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Uber, Airbnb und Co. : Warum die „Einhörner“ nicht an die Börse wollen

„Unicorns“ (zu Deutsch: Einhörner) sind die Unternehmen, die nicht an der Börse notiert, aber mehr als eine Milliarde Dollar wert sind. Bild: INTERFOTO

„Einhörner“ werden milliardenschwere Firmen aus dem Silicon Valley genannt. Sie sind so wertvoll, dass sie den Sprung an die Börse locker schaffen könnten. Doch Uber, Airbnb & Co. wollen nicht. Warum?

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          Travis Kalanick weiß genau, was er will. Der Mitgründer und Chef des Fahrdienstes Uber hat in wenigen Jahren eine ganze Branche revolutioniert, in aller Welt Fahrer und Fahrgäste für sein Unternehmen gewonnen und mit aggressiven Methoden und markigen Kommentaren die Taxibranche und vielerorts Politik und Justiz gegen sich aufgebracht.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Travis Kalanick weiß aber auch ganz genau, was er nicht will: seine Firma bald an die Börse bringen. Auf bohrende Nachfragen zu diesem Thema von Seiten der Investoren, Mitarbeiter und Medien antwortet der vierzig Jahre alte Kalifornier mal gelangweilt, mal launig. Das hört sich dann so an: „Eines Tages wird es so weit sein – kurz bevor die Mitarbeiter und ihre Lebensgefährten mit Mistgabeln und Waffen mein Büro stürmen.“ Kurzum: Bis zuletzt will sich Kalanick mit aller Macht einem Börsengang von Uber widersetzen.

          Kein Einzelfall

          Bisher finanziert sich Uber über Wagniskapitalgeber. Von deren Milliarden kann das Unternehmen bestens leben und sein Wachstum rund um die Welt vorantreiben. Nach vielen Finanzierungsrunden wird der Wert des Fahrdienstleisters inzwischen auf 70 Milliarden Dollar geschätzt. Wertvoller ist kein anderes „Unicorn“ (zu Deutsch: Einhorn), wie die Unternehmen genannt werden, die nicht an der Börse notiert werden und mehr als eine Milliarde Dollar wert sind.

          Was den Wert eines privaten Unternehmens angeht, mag Uber eine Ausnahmeerscheinung sein. Doch einen Einzelfall stellt der Fahrdienst nicht dar. Denn auch die anderen Einhörner, die insgesamt auf etwa 150 geschätzt werden und damit gar keine solche Seltenheit mehr sind, wie der Begriff ursprünglich ausdrücken sollte, zieht es nicht an die Börse. Ob der Wohnungsvermittler Airbnb (30 Milliarden Dollar), der weithin im Verborgenen tätige Datenanalyst Palantir (20 Milliarden Dollar), die Bilderplattform Pinterest (11 Milliarden Dollar) oder viele der anderen hoch bewerteten Technologiefirmen aus dem Silicon Valley – kaum ein Gründer verspürt große Lust, an der Börse Geld einzusammeln.

          Airbnb mehr wert als Hilton

          Auffällig ist dabei, wie sehr sich vor allem die großen Vertreter der sogenannten Sharing Economy zieren. Wie Uber, so ist auch Airbnb unermüdlich mit Abwiegeln beschäftigt. Für einen Börsengang sei es viel zu früh, heißt es, denn die Ablehnung in vielen Städten sei noch groß, die Regulierung zu stark, juristische Hindernisse noch zu überwinden. Solange die Zukunft von Airbnb in beliebten Urlaubszielen wie New York nicht gesichert ist, setzen die Firmenchefs darum ungezügelt allein auf Wachstum rund um die Welt. Schon jetzt ist die Plattform für Reiseunterkünfte bei Privatleuten, die von den Kapitalgebern üppig finanziert wird, mehr wert als Hilton, das größte Hotelunternehmen an der Börse.

