https://www.faz.net/-gv6-rxw3

Kapitalanlage 2008: Wall Street : An der Wall Street üben sich Bullen und Bären im Tauziehen

„Die Leute sind nervös”, heißt es an der Wall Street Bild: REUTERS

Unsicherheit und hohe Kursschwankungen prägen seit einiger Zeit das Geschehen an den amerikanischen Börsen. Die entscheidende Frage lautet: Handelt es sich um eine zwischenzeitliche Korrektur oder den Beginn einer langfristigen Baisse?

          4 Min.

          An der Wall Street herrscht Verwirrung. Ende November fielen die Kurse der großen Marktbarometer erstmals seit mehr als vier Jahren um 10 Prozent unter ihre zuletzt aufgestellten Höchststände. Damit erfüllten sie offiziell die Definition einer Korrektur, nachdem Anleger erst im Oktober neue Rekorde beim Dow-Jones-Index und dem breiter angelegten Marktbarometer S&P 500 gefeiert hatten.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die Gründe für den Kursrückgang: hohe Ölpreise, nachgebende Häuserpreise und eine anhaltende Kreditkrise, die Angst vor einer Rezession schürt. Als sei nichts gewesen, verzeichnete der Dow Jones aber gleich danach seinen größten Zwei-Tages-Gewinn seit fünf Jahren.

          Die Gründe: Hoffnungen auf eine Leitzinssenkung der Notenbank Fed und positive Nachrichten aus der Bankenbranche. Die unter hohen Abschreibungen bei Hypothekenanlagen leidende Großbank Citigroup hatte sich eine Finanzspritze des Emirats Abu Dhabi in Höhe von 7,5 Milliarden Dollar gesichert. Ein klarer Trend ist nicht auszumachen. "Die Leute sind nervös", sagt Todd Leone, der für den Aktienhandel beim Wertpapierhaus Cowen & Co. verantwortlich ist. Solange sich die Finanzwerte nicht erholen, werde der Markt in keiner guten Verfassung sein, meint Leone. Finanztitel haben im S&P 500 ein besonders hohes Gewicht.

          Schwache Finanz- und Konsumwerte

          Der amerikanische Aktienmarkt ist seit geraumer Zeit von starken Kursschwankungen geprägt. Es gleicht einem erbitterten Tauziehen auf dem Parkett. Auf der einen Seite stehen die Optimisten, die eine Korrektur als Gelegenheit zum Einstieg bei günstigen Kursen begreifen, weil sie mit einer Fortsetzung der Hausse rechnen.

          Auf der anderen Seite ziehen die Pessimisten kräftig. Die glauben, dass die aktuelle Korrektur der Anfang vom Ende der Hausse ist und eine Baisse bevorsteht. Eine Baisse wird mit einem Rückgang der Kurse um mindestens 20 Prozent definiert.

          Belastet wurde der Gesamtmarkt vor allem von der Schwäche der Finanzwerte und der konjunkturabhängigen Konsumwerte. Diese beiden Segmente sind im S&P 500 die beiden einzigen von insgesamt zehn Untergruppen, die in diesem Jahr im Minus liegen. Die negative Tendenz hat die gleiche Ursache: die Schwäche des Immobilienmarktes. Die fallenden Häuserpreise hatten zu Ausfällen bei in den vergangenen Jahren populär gewordenen zweitklassigen Hypotheken geführt. Diese zu laxen Konditionen an zahlungsschwache Kunden vergebenen sogenannten Subprime-Darlehen schwächen jetzt die Gewinnentwicklung der Banken.

          Die hatten nicht nur Hypotheken vergeben, sondern die Kredite auch in Anleihen umgepackt, die sie an institutionelle Investoren weiterreichten. Zudem handelten sie mit diesen Wertpapieren. Steigende Kreditausfälle und die nachlassende Nachfrage nach diesen Papieren führten zu starken Wertberichtigungen.

          Verbrauchervertrauen auf tiefstem Stand seit „Katrina“

          Am schlimmsten traf es den größten amerikanischen Finanzdienstleister Citigroup und die große Investmentbank Merrill Lynch. Die Institute räumten ein Versagen ihrer Risikokontrolle ein und wiesen nach Abschreibungen in Milliarden-Dollar-Höhe ihren Vorstandschefs die Tür. Unwägbarkeiten wegen möglicherweise noch bevorstehender Verlustmeldungen sorgen für beständigen Druck auf die Kurse der Banken.

          Die Kurse der zyklischen Konsumwerte stehen unter Druck, weil die Immobilienschwäche direkte Auswirkungen auf die Verbraucher hat. Die Gewinne der Hausbauunternehmen, Autohersteller und Einzelhändler hängen von der Ausgabenfreude der Verbraucher ab. Amerikaner hatten während des Aufschwungs des Immobilienbooms häufig ihre Häuser beliehen, um andere Anschaffungen zu machen. Die fallenden Häuserpreise machen diese Möglichkeit zunichte. Hausbesitzer, die ihr Haus mit einer Subprime-Hypothek finanziert haben, müssen zudem höhere Zinsen zahlen. Diese Produkte waren oft mit zunächst auf zwei Jahre begrenzten niedrigen Lockzinssätzen ausgestattet, die danach höher gesetzt werden. Die steigenden Raten belasten nun die Haushaltskassen. Im schlimmsten Fall kommt es zu Zwangsversteigerungen, deren Zahl sich im Vergleich zum Vorjahr schon fast verdoppelt hat.

