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Werbefirma Ströer : Der Mann, der die Kurse fallen lässt

Eine Werbefläche von Ströer in Frankfurt Bild: Frank Röth

Ein mysteriöser Investor aus San Francisco attackiert die deutsche Werbefirma Ströer und bringt deren Aktienkurs zum Absturz. Was steckt dahinter?

          Es erfordert für Ausländer einige Konzentration, den Namen „Ströer“ richtig auszusprechen. Carson Block allerdings macht der Name der Kölner Werbefirma längst keine Probleme mehr. Schließlich hatte der 39-jährige Amerikaner aus dem fernen San Francisco in der vergangenen Woche genügend Gelegenheit, ihn einzuüben. Denn so skurril es auch zunächst klingen mag: Block, Chef eines Hedgefonds mit dem bezeichnenden Namen „Muddy Waters“ (trübe Wasser), hat sich ausgerechnet die Kölner Firma aus dem M-Dax für seinen ganz großen Auftritt ausgesucht.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Amerikaner, hierzulande bislang allenfalls ein paar Eingeweihten ein Begriff, ist seit dem vergangenen Donnerstag das Thema Nummer eins in Deutschlands Finanzszene. Da saß Block nämlich in einem Fernsehstudio des amerikanischen Finanznachrichtensenders Bloomberg, um dem staunenden Publikum eine in seinen Augen seltsame Aktie aus dem M-Dax vorzustellen: die Ströer-Aktie – ein Unternehmen, das nicht das sei, für das der Markt es anscheinend halte. Wichtige Geschäftszahlen wie beispielsweise das organische Wachstum oder der freie Cash-flow seien in Wahrheit bedeutend niedriger, als Ströer im Geschäftsbericht angebe. Anders gesagt: Es war ein vernichtender Vortrag.

          Noch während Block sprach und auf einen aktuellen Bericht seiner Analysten verwies, brach der Ströer-Aktienkurs ein. Binnen Minuten fiel er um rund 30 Prozent, ein Wertverlust von fast 800 Millionen Euro. So etwas ist gerade in Deutschland ein höchst ungewöhnliches Ereignis: Am Ende betrug das Wochenminus immer noch gewaltige 20 Prozent. Wie kann es sein, dass ein kaum bekannter Investor aus San Francisco die Börsenkurse in Deutschland so durcheinanderbringt?

          Fragt man Block selbst danach, so erlebt man einen Mann, der sich seiner Sache vollkommen sicher ist: „Mein Ziel ist es, wahrheitsgemäße Fakten und unsere Analysen zu Unternehmen zu veröffentlichen, damit Investoren auch einmal eine abweichende Meinung hören können.“ Ströer ist in sein Blickfeld geraten, weil sich der Aktienkurs in den vergangenen drei Jahren fast verzehnfacht hatte, alle Analysten rieten zum Einstieg. Durch zahlreiche Zukäufe ist die Firma zum führenden deutschen Außenwerber geworden: An fast jeder Bushaltestelle finden sich ihre Plakatwände, aber auch im Netz erzielt sie hohe Wachstumsraten. Block traut diesen Zahlen nicht.

          Carson Block greift Ströer an.

          Was treibt ihn? Trotz seiner hehren Worte geht es ihm wie jedem Investor vor allem um das Vermehren des eigenen Geldes. Dies tut er im festen Glauben an eine Anlagestrategie, die hierzulande häufig Befremden auslöst. Denn Block ist ein sogenannter „Leerverkäufer“. Das heißt übersetzt: Er sucht vor allem nach Firmen, deren Aktienkurse in Zukunft stark fallen könnten. In der Praxis läuft das Ganze dann wie folgt ab: Hat Block eine entsprechende Firma gefunden, leiht er sich deren Aktien gegen eine Gebühr von anderen Investoren. In einem zweiten Schritt verkauft er die Papiere daraufhin, nur um sie dann zum Ende der Leihfrist wieder zurückzukaufen. Ist der Aktienkurs in diesem Zeitraum gefallen, hat der Leerverkäufer an der Aktion gut verdient: Er hat zu einem hohem Kurs verkauft und zu einem niedrigen Kurs gekauft – die Differenz abzüglich der Leihgebühr ist sein Gewinn.

          „Eine Kugel im Kopf tut nicht weh.“

          Carson Block allerdings wartet nicht geduldig darauf, dass der Aktienkurs sinkt, sondern er versucht gezielt nachzuhelfen. Leute wie er werden in Amerikas Finanzszene als Aktivisten bezeichnet: Um den gewünschten Kursverfall herbeizuführen, machen sie ihre Kritik an einem Unternehmen öffentlich. Gelernt hat Block, Sohn eines Börsenanalysten, sein Handwerk zu Teilen von seinem Vater. Wichtiger aber war seine Zeit in China. Dort war Block als Rechtsanwalt tätig, später versuchte er sich an der Gründung einer Firma. Richtig gut lief das nicht, bis ihn eines Tages ein Anruf seines Vaters erreichte. Ob er sich nicht eine chinesische Aktiengesellschaft namens Orient Paper einmal näher ansehen könnte, deren Aktie in New York gelistet war. Block fuhr hin und merkte schnell, dass die Firma viel weniger wert war, als man in Amerika vermutete. Er schrieb dazu eine Analyse, machte sie öffentlich – und brachte die Aktie zu seiner Überraschung zum Absturz. In diesem Moment wusste Block: Daraus lässt sich ein Geschäftsmodell machen.

          Fortan nahm er sich eine chinesische Firma nach der anderen vor, fühlte sich aber irgendwann nicht mehr sicher: „Ich fürchtete Vergeltung.“ Freunde, so viel ist klar, macht man sich mit so einer Anlagestrategie nicht. Block kümmert das wenig. Berühmt ist bis heute der Fall des chinesischen Forst-Unternehmens Sino-Forest, das an der kanadischen Börse notierte und viele Anleger aus der ganzen Welt anzog. Block wies 2011 nach, dass die Firma ihre Zahlen manipuliert hatte. Die Aktie stürzte ab, Block erhielt angeblich Todesdrohungen per E-Mail: „Eine Kugel im Kopf tut nicht weh.“

          Solch drastische Äußerungen sind im Fall Ströer nicht zu erwarten. Aber der Vorstand wehrt sich heftig: „Bewusst irreführend“ und „im Kern falsch“ seien Blocks Vorwürfe. Man werde rechtliche Maßnahmen gegen Muddy Waters ergreifen. Zu einer Kurserholung führten die Zurückweisungen jedoch nicht, viele Anleger sind verunsichert. Ob Block wirklich recht hat, werden wohl Bilanzexperten entscheiden müssen. Er selbst jedenfalls will keine Ruhe geben: „Wir werden uns weiter mit Ströer beschäftigen.“

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