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Deutschlandchef von JP Morgan : „Frankfurt ist auf jeden Fall ein Gewinner“

Stefan Povaly ist neuer Deutschlandchef der amerikanischen Großbank JP Morgan Bild: JP Morgan

Der neue Deutschland-Chef der amerikanischen Großbank JP Morgan setzt auf Nachhaltigkeit und sieht viel Potential in Spacs. Mindestens in einem Punkt ist er anderer Meinung als die Deutsche Bank.

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          Mit der Übernahme von Continental hatte sich der fränkische Autozulieferer Schaeffler kurz nach der Finanzkrise kräftig verhoben. Am Ende führten die hohen Schulden beide Unternehmen an den Rand ihrer Existenz. Stefan Povaly hat damals mitgeholfen, Schaeffler aus dieser Krise heraus kapitalmarktfähig zu machen, und hat das Unternehmen bei der Emission erster Anleihen in Deutschland und Amerika begleitet. Das seien bahnbrechende Deals in seiner bisherigen Karriere gewesen, sagt der neue Deutschland-Chef der größten amerikanischen Bank JP Morgan im Gespräch mit der F.A.Z., dem ersten Interview in seiner neuen Position.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es sind große Fußstapfen, in die er im November gestiegen ist. Seine Vorgängerin Dorothee Blessing war eines der bekanntesten Gesichter der Auslandsbanken in Deutschland und hat JP Morgan zum Marktführer in vielen Kapitalmarktdisziplinen gemacht. Sie ist inzwischen zur Ko-Europa-Chefin der größten amerikanischen Bank aufgestiegen und weiterhin ein wichtiger Partner, wie Povaly betont. Seit 2001 steht der 41 Jahre alte Österreicher in Diensten der Bank. Dass er die meisten wichtigen Akteure persönlich kennt, habe den Einstieg „in vollem Lockdown-Modus“ erleichtert.

          Unter der Corona-Pandemie hätten die Unternehmenskunden der Bank vor allem im vorigen Frühjahr gelitten, als sie sich wirklich Sorgen um ihre Liquidität machten. Als es um staatliche Hilfskredite der KfW ging, hätten manche sich lieber an die Deutsche Bank oder die Commerzbank gewandt, räumt Povaly ein. Geholfen habe aber, dass auch JP Morgan einen ehemaligen KfW-Banker beschäftigt. Doch schon seit dem Sommer blickten viele Unternehmen wieder nach vorne, planten Zukäufe und die Neuausrichtung ihres Geschäfts nach der Pandemie.

          Brückenkopf zur New Yorker Börse

          „Ich glaube an eine vernünftige Erholung nach der Krise“, sagt er. „Deutschland ist ein Powerhouse, weil hier einfach gute Qualität hergestellt wird. Über Zukäufe können wir viele deutsche Unternehmen zu echten globalen Champions aufbauen.“ Und da kommt JP Morgan wieder ins Spiel. Der neue Deutschland-Chef will die Bank als „Brückenkopf nach Amerika“ positionieren, um hiesige Unternehmen in New York an die Börse bringen. Zuletzt war die Bank bei der SAP-Abspaltung von Qualtrics und dem Börsengang des Münchener Online-Modehändlers Mytheresa in New York aktiv.

          Als gutes Mittel, um europäische Technologie zu fördern, sieht er aber auch die Börsenmäntel, die zunächst ohne Inhalt an die Börse gehen, um mit dem aufgenommenen Geld dann Unternehmen zu kaufen. In den Vereinigten Staaten wurden im vergangenen Jahr mehr als 250 solcher Spacs aufgelegt, in Europa bislang erst wenige. In Amerika sieht Povaly daher eher eine Gefahr von Überhitzung, weil bereits sehr viele Vehikel gelistet wurden. „Es werden sich die Spacs mit wirklich guten Managern durchsetzen“, glaubt Povaly. In Europa sieht er für die wenigen bislang an den Markt gegangenen Spacs aber noch reichlich Möglichkeiten, gute Technologieunternehmen zu kaufen.

          Andere Meinung als die Deutsche Bank

          Die Deutsche Bank hatte kürzlich gefordert, mehr staatliche Fördergelder in Zukunftstechnologien zu lenken und dass der Staat dafür auch Banken bei der Finanzierung unterstützen solle. Povaly zeigt sich eher als Freund des freien Marktes. Grundsätzlich sei es nicht verkehrt, wenn der Staat junge aufstrebende Unternehmen fördere. Aber für Start-ups in aussichtsreichen Technologien sieht er auch in Europa reichlich privates Kapital.

          Immer wichtiger für die Geldbeschaffung wird für Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit, das Povaly deutlich ausbauen will. „Investoren geben sich nicht mehr mit schwammigen Aussagen zur Nachhaltigkeit zufrieden. Sie wollen klare Kennzahlen und Ziele sehen: Was tut ihr zur CO2-Reduktion, für eure Recycling-Quote oder für mehr Diversität in eurem Unternehmen?“ Eine gute Aufstellung zu den sogenannten ESG-Kriterien (also der Umweltfreundlichkeit, dem Sozialen und der guten Unternehmensführung) werde für Unternehmen immer wichtiger, um Zugang zu Investoren zu erhalten. Und das nicht nur über die seit einigen Jahren aufstrebenden Grünen Anleihen (Green Bonds).

          Von der Themse an den Main

          „Früher waren Green Bonds nur etwas für Unternehmen, die erneuerbare Energien herstellen oder Ähnliches, inzwischen begeben wir die auch für ganz andere Industrien“, sagt Povaly. Und weiter erklärt er: „Und auch erste syndizierte Kredite und Derivate werden nun schon an ESG-Kriterien geknüpft.“ Um da eine drohende Verwässerung zu verhindern, sei es wichtig, dass die ESG-Kriterien klar definiert sind.

          Neun Monate hat sich JP Morgan Zeit gelassen, um den Chefposten in Deutschland neu zu besetzen. Ein Grund für die lange Vakanz sei die Neuaufstellung der Bank im Zuge des Brexits gewesen, sagt Povaly. Frankfurt nimmt nun eine Schlüsselposition für das Geschäft in der Europäischen Union ein. Zwar verlagert die Bank Mitarbeiter in mehrere europäische Metropolen; aber alle anderen Standorte sind Niederlassungen der in Frankfurt sitzenden AG, die bald in eine europäische SE umgewandelt werden soll. Die Fäden laufen also hier zusammen.

          „Die Stadt Frankfurt ist auf jeden Fall ein Gewinner“, sagt Povaly, der nach 20 Jahren in London bald mit Frau und Tochter an den Main übersiedelt. „Aber vieles rund um den Brexit ist noch unklar, zu vielen Finanzgeschäften stehen die Äquivalenzentscheidungen noch aus. Wir als Bank haben uns hier so aufgestellt, dass wir jederzeit weiter wachsen können.“

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