          Dazu kommen steigende Benzinpreise, die für die Amerikaner die Fahrt zur Arbeit oder zum Einkaufen verteuert. Zudem drücken ganz allgemein die Schlagzeilen über fallende Häuserpreise, steigende Preise an den Tankstellen und schwankende Aktienmärkte auf die Stimmung. Die Folge: Das Verbrauchervertrauen, ein Indikator für die Verfassung der amerikanischen Konsumenten, ist zu Beginn des für den Einzelhandel wichtigen Weihnachtsgeschäfts auf den tiefsten Stand gesunken, seit vor zwei Jahren die Zerstörungen des Hurrikans "Katrina" die Abendnachrichten dominierten.

          Signale für den Abschwung

          Einige Volkswirte an der Wall Street fürchten bereits eine Rezession, da auch 70 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung vom privaten Verbrauch abhängen. Die Volkswirte der Investmentbank Goldman Sachs bezifferten das Risiko eines Konjunkturabschwungs auf 40 bis 50 Prozent. Goldman rechnet deswegen mit einem weiteren Rückgang der Leitzinsen auf 3 Prozent in den kommenden sechs bis neun Monaten. Die Fed hat den Leitzins, die Zielgröße für Tagesgeld, angesichts der Hypothekenkrise, die sich zu einer Vertrauenskrise unter Banken ausgeweitet hatte, bereits mehrmals zurückgenommen.

          Die Häuserpreise waren im dritten Quartal so stark gefallen wie seit zwanzig Jahren nicht. David Blitzer, der Vorsitzende des Indexausschusses beim Informationsdienst Standard & Poor's, bezifferte die Gefahr einer Rezession deswegen auf mehr als 50 Prozent. Analysen von Standard & Poor's zufolge ging Rezessionen bisher häufig, aber nicht immer, ein Rückgang der Aktienkurse voraus, die dann in einer Baisse kulminierten.

          Tom McManus, Anlagestratege bei der Bank of America, hält die Schwäche bei Finanztiteln und Konsumwerten für einen "Hinweis auf eine schwierigere als bisher von vielen Investoren erwartete Konjunkturentwicklung". Auch die aktuelle Schwäche bei Transportwerten wie dem Versender Fedex gilt als Warnsignal für einen Wirtschaftsabschwung.

          „Eine gute Zeit, verprügelte Aktien zu kaufen“

          Optimisten glauben jedoch, dass der Aktienmarkt über eine konjunkturelle Schwächephase im kommenden Jahr hinwegsehen wird und deswegen eine Erholung bevorsteht. "Die Stimmung im Markt ist extrem trostlos", konstatiert Al Goldman, Marktstratege beim Wertpapierhaus A.G. Edwards. "Eine solche Stimmung herrscht normalerweise am Ende eines Kursabschwungs und nicht am Beginn einer Baisse. An der Wall Street fließt zwar Blut - aber das ist normalerweise eine gute Zeit, verprügelte Aktien zu kaufen", sagt Goldman. Für 2008 rechnen Analysten mit einem durchschnittlichen Gewinnwachstum von 14 Prozent. Unternehmensgewinne sind langfristig der wichtigste Faktor für die Aktienkursentwicklung.

          Für den unabhängigen Aktienstrategen Edward Yardeni ist auch die Finanzspritze für die Citigroup aus Abu Dhabi ein Zeichen für die Stützung durch eine robuste Weltkonjunktur. "Die Kräfte des globalen Aufschwungs werden die belastenden Kräfte der Kreditkrise schlagen", meint Yardeni. Früher hieß es, dass die Welt einen Schnupfen bekommt, wenn Amerika niest. "In diesem Fall sagt der Rest der Welt: ,Gesundheit, dürfen wir Ihnen ein wenig Medizin reichen?'", illustriert Yardeni die neuen Verhältnisse.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gefahr durch Coronavirus : Keine Panik

          Es beruhigt, dass Deutschland auf Szenarien wie den Ausbruch des Coronavirus vorbereitet ist. Wenn aber nun nach jeder Hustenattacke die Notaufnahme angesteuert wird, stößt jeder noch so gut aufgestellte Krisenstab an seine Grenzen.
          Die Moderatorin Susan Link vertritt den erkrankten Moderator Frank Plasberg in der WDR-Talkshow „Hart aber fair“. Hinter ihr die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, der CSU-Generalsekretär Markus Blume und die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl (von links)

          TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Aktien als Allheilmittel

          Die Deutschen sind ein Volk der Sparer. Doch in Zeiten von Negativzinsen muss man umdenken. Bei „Hart aber fair“ raten alle Gäste zu einer Lösung – bis auf Sahra Wagenknecht: Sie setzt auf ein Konzept, das viele als überholt ansehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.