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Interview : "Die Lichtgeschwindigkeit ist der begrenzende Faktor"

  • Aktualisiert am

„Die Risiken sind größer geworden” Bild: Wonge Bergmann

Im Gespräch: Till Guldimann von Sungard, einem der größten Softwareunternehmen für die Finanzbranche, über den technologischen Fortschritt im Wertpapierhandel.

          2 Min.

          Till Guldimann ist Vorstand von Sungard, einem der größten Softwareunternehmen für die Finanzbranche. Das Unternehmen macht mittlerweile gut 4 Milliarden Dollar Umsatz und arbeitet unter anderem für die 50 größten Finanzdienstleister der Welt.

          Herr Guldimann, der Wertpapierhandel wird immer schneller, es ist ein Kampf um Millisekunden. Was ist daran gut?

          Es ist keine Frage von gut oder schlecht, es ist unaufhaltsam.

          Und wem nutzt es?

          Es nutzt allen, denn durch den schnellen Handel steigen die Umsätze an den Börsen, und hohe Liquidität sorgt für bessere Kurse. Der Unterschied zwischen dem Kauf- und dem Verkaufspreis eines Wertpapiers wird dadurch kleiner. Zudem werden Kursverzerrungen schneller behoben und die Märkte effizienter.

          Gibt es Grenzen für die Handelsgeschwindigkeit?

          Im Moment dauert die Datenübertragung 50 Millisekunden, bald werden es 3 Millisekunden sein. Dann wird die physische Distanz zum entscheidenden Faktor, denn schneller als die Lichtgeschwindigkeit geht der Datentransfer nicht.

          Mit welchen Konsequenzen?

          Wenn Daten in Frankfurt bekanntgegeben werden, haben die Frankfurter Händler einen großen Vorteil. Aber auch London hat nach 6 Millisekunden die Daten. Bis New York dauert es dagegen rund 30 Millisekunden. Da können Sie nicht mehr adäquat reagieren.

          Was passiert in dieser kurzen Zeit?

          Die veröffentlichten Daten werden ausgewertet, Schlüsse daraus gezogen und Wertpapiere ge- oder verkauft.

          In 3 Millisekunden?

          Genau.

          Wer kann das so schnell?

          Es gibt immer komplexere Computerprogramme, die genau darauf spezialisiert sind. Die Unternehmensdaten werden zunehmend in XML-Dateien versendet. Jede Zahl darin ist elektronisch eindeutig. Die Programme scannen die Berichte auf Schlüsseldaten durch und haben spezielle Handlungsanweisungen einprogrammiert, in welchen Fällen sie welche Papiere in welchem Umfang kaufen oder verkaufen müssen. Wer als Erster reagiert, macht dabei die höchsten Gewinne.

          Welche Rolle spielen dabei noch die Analysten in den Bankhäusern?

          Keine. Die haben damit nichts zu tun. Sie sind für die langfristige Analyse der Unternehmen zuständig.

          Ist die nicht wichtiger?

          Sie können mit der unmittelbaren Reaktion zum Beispiel auf Unternehmensberichte viel Geld verdienen.

          Wer macht das?

          Vor allem spezialisierte Hedge-Fonds.

          Steigen dadurch die Risiken an den Finanzmärkten? Allein computergetriebene Handelsaktivitäten machen 42 Prozent der Umsätze auf Xetra aus. Ist das überhaupt noch kontrollierbar?

          Die Risiken sind größer geworden, aber auch das Risikomanagement hat sich verbessert. Problematisch könnte höchstens sein, dass sich viele Modelle ähneln. Es ist nicht gut, wenn man Risiko gleich misst. Schwierigkeiten entstehen weniger durch den schnellen computergetriebenen Handel als durch die schnelle Produktentwicklung.

          Wie man jetzt in der Kreditkrise sieht.

          Ja, hinterher ist man immer schlauer. Wenn lange nichts Schlimmes passiert, wird man wagemutiger. So sind Produkte entstanden, die niemand mehr recht verstanden hat. Niemand wusste mehr, wo die Risiken eigentlich versteckt sind. Erst jetzt werden einige Risiken und Zusammenhänge klar.

          Welche Folgen hat der computerisierte Handel für die Wertpapierhändler?

          Deren Bedeutung im Handel sinkt weiter. Sie werden ihre Rolle in der Abwicklung, in der Risikokontrolle und auch in der Produktentwicklung finden.

          Was bedeutet das für die Handelsplätze, für die Börsen?

          Zunächst einmal profitieren sie von den stark wachsenden Umsätzen im Wertpapierhandel. Das Handelsvolumen dürfte auch künftig weiter doppelt so stark wachsen wie die Marktkapitalisierung. Zum anderen wird eine weitere Fokussierung auf die großen Plätze New York Stock Exchange mit Euronext, Nasdaq, London Stock Exchange, Deutsche Börse und wahrscheinlich noch Schanghai kommen. An diesen Plätzen werden die relevanten Nachrichten verbreitet, und um darauf adäquat reagieren zu können, werden alle großen Spieler an diesen Handelsplätzen präsent sein müssen.

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