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Börsenaufsicht : Katz-und-Maus-Spiel an der Wall Street

  • -Aktualisiert am

Der Ex-AIG-Manager Cassano spricht vor dem Ausschuss in Washington Bild: Bloomberg

Es kommt immer häufiger vor, dass die Verantwortlichen der Finanzkrise die Ermittler der Börsenaufsicht austricksten. Oft werden sämtliche Aussagen während eines Verhörs verweigert. Deshalb kommt es nur selten zum Prozess gegen Einzelpersonen.

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          Joseph Cassanos Anwälte hatten ganze Arbeit geleistet. „Wie Sie wissen, ist es mein aufrichtiger Wunsch, in dieser Angelegenheit mit den Behörden zusammenzuarbeiten“, sagte der ehemalige Manager des vom Staat mit 182 Milliarden Dollar vor dem Kollaps bewahrten amerikanischen Versicherungskonzerns AIG den Ermittlern der Börsenaufsicht SEC im September 2009 bei einem Verhör. Da ihm jedoch entlastende Informationen vorenthalten worden seien, und er sich Sorgen mache, dass Details der Ermittlungen in die Presse geraten könnten, bliebe ihm keine andere Wahl. Er müsse von seinem verfassungsmäßigen Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch machen, um sich nicht selbst zu belasten. Cassano, einer der zentralen Figuren beim Niedergang von AIG, hielt sich konsequent an diese Taktik. Er verweigerte in dem Verhör mit Hinweis auf die amerikanische Verfassung auf mehr als 200 Fragen eine Antwort – durchschnittlich alle 38 Sekunden. An einem Punkt wollte Cassano noch nicht mal seine Unterschrift auf einem Brief bestätigen.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Diese neuen Details über die Aufarbeitung der Finanzkrise stammen aus mehreren Abschriften von Befragungen unter Eid, die die SEC auf Antrag des „Wall Street Journal“ veröffentlichte. Neben AIG geht es in einer zweiten Angelegenheit um verdächtige Hypothekengeschäfte der Investmentbank Goldman Sachs.

          Die Abschriften bieten einen Einblick in ein juristisches Katz-und-Maus-Spiel, das teilweise komische Blüten trieb. Der Druck auf die Befragten und deren Angst, missverstanden oder zu kompromittierenden Aussagen verleitet zu werden, war so groß, dass sie teilweise noch nicht einmal banale Fakten einräumten. In einem Punkte konzentrierten sich die Ermittler auf Emails von zwei Goldman-Sachs-Mitarbeitern, die ein Smiley und den Satz „Ich wusste nicht, dass Du solch ein Komiker bist“ enthielten. Gefragt, ob er „offenbar einen Scherz“ gemacht habe, wollte sich der Banker aber partout nicht darauf einlassen, das fragliche Geschäft auf diese Weise zu charakterisieren. „Wir waren zu dieser Zeit alle sehr, sehr beschäftigt“, wich er aus. Bei den Ermittlungen ging es um eine von Goldman 2006 emittierte Hypothekenanleihe, die mit Ramschhypotheken des Anbieters Fremont General besichert war. Die SEC ging dem Verdacht nach, dass Goldman gegenüber Investoren möglicherweise falsche Angaben zur Qualität der Hypotheken gemacht hatte. Im August 2012 wurden die Ermittlungen ohne Ergebnis eingestellt.

          Die Vorsicht der Anwälte in den Befragungen war allzu verständlich. In Anhörungen vor dem Kongress waren Manager von Goldman Sachs wegen unachtsamer Emails regelrecht vorgeführt worden. Berüchtigt wurde die Mail, in dem ein Goldman-Manager eine an Investoren vertriebene Hypothekenanleihe als „Scheißgeschäft“ bezeichnet hatte. Senator Carl Levin wiederholte den Begriff bei einer Anhörung im April 2010 geschätzte fünfzig Mal. An der Wall Street bekannt geworden ist auch der elektronische Schriftverkehr des schließlich wegen Betrugs verurteilten Ex-Goldmans Fabrice „Fab“ Tourre. Der junge Banker hatte in einer Email an seine Freundin den Eindruck erweckt, den späteren Zusammenbruch der Finanzmärkte vorhergesehen zu haben. „Das ganze Gebäude steht vor dem Kollaps ... einzig möglicher Überlebender, der fabelhafte Fab“, schrieb Tourre damals. Tourre war im vergangenen Jahr von einem Geschworenengericht verurteilt worden. Die SEC hatte ihn beschuldigt, Kunden von Goldman wie die deutsche IKB-Bank beim Kauf komplexer Hypothekenanleihen getäuscht zu haben. Goldman hatte ähnliche Vorwürfe der SEC 2010 in einem außergerichtlichen Vergleich gegen die Zahlung einer Strafe von 550 Millionen Dollar beigelegt.

          Nur selten Prozesse gegen Einzelpersonen

          Der Fall Tourre war einer der seltenen Fälle in Zusammenhang mit der Finanzkrise, in denen es überhaupt zu einem Prozess gegen eine Einzelperson kam. Ermittlungen wegen des Beinahezusammenbruchs von AIG wurden 2010 eingestellt, ohne dass es zu Klagen gegen den Versicherer oder einzelne Manager wie Joseph Cassano gekommen wäre. Cassano war bis 2008 in London für die Sparte Finanzprodukte von AIG verantwortlich gewesen, deren Verluste den Versicherer in die Knie gezwungen hatten. AIG hatte Kreditausfallversicherungen für Hypothekenanleihen verkauft, die im Zuge der Krise stark an Wert verloren haben. AIG hatte diese Risiken unterschätzt und konnte irgendwann seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Von einem Ausschuss des Kongress redete Cassano im Juli 2010 dann doch etwas. Er habe versucht, die Risiken so gut wie möglich abzuschätzen, verteidigte er. Zudem wären die Verluste nicht so hoch ausgefallen, wenn die Regierung die Kreditausfallversicherungen nicht abgewickelt hätte. Ein Risikomanager von AIG, Kevin McGinn, der von der SEC im Februar 2010 befragt wurde, hatte allerdings vor ausufernden Kreditrisiken gewarnt. Er verglich Manager von AIG, die seine Warnung in den Wind schlugen, mit dem römischen Kaisers Nero, der der Legende nach auf einer Leier gespielt haben soll, als Rom brannte. Wer genau der Nero von AIG war, sagte McGinn allerdings nicht.

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