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Scherbaums Börse : Die Börse mag klare Mehrheiten

  • -Aktualisiert am

Amazon-Logistik-Stützpunkt in New York Bild: AFP

Am Anfang der Trump-Ära schätzte die Börse die Machtfülle der Republikaner. Nun feiern Anleger, die Möglichkeit der Demokraten durchzuregieren. Für Tech-Werte wie Amazon & Co. rückt allerdings die Regulierung in den Blick.

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          Amerika steht dieser Tage nicht nur politisch wegen der Ereignisse in Washington im Mittelpunkt. Mit der bald beginnenden Präsidentschaft von Joe Biden und der Kontrolle über den Senat der Vereinigten Staaten durch die Demokraten gehen viele Finanzmarkt-Experten davon aus, dass nun der Weg frei ist, für die Umsetzung des geplanten Gesetzgebungsprogramms der neuen Regierung unter Biden.

          Für die Anleger dürfte jetzt Klarheit herrschen, wohin die Reise in Amerika geht: „Kurzfristig werden sich die Finanzmärkte an weiteren geplanten Konjunkturprogrammen in den Vereinigten Staaten ausrichten und langfristig an Steuererhöhungen“, so die Einschätzung von Paul O’Connor von der Investmentgesellschaft Janus Henderson.

          Neben der Fiskalpolitik werde sich die Aufmerksamkeit der Anleger auch auf andere Bereiche der politischen Agenda der Demokraten verlagern, wie beispielsweise Infrastrukturausgaben, Mindestlohnerhöhungen und stärkere regulatorische Maßnahmen für zahlreiche Schlüsselindustrien, ergänzt der Anlageprofi.

          Kein Linksruck zu erwarten

          Dass es zu einem extremen Linksruck der amerikanischen Politik kommen wird, glaubt auch Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel, angesichts der hauchdünnen Mehrheit der Demokraten im Senat und der im Repräsentantenhaus deutlich geschrumpften Mehrheit nicht. „Für die Börsen ist damit der beste aller Fälle eingetreten, denn es kann zeitnah mit einem größeren zusätzlichen Fiskalpaket zur Stimulierung der Wirtschaft gerechnet werden“, sagt Mumm.

          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. : Bild: Christoph Scherbaum

          Laut O’Connor sind die Folgen für Aktien hingegen weniger eindeutig, da der erwartete BIP-Anstieg durch mögliche höhere Steuern und stärkere regulatorische Eingriffe etwas beeinträchtigt werde. „Im Großen und Ganzen sollten sich Value-Aktien sowie zyklische Werte im Vergleich zu Wachstumswerten, Momentum-Aktien und viele Corona-Gewinner besser entwickeln“, so seine Einschätzung. Der Fachmann ergänzt, dass die Aussicht auf höhere Unternehmenssteuern, höhere Anleiherenditen und Bedenken über regulatorische Eingriffe am stärksten auf den Medien-, Technologie- und Kommunikationsriesen lasten würden. Genau von diesen Aktien werden aber seit Monaten die amerikanischen Börsen-Indizes dominiert.

          „Amerikanische Aktien haben sich seit August letzten Jahres deutlich schlechter entwickelt als der Weltmarkt. Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend bei einem klaren Sieg der Demokraten fortsetzen wird, was eine Rotation von amerikanischen Aktien hin zu Schwellenländern und Europa begünstigt“, so O’Connor weiter.

          Dass eine striktere Regulierung der großen „Big-Tech-Konzerne droht, ist an den Finanzmärkten jedoch nichts Neues, dürfte aber langfristig orientierte Anleger erst einmal weiterhin nicht abschrecken. Denn bis es zu einer möglichen Regulierung kommt, dürfte noch einige Zeit vergehen, in der an der Börse mit den großen Tech-Aktien Geld verdient werden kann.

          Bestes Beispiel hierfür ist Amazon. Der Konzern entwickelt sich immer mehr weg vom eigentlichen klassischen Online-Händler. Amazon plant die Logistik seiner Warenauslieferung immer mehr selbst in die Hand zu nehmen und sich von externen Dienstleistern wie der Deutschen Post unabhängiger zu machen.

          Jüngst kaufte der Konzern den Fluggesellschaften Delta und WestJet insgesamt elf Maschinen vom Typ Boeing 767-300 ab und will diese zu Frachtmaschinen umbauen. Bisher hatte Amazon für die Logistik auf geleaste Maschinen gesetzt. Ab 2022 sollen die elf gekauften Maschinen der Amazon-Flotte angehören und somit die Geschäfte verbessern sowie den Aktienkurs weiter steigen lassen.

          AMAZON.COM INC. DL-,01

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          Wer als Anleger vor zehn Jahren 10.000 Euro in Amazon investierte, kann heute auf eine Depotgröße von mehr als 185.000 Euro blicken. Angesichts der Charttechnik von Amazon ist auch nicht zu befürchten, dass sich die Entwicklung der vergangenen Jahre so schnell ändern wird. Amazon steht hierbei nur stellvertretend für die großen amerikanischen Tech-Aktien.

          Solche gut gelaufenen Aktien dürften erst einmal für Anleger, die sie im Depot haben, Trumpf bleiben. Frei nach dem Motto „Gewinne laufen lassen“, abwarten und sehen, was am Ende mit Blick auf regulatorische Eingriffe wirklich passiert. Wenn man dann noch, wie Marktexperte O’Connor, über den eigenen (Depot-)Tellerrand blickt und ein Auge auf Aktien aus den Schwellenländern und Europa hat, ist nie ein Fehler.

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