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Kapitalanlage 2008: Wall Street : An der Wall Street üben sich Bullen und Bären im Tauziehen

Die Kurse der zyklischen Konsumwerte stehen unter Druck, weil die Immobilienschwäche direkte Auswirkungen auf die Verbraucher hat. Die Gewinne der Hausbauunternehmen, Autohersteller und Einzelhändler hängen von der Ausgabenfreude der Verbraucher ab. Amerikaner hatten während des Aufschwungs des Immobilienbooms häufig ihre Häuser beliehen, um andere Anschaffungen zu machen. Die fallenden Häuserpreise machen diese Möglichkeit zunichte. Hausbesitzer, die ihr Haus mit einer Subprime-Hypothek finanziert haben, müssen zudem höhere Zinsen zahlen. Diese Produkte waren oft mit zunächst auf zwei Jahre begrenzten niedrigen Lockzinssätzen ausgestattet, die danach höher gesetzt werden. Die steigenden Raten belasten nun die Haushaltskassen. Im schlimmsten Fall kommt es zu Zwangsversteigerungen, deren Zahl sich im Vergleich zum Vorjahr schon fast verdoppelt hat.

Dazu kommen steigende Benzinpreise, die für die Amerikaner die Fahrt zur Arbeit oder zum Einkaufen verteuert. Zudem drücken ganz allgemein die Schlagzeilen über fallende Häuserpreise, steigende Preise an den Tankstellen und schwankende Aktienmärkte auf die Stimmung. Die Folge: Das Verbrauchervertrauen, ein Indikator für die Verfassung der amerikanischen Konsumenten, ist zu Beginn des für den Einzelhandel wichtigen Weihnachtsgeschäfts auf den tiefsten Stand gesunken, seit vor zwei Jahren die Zerstörungen des Hurrikans "Katrina" die Abendnachrichten dominierten.

Signale für den Abschwung

Einige Volkswirte an der Wall Street fürchten bereits eine Rezession, da auch 70 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung vom privaten Verbrauch abhängen. Die Volkswirte der Investmentbank Goldman Sachs bezifferten das Risiko eines Konjunkturabschwungs auf 40 bis 50 Prozent. Goldman rechnet deswegen mit einem weiteren Rückgang der Leitzinsen auf 3 Prozent in den kommenden sechs bis neun Monaten. Die Fed hat den Leitzins, die Zielgröße für Tagesgeld, angesichts der Hypothekenkrise, die sich zu einer Vertrauenskrise unter Banken ausgeweitet hatte, bereits mehrmals zurückgenommen.

Die Häuserpreise waren im dritten Quartal so stark gefallen wie seit zwanzig Jahren nicht. David Blitzer, der Vorsitzende des Indexausschusses beim Informationsdienst Standard & Poor's, bezifferte die Gefahr einer Rezession deswegen auf mehr als 50 Prozent. Analysen von Standard & Poor's zufolge ging Rezessionen bisher häufig, aber nicht immer, ein Rückgang der Aktienkurse voraus, die dann in einer Baisse kulminierten.

Tom McManus, Anlagestratege bei der Bank of America, hält die Schwäche bei Finanztiteln und Konsumwerten für einen "Hinweis auf eine schwierigere als bisher von vielen Investoren erwartete Konjunkturentwicklung". Auch die aktuelle Schwäche bei Transportwerten wie dem Versender Fedex gilt als Warnsignal für einen Wirtschaftsabschwung.

„Eine gute Zeit, verprügelte Aktien zu kaufen“

Optimisten glauben jedoch, dass der Aktienmarkt über eine konjunkturelle Schwächephase im kommenden Jahr hinwegsehen wird und deswegen eine Erholung bevorsteht. "Die Stimmung im Markt ist extrem trostlos", konstatiert Al Goldman, Marktstratege beim Wertpapierhaus A.G. Edwards. "Eine solche Stimmung herrscht normalerweise am Ende eines Kursabschwungs und nicht am Beginn einer Baisse. An der Wall Street fließt zwar Blut - aber das ist normalerweise eine gute Zeit, verprügelte Aktien zu kaufen", sagt Goldman. Für 2008 rechnen Analysten mit einem durchschnittlichen Gewinnwachstum von 14 Prozent. Unternehmensgewinne sind langfristig der wichtigste Faktor für die Aktienkursentwicklung.

Für den unabhängigen Aktienstrategen Edward Yardeni ist auch die Finanzspritze für die Citigroup aus Abu Dhabi ein Zeichen für die Stützung durch eine robuste Weltkonjunktur. "Die Kräfte des globalen Aufschwungs werden die belastenden Kräfte der Kreditkrise schlagen", meint Yardeni. Früher hieß es, dass die Welt einen Schnupfen bekommt, wenn Amerika niest. "In diesem Fall sagt der Rest der Welt: ,Gesundheit, dürfen wir Ihnen ein wenig Medizin reichen?'", illustriert Yardeni die neuen Verhältnisse.

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