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OPEC : Kartellbrüder als Klima-Wohltäter

Vornehme Adresse in Wien: Generaldirektor Abdulhamid Alkhalifa im Konferenzzimmer des Fonds Bild: Mafalda Rakos

Die OPEC hat ihren Sitz in Wien. Doch kaum einer weiß, dass dort eine von ihr finanzierte Entwicklungsbank residiert. Der OPEC-Fonds will das jetzt ändern.

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          Die wenigsten Leute werden die OPEC mit einer Wohltätigkeitsorganisation in Verbindung bringen. Und doch reglementieren die Kartellbrüder nicht nur auf der ganzen Welt Ölexporte und damit den Preis des Öls, sie finanzieren auch eine Hilfsorganisation, die Entwicklungsländer mit Milliardenbeträgen unterstützt – und die jetzt vermehrt in Klimaschutz investieren will: der OPEC-Fonds für internationale Entwicklung in Wien. Generaldirektor Abdulhamid Alkhalifa hat die Kernzahlen schnell zur Hand. Seit Gründung im Jahre 1976 habe sich der Fonds an 4000 Projekten in 125 Ländern beteiligt, 22 Milliarden Dollar eigenen Geldes ausgegeben und 190 Milliarden Dollar Investitionen ausgelöst.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Das ist nicht eben wenig. Doch gegenüber regionalen Entwicklungsbanken oder der Weltbank ist der Fonds mit 200 Beschäftigten ein Zwerg. Viele haben nie von der prominent an der Wiener Ringstraße residierenden Organisation ge­hört, an den Finanzmärkten ist sie weitgehend unbekannt. Bisher musste man den Kapitalmarkt auch nicht anzapfen. Reichten das eingezahlte Kapital und die Zinseinnahmen auf Ausleihungen nicht aus, den wachsenden Hunger nach Krediten zu befriedigen, bat man die Mitglieder um Nachschuss.

          Testat „AA“

          Derzeit läuft die vierte Finanzierungsrunde, an deren Ende die zwölf Mitglieder des Fonds das eingezahlte Kapital von 3,4 auf 4 Milliarden Dollar erhöhen sollen. Doch Alkhalifa, der dem Fonds seit vier Jahren vorsteht, reicht das nicht, trotz „hervorragender“ Liquiditätslage. „Vor­aussichtlich im kommenden Jahr werden wir erstmals an den Kapitalmarkt gehen“, sagt er der F.A.Z., die Größenordnung ist noch offen.

          Deshalb will sich der Fonds bekannter machen. Die Zahl der Mitteilungen steigt, im Sommer beriet eine internationale Konferenz über „Förderung von Widerstandsfähigkeit und Gerechtigkeit“ in der Wiener Hofburg. Die Ratingagenturen Fitch und S&P haben Testate mit „AA“ und positivem Ausblick ausgestellt.

          Misslich und rufschädigend waren aus Sicht des Generaldirektors jedoch Berichte lokaler Medien über Diskriminierungen sowie unbotmäßiges und sexualisiertes Verhalten gegenüber im Fonds beschäftigten Frauen. Man sei den Vorwürfen nachgegangen, sie seien „unsubstantiiert“, sagt Alkhalifa. 2023 soll nun aber ein externer Ombudsmann weitreichende Kompetenzen als Ansprechstelle für Beschäftigte bekommen, die sich unrechtmäßig behandelt fühlen. „Ich werde nicht zulassen, dass Mitarbeiter hier unfair behandelt werden“, sagt der aus Saudi-Arabien stammende Manager, der erste Sporen bei der Weltbank in Washington verdient hat.

          „Das ist Wohltätigkeit“

          Sorgen machen ihm die Inflation, noch schneller steigende Nahrungsmittelpreise und das kletternde Zinsniveau. Nicht alles werde er an seine darbenden Kunden weitergeben können, weiß der Manager. „Wir versuchen, die Zinsaufschläge so gering wie möglich zu halten, aber von den ärmsten Staaten können wir nicht mehr verlangen. Da zahlen wir unter dem Strich zu, das ist Wohltätigkeit.“

          Dabei wird ein kleiner, zweistelliger Prozentsatz der jährlichen Zahlungen schon als Zuschuss vergeben. Das Geld steht damit für künftige Kredite nicht mehr zur Verfügung. Das alles habe Folgen für die Arbeit des Fonds: „Wir müssen die Transaktionskosten senken, damit mehr Geld und Hilfe bei den Leuten ankommt, die es brauchen.“

          Den Wechsel nach Wien hat Alkhalifa nicht bereut. Der OPEC-Fonds sei zwar klein, aber viel agiler als Großinstitutionen wie die Weltbank. „Wir können zügig Geld mobilisieren und sehr schnell entscheiden“, sagt er. Noch ein Unterscheidungsmerkmal hebt er hervor: „Wenn man normalerweise Mitglied sein muss, um Kredite zu bekommen, ist es beim OPEC-Fonds umgekehrt. Unsere Statuten schließen aus, dass Projekte unserer Mitglieder vom Fonds finanziert werden.“ Ausnahmen gibt es keine, auch nicht für Staaten am Rande des wirtschaftlichen Bankrotts wie Venezuela.

          10 Milliarden Dollar gegen Covid

          Allein ist der OPEC-Fonds selten aktiv. „Die meisten Projekte werden von anderen Entwicklungsbanken mitfinanziert“, sagt der Generaldirektor. Empfänger sind staatliche Akteure oder Private. Danach richteten sich die Partner aus, wie die auf die Privatwirtschaft ausgerichtete Osteuropabank EBRD oder der entsprechende Arm der Weltbank, die IFC. Schwerpunkt ist die Kooperation mit Ländern auf der Südhalbkugel der Erde. Die Hälfte des Engagements gilt Afrika, ein Drittel Asien. Aber auch in Europa gibt es ein paar Kooperationspartner: Belarus und Staaten des Westbalkans.

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