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Kapitalbilanz : Sehr hohe Geldvermögen im Euroraum

Vermögen und Verschuldung Bild: F.A.Z.

Die Staaten der Euro-Zone haben hohe Schulden. Dafür haben die Privaten hohe Vermögen - nicht nur im Kern der Währungsunion. Der Euroraum hat genug Ersparnisse, um sich selbst zu finanzieren.

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          Im Euroraum stehen den hohen Staatsschulden beträchtliche Geldvermögen gegenüber. Das zeigt ein Blick auf eine Aufstellung der Netto-Geldvermögen (Finanzvermögen abzüglich Finanzschulden) europäischer Staaten im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt. Die schwer zu ermittelnden Sachvermögen sind in der Aufstellung nicht enthalten.

          Insgesamt ist die Kapitalbilanz des Euroraums im Vergleich mit dem Rest der Welt im Verlauf der vergangenen Jahre nahezu ausgeglichen gewesen. Das heißt, die Länder der Währungsunion generieren aus eigener Kraft die Ersparnisse, die sie zur Finanzierung der privaten und öffentlichen Investitionen benötigen.

          Deutlich mehr als erwartet

          Die Bildung von Geldvermögen ist nicht nur im Kern der Währungsunion hoch, sondern auch in Ländern, deren finanzielle Stabilität hinterfragt wird. Es ist der Mangel an Vertrauen und nicht der Mangel an Kapital, der viele europäische Großanleger in den vergangenen Monaten zum Verkauf von Staatsanleihen aus der Peripherie bewogen hat. Für die weitere Plazierung von Staatsanleihen ist es von erheblicher Bedeutung, ob diese Anleger wieder Vertrauen fassen. Italien und Spanien werden im ersten Quartal 2012 versuchen, Papiere über annähernd 150 Milliarden Euro zu plazieren.

          Ein Beispiel liefert Belgien, das in der Rangliste der Länder mit den höchsten Geldvermögen im Verhältnis zum BIP an der Spitze liegt. In Belgien gibt es bedeutende Vermögen, die zum Teil noch in die Kolonialzeit zurückreichen. Alleine die Sparguthaben entsprechen mit rund 200 Milliarden Euro rund 60 Prozent der Staatsschuld. Die Finanzierung des Staates wird von vielen Belgiern - Flamen wie Wallonen - als eine Art patriotische Pflicht empfunden. In der ersten Dezemberwoche wurden im Rahmen einer außerordentlichen Werbeaktion Staatsanleihen im Wert von 5,7 Milliarden Euro von belgischen Anlegern gezeichnet. Das war deutlich mehr als erwartet.

          Während der Diktatur Vermögen angehäuft

          Die Geldvermögen reflektieren aber nicht einfach die Staatsschuld, von der ein erheblicher Teil von Ausländern gehalten wird. In Belgien spielt traditionell auch die Aktie eine wesentliche Rolle für die Vermögensbildung. Früher war die Aktie der legendären Société Générale de Belgique (SGB) als Witwen- und Waisenpapier geschätzt. Die längst zerschlagene SGB war eine Holding mit Beteiligungen an belgischen Versorgern sowie Industrie- und Finanzunternehmen. Später kauften viele Belgier Aktien der Finanzunternehmen Fortis und Dexia.

          Sehr auffällig ist weiterhin der sehr hohe Anteil der Geldvermögen am BIP in Portugal, der nahezu den deutschen Vergleichswert erreicht. Hier dürfte eine Erklärung ebenfalls in der Vergangenheit zu suchen sein. Unter der mehrere Jahrzehnte währenden Diktatur des 1970 gestorbenen Antonio Salazar - also zu einer Zeit, in der Portugal die drittgrößte Kolonialmacht der Erde war - entstanden bedeutende Familienvermögen. Diese sind noch heute in portugiesischen Unternehmen und darunter börsennotierten Banken investiert. In den Jahrzehnten nach Salazar sind neue Familienvermögen entstanden, etwa durch den Aufbau von Handelskonzernen wie die auch im Ausland tätige Kette Jerónimo Martins.

          In Deutschland liegt das Verhältnis von Geldvermögen und BIP etwa auf dem Niveau von Frankreich, aber deutlich niedriger als in Italien. Dies unterstreicht den Befund, dass Italien kein armes Land ist, sondern über erhebliche Ressourcen verfügt. Die Italiener halten deutlich mehr als 50 Prozent ihrer eigenen Staatsverschuldung. Das ist ein im internationalen Vergleich hoher Wert. Durch eine kürzlich durchgeführte Werbewoche für heimische Staatspapiere stieg die Nachfrage aber kaum.

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