          Privatanleger und institutionelle Investoren warten indes sehnsüchtig auf die Börsengänge solch junger und kreativer Unternehmen. Das billige Geld will schließlich angelegt sein, und in Zeiten von historisch niedrigen Zinsen setzen Anleger vor allem auf Aktien. So hat der norwegische Staatsfonds als größter Aktieninvestor der Welt jüngst beschlossen, seine Aktienquote weiter von 60 auf 70 Prozent zu erhöhen. Schon jetzt besitzen die Norweger im Schnitt 1,3 Prozent an allen Aktien der Welt und 2,5 Prozent an börsennotierten Firmen in Europa.

          In die Technik von gestern investieren

          Um sein Vermögen von umgerechnet rund 790 Milliarden Euro zu mehren, würde der Staatsfonds am liebsten in zukunftsträchtige Technologiefirmen investieren. Aber die wollen sich eben partout nicht auf den öffentlichen Markt wagen.

          Im New-Economy-Boom zur Jahrtausendwende sind Start-ups im Schnitt vier Jahre nach ihrer Gründung an die Börse gegangen; heute lassen sie sich elf Jahre Zeit. Von daher liefe man als Investor „Gefahr, nur ins Geschäft und in die Technik von gestern zu investieren“, hat Oyind Schanke, Chefanleger des norwegischen Staatsfonds, jüngst in einem Interview gemahnt: „Was das Wachstum betrifft, wirft dies Fragen für die Gesellschaft als Ganzes auf.“ Studien zeigten: Je höher in einem Land die Quote an börsennotierten Unternehmen ist, desto stärker ist im Schnitt auch das Wachstum.

          Insgesamt weniger Börsengänge

          Im Laufe dieses Jahres haben gerade einmal neun amerikanische Tech-Firmen einen Börsengang gewagt. 2015 waren es insgesamt 28 Unternehmen, in den Jahren zuvor noch durchschnittlich 41. Der letzte größere Börsengang einer Technologiefirma liegt schon ein Jahr zurück. Im vergangenen November gelang er Match, zu der die Dating-App Tinder gehört und der an der Börse 2,9 Milliarden Dollar eingesammelt hat.

          Über die Einhörner hinaus sieht es auch nicht besser aus, gibt es 2016 doch insgesamt so wenig Börsengänge in den Vereinigten Staaten wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Mitunter müssen Unternehmen von der amerikanischen Aufsichtsbehörde SEC geradezu gedrängt werden, sich aufs Parkett zu wagen und ihr Geschäft transparent zu machen.

          Keine Lust auf Offenlegung

          Aber Einblicke in die laufenden Geschäfte zu geben – genau das widerstrebt den Einhörnern. Zum einen wird dann nämlich haarklein belegt, was im Prinzip jeder weiß: dass nämlich On-Demand-Geschäftsmodelle, wie es die Apps von Uber und Airbnb sind, längst nicht profitabel sind, sondern satte Verluste aufweisen. Neben den Offenlegungspflichten ist den jungen Branchenrevoluzzern auch die ganze Regulierung zuwider. Alle drei Monate Geschäftsberichte präsentieren zu müssen, sich ständig von Aktionären reinreden zu lassen und für jedes juristische Scharmützel Rückstellungen bilden zu müssen, das missfällt ihnen gehörig.

          So war Ubers Abschied vom hart umkämpften chinesischen Markt im Sommer zwar mit vielen öffentlichen Nebengeräuschen begleitet. Wäre der Fahrdienst aber an der Börse notiert gewesen und hätte pflichtgemäß mitteilen müssen, in China eine Milliarde Dollar verpulvert zu haben, wäre es unter seinen Anteilseignern zum Knall gekommen. Der Aktienkurs hätte arg gelitten.

