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Investmentbanking : „Wir sind nur Erfüllungsgehilfen“

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„Es ist eine falsche Vorstellung, dass Investmentbanker mit Blaupausen zu den Unternehmen laufen” Bild: Rainer Wohlfahrt - F.A.Z.

Der Deutschland-Chef von Goldman Sachs, Alexander Dibelius, hält seine Branche für überschätzt. Investmentbanker seien nur Gehilfen, keine Ideengeber oder Strategieberater. Ein Interview.

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          Der Deutschland-Chef von Goldman Sachs, Alexander Dibelius, hält seine Branche für überschätzt. Investmentbanker seien nur Gehilfen, keine Ideengeber oder Strategieberater. Ein Interview.

          Herr Dibelius, die Krise an den Finanzmärkten ist in den vergangenen Wochen wieder hochgekocht. Wie heftig wird die nächste Welle?

          Wir haben immer betont, dass die Probleme der Banken nicht innerhalb eines oder zweier Quartale verdaut sind. Es wird noch weitere Abschreibungen und notwendig werdende Kapitalerhöhungen ANTWORT: geben, das Thema wird uns in den nächsten zwölf bis 18 Monaten begleiten. Aber: Die Vertrauenskrise wird von Quartal zu Quartal schwächer. Der Interbankenmarkt kommt allmählich wieder in Gang, auch durch die zusätzliche Liquidität der Zentralbanken.

          Wo sollen in Zukunft die Erträge der Investmentbanken herkommen?

          Ich bin nun mehr als 15 Jahre in diesem Geschäft und habe eine Erfahrung gemacht: Niemals war es in Abschwungphasen so schlimm oder in Boomphasen so gut, wie erwartet wurde. Und es ist immer weitergegangen. Und solange wir das marktwirtschaftliche Modell nicht grundsätzlich in Frage stellen, wird es für uns immer Möglichkeiten geben, als Finanzdienstleister tätig zu sein.

          Aber in vielen Marktsegmenten ist das Geschäft doch zum Erliegen gekommen?

          In manchen Bereichen ist das Geschäft deutlich schwieriger geworden, aber dafür sind derzeit andere Produkte wieder mehr gefragt, so zum Beispiel Wandelanleihen. Die Kollegen, die hier im Frankfurter Messeturm sitzen, sind beschäftigt wie immer. Es ist ja nicht so, dass die Finanzmärkte total zum Stillstand gekommen sind. Auch in diesen schwierigen Zeiten ist immer noch genügend Geld da, das investiert werden will. Für das Investmentbanking und Finanzdienstleistungen ist mir also vergleichsweise wenig bange.

          Müssen sich die Banken nicht dennoch von den überzogenen Renditezielen der vergangenen Jahre verabschieden?

          Es ist natürlich richtig, dass wir nicht über lange Zeiträume und nachhaltig höhere Renditen erwirtschaften können als der Gesamtmarkt.

          Welche Fehler haben die Banken im Vorfeld der Finanzkrise gemacht?

          Das Grundproblem war, dass die Risiken nicht richtig bepreist wurden. Daraus leiten sich weitere Fehler ab: Investoren haben nicht berücksichtigt, dass ein Papier trotz attestierter geringer Ausfallwahrscheinlichkeit durchaus einmal nichts mehr wert sein kann, wenn Liquidität fehlt. Weiterhin wurde verkannt, dass die an sich vernünftige Verteilung von Risiken zwangsläufig zu mehr Intransparenz führt. Und es fehlte die Erkenntnis, dass exponentielles Wachstum immer skeptisch machen sollte.

          Exponentielles Wachstum gab es auch im Private-Equity-Markt. Goldman hat sehr auf dieses Geschäftsfeld gesetzt. Steht diese Strategie vor dem Scheitern?

          Es ist richtig, dass es dort Übertreibungen gegeben hat. Aber unser Geschäftsmodell, das ja im Wesentlichen darauf basiert, Angebot und Nachfrage nach Anlagen zusammenzubringen und diese nicht notwendigerweise selbst zu halten, sondern weiterzugeben, ist intakt. Auch dieser Markt wird sich wieder erholen und mit neuen Finanzierungsprodukten und unter dem Einfluss einiger in der Krise gewonnene Erkenntnisse weiterexistieren. Es wird also wieder Private-Equity-Transaktionen geben - wenn auch auf anderem Niveau als in den vergangenen Jahren.

          Heißt das, die Private-Equity-Investitionen werden zurückgefahren?

          Nein, es gibt genügend Investoren, die viel Geld in diese Anlageklassen stecken wollen. Und im Vergleich zur Kreditwirtschaft haben Private Equity Fonds derzeit keine größeren Ausfälle zu verzeichnen. Das Geschäftsmodell per se wird weiterexistieren.

          Aber war es nicht ein Fehler, dass Goldman Sachs sich derart auf das Beteiligungsgeschäft stützte und dadurch klassische Industriekunden vergrätzt hat?

          Das stimmt so nicht. Wir sind immer von unseren Industrie- und Finanzklienten getrieben. Kein einziger unserer Klienten aus der Industrie war für uns weniger im Fokus, nur weil Beteiligungsgesellschaften an einem wesentlichen Teil der Transaktionen im vergangenen Jahr beteiligt waren. Wir beraten derzeit auch in etlichen Situationen, in denen reine Beteiligungsgesellschaften keine Rolle spielen.

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