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Nächster geplanter Börsengang : Mit Kochboxen aufs Parkett

Oliver Samwer (l), Vorstandsvorsitzender und Gründer des Berliner Internet-Beteiligungsunternehmens Rocket Internet beim Börsengang der Berliner Startup-Schmiede. Jetzt soll der nächste Börsengang folgen Bild: dpa

Lieferdienste für Lebensmittel sind schwer im Kommen. Die Umsätze in Deutschland haben sich binnen eines Jahres verdoppelt. Das nutzt nun Oliver Samwer für den nächsten Börsengang.

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          Das Rätsel ist gelüftet: Ein Jahr lang liefen die Spekulationen heiß, welches Unternehmen aus dem Hause „Rocket Internet“ Oliver Samwer als nächstes an die Börse bringt. Jetzt ist die Wahl wohl auf „Hellofresh“ gefallen. Noch im Herbst, angeblich schon im Oktober, strebt der Lieferdienst für Kochboxen in Frankfurt auf das Börsenparkett. Gestreut wird wohlweislich schon jetzt, dass da etwas immens Wertvolles für die potentiellen Aktionäre geliefert wird: Die Bewertung könne auf mehr als eine Milliarde Euro hochschnellen. So hoffen sie zumindest bei Samwers Startup-Bringdienst in Berlin.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Etliche der größeren Rocket-Beteiligungen haben sich im Laufe dieses Jahres Richtung Börse in Position gebracht. Sie gehören bei den Samwer-Brüdern zu der Gruppe mit dem ebenso kreativen wie nebulösen Titel „proven winners“, den Startups also, die den Erfolg quasi schon in der Tasche haben - auch wenn es mit Gewinnen mau aussieht. Zunächst schienen Möbel die nächste große Sache im Netz zu sein. „Home24“ und „Westwing“ heißen die Samwerschen Zugpferde auf dem Feld, die aber wohl - wegen hoher Verluste - noch nicht so weit sind, sich Aktionären anzudienen. Dann wieder sickerte durch, die „Global Fashion Group“, das Zalando-Pendant für die Schwellenländer, sei bereit für den Börsengang. Davon ist erst mal nichts mehr zu hören.

          Das Augenmerk liegt jetzt auf den Lebensmitteln. Den Bereich mischen momentan etliche Spieler auf, weil die Kunden ihre Vorbehalte gegen Lieferungen von Nahrungsmitteln nach Hause zu verlieren scheinen. Für eine halbe Milliarde Euro shoppen die Deutschen per Mausklick frische Ware. Das ist zwar nicht mal ein Prozent vom Branchenumsatz, aber immerhin bald doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Allerorts wird an Ideen rund um eine nahtlose Kühlkette getüftelt, jeder will der Erste und Größte sein, wenn das Geschäft zu brummen beginnt.

          Ganz vorne mischt Rewe mit

          Ganz vorne mischt Rewe mit, der Gigant aus der realen Warenwelt. Die roten Lieferwagen der Supermarktkette fahren mittlerweile durch mehr als 60 Städte der Republik. Das gesamte Sortiment, also 9000 Artikel, kann der Kunde per Mausklick ordern, zwei bis fünf Euro kostet der Service, ab 100 Euro Einkaufswert ist die Lieferung umsonst. Geld verdient Rewe damit nicht. Der Bringdienst ist ein Zuschussgeschäft, das dem Händler aber neue Kundschaft zuführt. Daneben schießen sich die App-Entwickler auf die Pizzadienste ein, die meisten - wie Rockets „Delivery Hero“ - kooperieren mit verschiedenen Restaurants, so dass der Kunde wählen kann zwischen chinesischer, mexikanischer, italienischer, türkischer oder wie auch immer gearteter Küche.

          „Hellofresh“ dagegen liefert keine fertigen Gerichte. Der 2011 gestartete Zusteller bringt Kisten mit genau proportionierten Zutaten bis hin zu den Gewürzen und Rezepten zum Selbstkochen nach Hause. Alles fein säuberlich verpackt und mit Kühlakkus versehen; drei verschiedene Menüs für zwei Personen zum Preis von 40 Euro stehen zur Auswahl. Billig ist das nicht.

          Aber dafür sparen die Kunden sich ja den Einkauf. Die Idee haben die Samwers mal wieder geklaut, dieses Mal in Schweden, bei „Middagsfried“. Die Skandinavier sind viel weiter als die Deutschen. Um nur neun Millionen Einwohner schlagen sich 30 verschiedene Kochbox-Lieferanten. In Deutschland sind es nur eine Handvoll. „Hellofresh“ ist mit 120 Millionen Euro Umsatz (in acht Ländern) der größte von ihnen, der in der üblichen Rocket-Manier unglaublich aufs Tempo drückt, damit die Umsätze nach oben schnellen. Momentan bestellen 250 000 Kunden vier Millionen Mahlzeiten im Monat.

          Rocket hat viel Geld investiert in seinen Lebensmittel-Bringdienst

          „Wir sind hungrig“, hat Oliver Samwer mal gesagt. Das ist wohl wörtlich zu nehmen. Rocket hat viel Geld investiert in seine Lebensmittel-Bringdienste. Allerdings machen die Rückschläge der letzten Zeit eher skeptisch. Erst im Juli kam in Deutschland das Aus für den Rocket-Schützling „Shop-Wings“, der für Kunden einkaufen gehen wollte.

          Die Rocket-Aktie selbst ist abgestürzt. 1,4 Milliarden Euro hatte der Börsengang vor einem Jahr eingespielt. Sechs Milliarden Euro war Rocket demnach wert, mehr als die Lufthansa. Jetzt aber liegt der Ausgabepreis (42,50 Euro) in weiter Ferne, die Aktie notiert auf einem Rekordtief von 29 Euro. Investoren haben seit dem Höchststand von knapp 60 Euro fast die Hälfte eingebüßt.

          Nun hatte Samwer die Aktionäre stets gewarnt, die Rocket-Aktie sei nichts für kurzfristige Anleger. Man brauche einen langen Atem, bis sich das Abenteuer auszahle. Aber irgendwann wollen die Anleger Geld sehen - so wie bei Zalando, der bisher einzigen sichtbaren und damit nachprüfbaren Erfolgsgeschichte der Samwers an der Börse. Die ehemalige Rocket-Tochter schlägt sich tapfer, der Kurs zieht stetig nach oben. Der Modehändler wächst und gedeiht. Was stört, ist einzig die schlechte Zahlungsmoral seiner Klientel: Zalando-Kunden bestellen und bezahlen nicht. Zechpreller mag kein Kaufmann, auch nicht die Zalando-Investoren. „Hellofresh“ macht es für Betrüger schwieriger: Der Kunde muss ein Abo abschließen und dafür sein Konto angeben. Erst dann wird geliefert.

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