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Japan nach der Wahl : Tokios Kursfeuerwerk

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Gute Stimmung in Tokio Bild: REUTERS

Am Tag nach dem Wahlsieg von Ministerpräsident Koizumi wurde an der Börse in Tokio alles gekauft, was in der japanischen Unternehmenslandschaft Rang und einen guten Namen hat: von Sony bis Canon, von Sharp bis Toshiba.

          Die Börse in Tokio ist mit einem Kursfeuerwerk in die Woche gestartet. In- und ausländische Anleger reagierten damit auf die anspringende Konjunktur, steigende Unternehmensgewinne und den deutlichen Sieg von Ministerpräsident Junichiro Koizumi in der Wahl zum Unterhaus am Wochenende. Der Regierungschef ging als klarer Sieger hervor. Nun kann er aufgrund eines ziemlich eindeutigen Wählervotums alles daran setzen, seine Reformagenda ohne größere Zugeständnisse abzuspulen. Das trieb die Aktienkurse am Montag vorübergehend auf Höhen, wie sie die elektronischen Anzeigetafeln zuletzt vor fünf Jahren ausgewiesen hatten.

          Der Nikkei-Index für 225 führende Werte kletterte um 204,39 Punkte oder 1,61 Prozent auf 12 896,43 Punkte. Der breit gefasste TOPIX stieg um 16,45 Punkte oder 1,27 Prozent auf 1309,80 Punkte.

          Gekauft wurde alles, was in der japanischen Unternehmenslandschaft Rang und einen guten Namen hat: von Sony bis Canon, von Sharp bis Toshiba. Die Aktie von Toyota Motor, die bereits seit Mitte August deutliche Kursgewinne verzeichnet, steuerte neue historische Höchstmarken an. Auch die Papiere der Konkurrenten Nissan und Honda machten kräftige Sprünge. Anders als viele Vorstandskollegen in Europa und Amerika verzeichnen die Spitzenmanager von Japans großen Fahrzeugherstellern satte Gewinnspannen und überaus hohe Mittelzuflüsse in ihren Bilanzen. Sie investieren massiv in neue Fabriken, erhöhen Bonuszahlungen an die Belegschaft und Dividendenausschüttungen an die Aktionäre. Das läßt Anleger zugreifen.

          Auf den Kauflisten der Händler stehen auch die Papiere der großen Stahlhersteller ganz oben. Nippon Steel und JFE Holdings, die zwei größten Stahlproduzenten Asiens, hatten in der vergangenen Woche ihre Gewinnprognosen für das laufende Halbjahr deutlich angehoben. Grund ist die hohe Nachfrage seitens japanischer Autobauer. Sumitomo Metal Industries, einer der weltweit größten Hersteller von Stahlröhren, wie sie für Ölpipelines genutzt werden, rechnet mit 60 Prozent mehr Gewinnen als bisher. Die Auftragsbücher sind prall gefüllt, die stetig steigende Nachfrage treibt die Preise, Gewinne und Überschüsse in die Höhe. Das kommt den Aktien zugute.

          Stahlbranche schwach bewertet

          Bewerten Anleger an der Tokioter Börse doch die Stahlbranche bislang deutlich schwächer als andere. Während Sparten wie Pharmazie, Chemie oder die Banken zu Preisen gehandelt werden, die 25 Mal höher sind als die prognostizierten Gewinne, kommen die Stahlhersteller allenfalls auf ein durchschnittliches Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 12. Nur die Branche der auf Überseetransporte spezialisierten Logistikunternehmen liegt mit 10 noch um einiges niedriger. Dagegen kommt die boomende Immobilienbranche auf ein KGV von mehr als 50 und der Einzelhandel auf fast 70. Spitzenreiter ist allerdings die Bauindustrie. Sie wird nach Angaben der Tokioter Börse derzeit mit einem KGV von 270 bewertet.

          Solche Übertreibungen hat die Bankenbranche viele Jahre erlebt. Mittlerweile haben hier vernünftigere Bewertungen Einzug gehalten. Unbenommen dessen ist die Nachfrage nach den Titeln groß. Kein Wunder: Nach Angaben der Zentralbank (BoJ) haben die Geschäftsbanken im August erstmals seit Jahren wieder mehr Kredite ausgereicht als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Darüber hinaus machen sie sich daran, die während der Bankenkrise Ende der neunziger Jahre gewährten milliardenhohen Kapitalhilfen des Staates zurückzuzahlen. Das deutet nach Angaben der BoJ darauf hin, daß die Konjunktur angesprungen, die schweren Verwerfungen überwunden und der aktuelle Geschäftsverlauf mehr als zufriedenstellend ist. Das gibt den Aktien der Finanzgruppen Mizuho, Sumitomo und Mitsubishi kräftigen Auftrieb.

          Finanzbranche rückt ins Zentrum

          Auch rückt die Finanzbranche im Rahmen der Reformpolitik des Regierungschefs stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Auf der Agenda von Ministerpräsident Koizumi steht die Privatisierung der Staatspost mit ihren verwalteten Vermögenswerten von insgesamt 2,5 Billionen Euro an erster Stelle. Tokios Reformer wollen die Gelder im Verlauf der kommenden zwölf Jahre in die Privatwirtschaft kanalisieren. Das dürfte sich nicht zuletzt am Aktienmarkt widerspiegeln. Denn bislang sind die riesigen Kundeneinlagen der Post ausschließlich in Staatsanleihen und Geldmarktpapieren angelegt. Wird nur ein Bruchteil der Einlagen künftig in den Aktienmarkt fließen, dürfte das die Nachfrage und die Kurse beträchtlich stimulieren.

          In den zurückliegenden Wochen und Monaten war der Aufschwung in Tokio vor allem von ausländischen Anlegern getragen. Angesichts der Unsicherheiten in Amerika, dem stotternden Reformprozeß in Europa und der enttäuschenden Entwicklung der Börsen in China räumen sie nun Japan wieder einen größeren Stellenwert in ihren Portfolios ein. Allein im August lagen die Nettozuflüsse aus Übersee bei 15 Milliarden Euro, im Juli waren es 10 Milliarden Euro, im bisherigen Jahresverlauf 50 Milliarden Euro. Ein Ende dieses Trends zeichnet sich angesichts der jüngsten politischen und wirtschaftlichen Entwicklung nicht ab. Tokios Kursfeuerwerk wird am Börsenhimmel wohl noch eine ganze Weile seine leuchtenden Farben verbreiten.

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