werner Baumann hat bislang dagegen Vergleiche abgelehnt. Nach Feinbergs Berufung am Mittwoch sagte der Konzern, er werde „natürlich“ der richterlichen Anordnung zur Teilnahme an Schlichtungsgesprächen folgen, wies aber darauf hin, daneben auch weiter auf die Verteidigung von Glyphosast-Herbiziden vor Gericht fokussiert zu bleiben und auch zu versuchen, die bisherigen drei Urteile zu revidieren. Klägeranwalt Miller sagte der F.A.Z., er sei „sehr zufrieden“ mit der Bestimmung Feinbergs. Der Anwalt sei „einer der erfolgreichsten Mediatoren in Amerika“, weil er „umsichtig und fair“ mit beiden Seiten eines Disputs umgehe.

          In jedem Fall unterstreicht die Berufung eines Anwalts von Feinbergs Kaliber einmal mehr, wie ernst die Lage für Bayer ist. Neben dem Abgasskandal bei VW war der Anwalt schon in eine Reihe anderer schlagzeilenträchtiger Fälle eingebunden. Er war zum Beispiel für einen Fonds zuständig, den der britische BP-Konzern nach der Ölpest am Golf von Mexiko im Jahr 2010 zur Entschädigung von Betroffenen eingerichtet hat. Feinberg arbeitete auch für den Autohersteller General Motors, als dieser vor einigen Jahren von einer Rückrufaffäre wegen eines Zündschlossdefekts erschütterte worden war. Dieser Defekt wurde mit mehr als hundert Todesfällen in Verbindung gebracht, und es war Feinbergs Aufgabe, Geldzahlungen an Unfallopfer oder Hinterbliebene zu vereinbaren.

          Womöglich noch bekannter ist Feinberg für seine Einsätze in staatlichem Auftrag. Er wurde wiederholt nach Gewaltakten zu Hilfe gerufen, bei denen viele Menschen zu Tode kamen. Sein prominentester Fall war die Verwaltung eines Hilfsfonds für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001. Dabei verteilte er insgesamt sieben Milliarden Dollar an 5000 Überlebende und Hinterbliebene. Auch nach dem Massaker an einer Grundschule in Newtown und nach den Bombenanschlägen beim Marathon in Boston kümmerte er sich um Entschädigungen. Solche Aufgaben erledigt er „pro bono“ ohne Honorar, im Gegensatz zu seiner Arbeit für Unternehmen, die sehr lukrativ sein dürfte. Für die Regierung ist Feinberg nicht nur nach Greueltaten im Einsatz. Im Zuge der Finanzkrise vor rund einem Jahrzehnt wurde er zum Sonderbeauftragten für Managergehälter bei staatlich gestützten Unternehmen bestimmt. In vielen Fällen ordnete er Gehaltskürzungen im Management an.

          Feinberg träumte in seiner Jugend eigentlich einmal davon, Schauspieler zu werden, und als Student spielt er oft in Theaterstücken mit. Sein Vater legte ihm aber nahe, sein Gespür für den dramatischen Auftritt in einem solideren Beruf zu verwerten und Anwalt zu werden, also studierte er Jura. Danach arbeitete er unter anderem als Assistent für den amerikanischen Senator Ted Kennedy und als Staatsanwalt in New York. Die Aufgabe als öffentlicher Schlichter, für die er heute bekannt ist, übernahm er zum ersten Mal 1984. Damals arbeitete er in einer privaten Kanzlei und wurde von einem Bundesrichter gebeten, bei Produktklagen rund um das Entlaubungsmittel Agent Orange zu vermitteln, das während des Vietnam-Krieges eingesetzt wurde. Feinberg handelte einen Vergleich aus und fand Gefallen an der Schlichtungsaufgabe.

          Feinberg hält Vergleiche im amerikanischen Rechtssystem oft für die beste Lösung. In einem Interview mit der F.A.Z. sagte er einmal: „Rechtsstreitigkeiten ohne Schlichtung sind hier in Amerika oft endlos. Schlichtung bringt schnell eine Lösung und Gewissheit. Prozesse sind eine Lotterie.“ Es wird sich zeigen, ob er auch Bayer vom Sinn einer außergerichtlichen Einigung überzeugen kann.

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