          Snaps Börsengang

          Außerdem sind die Gründer und Chefs mitunter Querdenker und als solche wenig geneigt, ihre Zeit mit ausgiebiger Investorenpflege zu vertreiben. Darunter leidet angeblich ihre Kreativität. „Ich weiß, dass viele im Silicon Valley so denken. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Ethos verstehe“, sagt Orion Hindawi, Gründer und Chef der Cybersicherheitsfirma Tanium. Das auf 3,5 Milliarden Dollar geschätzte Start-up ist eines der wenigen Einhörner, das nicht mit der Masse läuft, sondern im kommenden Jahr an die Börse gehen will.

          Snapchat hat für 2017 seinen Börsengang angekündigt. Anleger setzen auf ein Umdenken in der Branche.

          Ein anderes ist das soziale Netzwerk Snapchat, in dem sich Nutzer Bilder und Kurzvideos zuschicken. Anleger setzen darauf, dass ein erfolgreicher Börsengang von Snap, wie sich das Unternehmen seit kurzem nennt, ein Umdenken unter den Einhörnern befördert. Snap, das in der vergangenen Finanzierungsrunde mit 18 Milliarden Dollar bewertet wurde, hat für das erste Quartal 2017 seinen Börsengang angekündigt – mit einer Bewertung von angeblich mindestens 25 Milliarden Dollar. Vier Milliarden Dollar will das Unternehmen damit angeblich einnehmen.

          Beispiele des Scheiterns

          Sollte der Börsengang glücken, könnte das andere Jungunternehmer zur Nachahmung ermutigen. „Wenn eine sogenannte Eisbrecher-Transaktion wie Snap funktioniert, zieht es einige im Windschatten hinterher“, sagt Peter Barkow, Gründer des Finanz-Analysehauses Barkow Consulting. Und wenn der Börsengang schiefgeht, weil die Nutzerzahlen der App zunehmend schwächer wachsen und die Werbeeinnahmen doch nicht sprudeln wie erwartet?

          Dass die milliardenschwere Bewertung eines Einhorns nicht der öffentlichen Prüfung beim Börsengang standhält, haben in jüngster Zeit schon einige Tech-Firmen erleben müssen. Auch abschreckende Beispiele von gescheiterten Wachstumserwartungen gibt es zur Genüge. Am prominentesten ist Twitter. Der Kurznachrichtendienst schreibt bis heute Verluste, seine Aktie ist nur noch halb so viel wert wie beim Börsengang im November 2013.

          Bewertungen nach unten korrigiert

          Zuletzt schlugen die Versuche fehl, Twitter an Google, Walt Disney oder Salesforce zu verkaufen. Dem ebenfalls von Jack Dorsey gegründeten Bezahldienst Square ging es kaum besser, auch die Aktien einiger anderer unprofitabler Tech-Einhörner verloren prozentual zweistellig an Wert. Warum sich also dem Risiko eines teuren Börsengangs aussetzen, solange es genug Risikokapitalgeber gibt?

          Noch zeigen sich die Investoren freigebig. Allerdings haben einige Risikokapitalgeber die Bewertungen der Start-ups längst nach unten korrigiert. Auch nehmen Branchenkenner unter Investoren eine zunehmende Skepsis gegenüber teuren Tech-Firmen wahr. „Die Furcht vor dem Platzen einer Blase wächst“, sagt Niklas Dürr, Wissenschaftler vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.

          Selbst Uber-Chef Kalanick hat den privaten Markt als „irrational“ bezeichnet. Inzwischen stecken längst nicht mehr nur die üblichen großen Wagniskapitalgeber viel Geld in die Unternehmen, sondern auch Fondsgesellschaften wie Fidelity oder Hedgefonds. „Dass Investoren auf dem Markt gekommen sind, die lange einen Bogen um Wagniskapital gemacht haben, ist ein Indiz, dass wir uns nahe am Höhepunkt befinden“, sagt Barkow. Was für das Silicon Valley heißt: Die Geldschwemme könnte bald zurückgehen. Und damit ein Börsengang wieder reizvoller werden.

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