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Kapitalmarktforschung : Glücklich, wer vergessen kann

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Glücksforschung könnte auch der Börse nutzen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Nachhaltigkeit des Glücks ist eine der spannendsten Fragen der Glücksforschung. Die scheint sich nun auch auf die Finanzmarktforschung auszuwirken. Was „Happiness Research“ Anleger und Technische Analysten lehren kann.

          Glück, so sagt der Volksmund, ist die Gesundheit der Seele. Eine Definition, die vielen Wissenschaftlern wohl zu schwammig ist - sie versuchen, dem Phänomen Glück auf den Grund zu gehen. „Happiness Research“ nennt sich eine Forschungsdisziplin, die sich zunehmend etabliert und sich zum Liebling der Sozialwissenschaftler und Ökonomen entwickelt, die aber nun auch beginnt, in die Finanzmarktforschung auszustrahlen.

          Eine der spannendsten Fragen der Glücksforschung ist die nach der von der Nachhaltigkeit des Glücks: Können Menschen Schicksalsschläge und Rückschläge wegstecken, erreichen sie nach solchen herausragenden Ereignissen wieder das gleiche Wohlbefinden, das sie vorher hatten? Wenn dem so wäre, dann wäre das Leben letztlich nur eine hedonische Tretmühle, in der die äußeren Umstände einen kurzzeitig begrenzten Effekt auf das persönliche Wohlbefinden der Menschen - sprich: auf ihr Glück - haben.

          Menschen vergessen rasch an der Börse

          „Menschen gewöhnen sich an äußere Umstände“, sagt Joachim Goldberg von Cognitrend, der sich mit psychologischer Kapitalmarktforschung beschäftigt. Einer der äußeren Umstände, an die sich die Aktionäre in den vergangenen fünf Jahren gewöhnen mußten, waren satte Kursverluste - eine nachhaltige Beeinträchtigung des Aktionärsglücks? Vergleicht man Kursverluste beispielsweise mit einer Scheidung, so besteht Hoffnung.

          Studien haben gezeigt, daß Menschen zwar unter einer Trennung leiden, aber nach drei bis vier Jahren wieder in etwa das gleiche Glücksniveau erreichen, das sie im Vorfeld der Trennung hatten. Nun sind Scheidungen sicherlich schmerzlicher als Kursverluste - wie fühlen sich denn Aktionäre nach einer Baisse? Vermutlich besser als nach einer Scheidung, schenkt man der Forschung Glauben: „Studien haben gezeigt, daß Menschen auch an der Börse rasch vergessen - schon nach 90 Tagen beginnt der Einstandspreis zu verblassen, und nach einem Jahr haben ihn die meisten Aktionäre vergessen“, sagt Goldberg.

          Glücksgefühl der Anleger

          Das hat Folgen für das Glücksgefühl der Anleger, glaubt er: Die Menschen machen Frieden mit ihren Verlusten, weil die Erinnerung an den Einstandspreis verblaßt. „Deswegen kann man auch nicht von einer Vertrauenskrise an der Börse reden“, meint Goldberg. Im Gegenteil: Im mentalen Rückspiegel verblassen die Einstandspreise, man erinnert sich eher der Kurse der jüngsten Zeit, aber nicht mehr der Niveaus des Jahres 2000.

          Die Folge: „Viele Anleger haben als Referenzpreis jetzt die Tiefkurse der Jahre 2002 und 2003 im Kopf. Wenn sie jetzt verkaufen, dann haben sie eher das Gefühl, verglichen mit dem Jahr 2002 Gewinne zu machen, und weniger, die Verluste aus dem Jahr 2000 zu realisieren“, meint Goldberg. So wird es den Anleger nach fünf langen Jahren endlich möglich, Verluste zu realisieren - ein Verhalten, von dem die Wissenschaft weiß, daß dies den Anlegern in der Regel schwerer fällt als Gewinne mitzunehmen.

          Markt verliert sozusagen sein Gedächtnis

          Aus diesen Überlegungen ergeben sich auch einige praktische Ratschläge, beispielsweise für das Aktionärsglück: „Je häufiger Sie auf Ihr Depot schauen, um so rascher gewöhnen Sie sich an mögliche Verluste, und um so weniger schmerzhaft ist der Anpassungsprozeß in der Baisse“, glaubt Goldberg. Wer hingegen nur ab und an in sein Depot schaue, behalte seinen alten Referenzpreis länger im Kopf und gewöhne sich nur schmerzlich an die bereits eingetretenen Verluste.

          Ratschlag Nummer zwei richtet sich an Technische Analysten: „Wenn es so ist, daß sich der Referenzpreis der Anleger im Zeitablauf ändert, dann nützen ihnen langjährige Trendlinien für die Kapitalmarktanalyse wenig“, meint Goldberg. Wenn sich die Kurse, auf welche die Anleger Bezug nehmen, ändern, machen alte Kursmarken keinen Sinn mehr - der Markt verliert sozusagen sein Gedächtnis, das ihm Chartanalysten gerne unterstellen.

          Geld macht eben doch nicht glücklich

          Die letzte Schlußfolgerung aus der Glücksforschung hingegen macht Hoffnung: Wenn die Aktionäre Frieden mit ihren Verlusten geschlossen haben, dann gibt es auch keine Vertrauenskrise, und dann werden sie auch nicht mehr lange zögern, wieder auf den Börsenexpreß aufzuspringen. „Glaubt man der allgemein herrschenden Stimmung, dann müßte der Dax unter 4000 Punkten sein - statt dessen hält er sich erstaunlich fest. Das deutet darauf hin, daß die Anleger Vertrauen in die Märkte haben: Sie warten nur auf ein Zeichen, eine Initialzündung, um wiedereinzusteigen“, glaubt Goldberg.

          Und werden die dann vielleicht anstehenden Kursgewinne die Anleger glücklicher machen? Nicht notwendigerweise, glaubt die Glücksforschung: Sie hat festgestellt, daß das Glücksniveau eines Menschen im Schnitt etwa fünf Monate nach einem Lottogewinn wieder das alte Niveau erreicht. Aber eigentlich haben wir das ja längst geahnt: Geld macht eben doch nicht glücklich - fraglich, ob es uns dann überhaupt reich macht.

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