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Studie : Jeder dritte Mittelständler muss Negativzinsen zahlen

EZB: Null Leitzins und negative Sparzinsen - nicht schön für den Mittelstand. Bild: Francois Klein

Bankkunden mit umfangreichen Anlagen müssen mittlerweile bei vielen Banken dafür Zinsen zahlen. Das trifft viele Unternehmen. Diese nehmen deswegen höher Risiken in Kauf.

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          Immer mehr Banken gehen dazu über, die Strafzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) an Kunden mit umfangreicheren Einlagen weiterzugeben. Das bekommen auch Unternehmer immer stärker zu spüren. Fast jeder dritte Mittelständer hat in den vergangenen zwölf Monaten schon Negativzinsen gezahlt, wie aus einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage des Marktforschungsinstituts Forsa hervorgeht, die von der Commerzbank beauftragt wurde. Vor allem größere Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 250 Millionen Euro sind betroffen. Im Dienstleistungssektor gaben mehr Unternehmen als in Handel und Industrie an, Negativzinsen zahlen zu müssen.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für die Umfrage wurden 500 Unternehmen mit jeweils mehr als 15 Millionen Euro Jahresumsatz befragt. Nach Angaben von Forsa darf diese als repräsentativ für das Marktsegment gelten. Die Summen, um die es dabei geht, sind keine Peanuts. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer haben mehr als eine Million Euro anzulegen. Unter anderem etwa durch Pensionsrückstellungen kommt ein Viertel der Großunternehmen sogar auf 100 Millionen Euro und mehr.

          Wechseln, ignorieren, investieren

          Viele Unternehmen versuchen daher, die Zahlung von Strafzinsen zu umgehen. Besonders beliebt ist dabei die Umschichtung in andere Anlageformen, was 37 Prozent der Betroffenen angaben sowie mehr Investitionen in das eigene Unternehmen, was 32 Prozent angaben. Zumindest mit solchen Investitionen agieren die Mittelständler immerhin im Sinne der EZB, deren erklärtes Ziel der Strafzinsen ja ist, dass möglichst viel Kapital zum Wohle der Wirtschaft genutzt wird, statt einfach nur auf der Bank zu liegen. 26 Prozent der Betroffenen reagierten nach eigenem Bekunden auf die Negativzinsen mit einem Wechsel der Bank. Ähnlich viele gaben an, ihre Anlageverhalten nicht geändert zu haben.

          Mehrfachnennungen waren in dieser Frage möglich – und nach allem was Oliver Haibt aus dem Unternehmenskundengeschäft der Commerzbank anlässlich der Vorstellung der Umfrageergebnisse sagte, versuchen die meisten Kunden auch auf unterschiedliche Weise, den Negativzinsen zu entgehen. Mit vielen Kunden kläre er zunächst, ob diese wirklich so viel kurzfristig verfügbare Liquidität brauchen wie sie vorhalten. In vielen Fällen ließen sich noch positive Renditen erzielen, indem ein Teil des Geldes etwa auf einen bestimmten Zeitraum fest und außerhalb des Euroraums angelegt werde.

          Allerdings müssen Unternehmer dafür offensichtlich zunehmend mehr Risiko in Kauf nehmen, etwa das von Wechselkursveränderungen. Ihren eigentlich Prioritäten widerspricht das, wie die Umfrage ebenfalls zeigt. Der allergrößte Teil der Unternehmer bezeichnet sein Anlageverhalten als liquiditätsorientiert (46 Prozent) oder sicherheitsorientiert (40 Prozent). Nur 10 Prozent sind bei der Anlage ihrer Firmengelder auf besondere Renditechancen aus, nur 1 Prozent will dabei auch höhere Risiken eingehen. Auch bei der Frage, was ihnen an einzelnen Anlageprodukten wichtig ist – hier sollten die Befragten eine Reihenfolge angeben – standen Sicherheit und Liquidität ganz oben, gefolgt von Rendite und geringen Kosten. Auf dem letzten Platz landete das Thema Nachhaltigkeit – was durchaus im Widerspruch zur öffentlichen Wahrnehmung steht.

          „Der Druck der EZB-Zinspolitik auf den Geld- und Kapitalmarkt ist nicht nur für Banken, sondern auch für unsere Kunden mittlerweile deutlich spürbar“ sagt Haibt. „Es bleibt abzuwarten, wie lange diese Phase anhält – Stichwort japanische Verhältnisse. Je länger dies währt, desto mehr werden Unternehmen ihr Anlageverhalten ändern müssen, um weiterhin positive Renditen zu erwirtschaften.“

          Kompromisse gehen die Unternehmen bislang offenbar vor allem mit Blick auf die Laufzeiten ein. 18 Prozent der Befragten gab an, die meisten Anlagen auf Sicht von mehr als drei Jahren zu planen. Dieser Anteil war laut Haibt vor wenigen Jahren noch deutlich geringer. Sollte sich die Konjunktur weiter eintrüben, könnte es für viele Unternehmen allerdings wieder wichtiger werden, kurzfristig auf ihr Geld zugreifen zu können. „Im Moment steht aber das Vermeiden von Negativzinsen noch im Vordergrund“, sagt Haibt.

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