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Kapitalflucht : Euro-Krise treibt Londoner Immobilienpreise

  • -Aktualisiert am

Immobilienmakler in London: Die Griechen kaufen schon länger ein Bild: dpa

Immer mehr Italiener und Griechen kaufen Wohnungen und Häuser in der britischen Metropole. Die Preise steigen auf Rekordniveau.

          Die Londoner Immobilienmakler verstehen mehr von Finanzkrisen als mancher Banker. Kaum geraten die Reichen der Welt in Panik, klingeln bei den Maklern in London die Telefone, und es sind mal wieder Luxusimmobilien in bester Lage gefragt. Als im Juli die Risikoprämien am italienischen Anleihemarkt zu steigen begannen, ließen sich reiche Italiener in Chelsea und Kensington sofort die Millionenvillen zeigen. „Seit Juli sind fast ein Drittel unserer europäischen Investoren Italiener“, sagt Tracey Hayward von der Immobilienagentur Savills.

          Die Griechen kaufen schon länger ein: „Seit einem Jahr melden sich bei uns etwa 30 Prozent mehr Griechen und Italiener, um im London Immobilien für 1 bis 4 Millionen Pfund zu kaufen“, berichtet Noël de Keyzer aus dem Büro für Luxusimmobilien von Savills an der Sloane Street. Luxusappartements und Häuser kosten in dieser Gegend in Knightsbridge mehr als 2000 Pfund je Quadratfuß. Nach einer Aufstellung des Immobilienmaklers Knight Frank entspricht dies Preisen von 56300 Dollar je Quadratmeter. Damit ist London neben Monaco der teuerste Immobilienmarkt der Welt.

          Kapitalflucht aus den Euro-Krisenländern

          Die Makler von Knight Frank berichten, dass die Hälfte aller Wohnungen und Häuser von mehr als einer Million Pfund an ausländische Käufer gingen. Die Stadt profitiert nicht nur von der Kapitalflucht aus den Euro-Krisenländern, sondern auch von reichen Arabern, denen die Lage in ihren Umsturzländern zu heiß wird. Im kommenden Jahr werden es zudem wieder die Russen sein, die an den Markt kommen, denn in Russland wird gewählt und auch dies bedeutet offenbar Kapitalflucht. Knight Frank spürt jetzt schon die höhere Nachfrage aus Moskau. Die zentralen Lagen in London haben den Preiseinbruch lange wettgemacht, den ihnen die Finanz- und Bankenkrise beschert hatte.

          Seit März 2009 sind die Preise um 37 Prozent auf Rekordhöhe gestiegen, und die Aussicht für das kommende Jahr ist verlockend: Die wirtschaftliche Lage Großbritanniens ist so schlecht und der Zins so niedrig, dass das Pfund seinen schwachen Wechselkurs beibehalten wird. Die geopolitischen Risiken der Welt werden bleiben. Gleichzeitig wächst die Schicht der Reichen in den Schwellenländern, die ihren gehobenen Lebensstandard nutzen, um Kapital in „sicheren“ Ländern wie den Vereinigten Staaten und Großbritannien zu investieren. Sie setzen auf die englische Sprache, wollen von der Kultur der Städte profitieren und ihren Kindern eine angelsächsische Internats- und Studienausbildung bieten.

          Lohnende Kapitalanlage

          Dies erklärt, warum seit zwei Jahren 63 Prozent der neu gebauten Wohnungen in der Londoner Innenstadt von Ausländern gekauft werden. Sie nutzen die Wohnungen, um ihren Kindern eine Bleibe im Studium zu bieten, selbst London zu genießen und eine langfristig gute Kapitalanlage zu haben.

          Dass die Kapitalanlage sich lohnt, wird von den Immobilienagenturen nicht bezweifelt. Allerdings berichten die Makler, dass die Käufer nach den jüngsten Preissteigerungen etwas vorsichtiger geworden sind. Dennoch: Während Knight Frank in Großbritannien angesichts der Konjunkturschwäche sinkende Preise voraussagt, soll der Wert von Immobilien in den besten Lagen der Stadt bis 2016 nochmals um 24 Prozent steigen. Davon können die Briten in anderen Städten nur träumen.

          Abkopplung vom „normalen“ Immobilienmarkt

          Aber die zentralen Lagen in London haben sich vollends von der Entwicklung des „normalen“ britischen Immobilienmarktes abgekoppelt. Reiche Investoren im Nahen Osten, in Indien und Afrika warten nur darauf, in London zu kaufen. Selbst 28 Prozent der reichen Europäer blicken auf Großbritannien und dort vor allem auf London, zeigt der jüngste Vermögensbericht von Knight Frank.

          In den neunziger Jahren hieß es von der britischen Regierung, es sei völlig egal, ob Leute unverschämt reich seien, solange sie ihre Steuern bezahlten. Nach der Bankenkrise ist dies vielleicht nicht mehr so „egal“. Außerdem wurde schon über eine „Herrenhaus-Steuer“ (mansion tax) debattiert. Aber britische Regierungen haben in der Vergangenheit meist die schmale Gratwanderung beherrscht, die Reichen zu besteuern, und zwar derzeit sogar mit einem Höchst-Einkommensteuersatz von 50 Prozent. Gleichzeitig wird jedoch alles unternommen, um vermögende Investoren mit ihrem Nachfragepotential für eine ganze Wirtschaftsbranche der Luxusindustrie und Dienstleistungen nicht zu vergraulen.

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