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China : Alibabas böses Erwachen

Jack Ma, der charismatische Selfmademilliardär von Alibaba Bild: Reuters

Dass der Internetkonzern aus China stammt und damit politischen Risiken unterliegt, hat beim Börsengang kaum einen Investor gestört. Bis Peking Alibaba nun gezeigt hat, wer im Reich der Mitte die Wirtschaft führt: der Staat und niemand sonst.

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          Beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos war für den Stargast Jack Ma die Welt noch in Ordnung. Die versammelte Elite, eingeflogen aus allen Teilen des Erdballs, hatte den charismatischen Selfmademilliardär als wichtigsten Unternehmer der nach Kaufkraft größten Wirtschaft der Welt gefeiert. Und als deren politische Nummer zwei, Premier Li Keqiang, Ma auf einem der Davoser Flure zufällig über den Weg lief, scherzte der Regierungschef wie mit einem guten Freund: „Du auch hier?“

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Ma und Li kennen und schätzen sich. In Davos verteidigte der Alibaba-Milliardär das verlangsamte Wachstum Chinas und den Umbauplan der Regierung für die Wirtschaft, auf dass im von Umweltverschmutzung und Überkapazitäten geplagten Reich der Mitte künftig weniger neue Stahl- und Kohlefabriken entstehen und mehr neue kleine Internetkonzerne wie Alibaba. Mehrmals hat der Premier den Milliardär schon in das abgeriegelte Regierungsviertel Zhongnanhai direkt neben der Verbotenen Stadt eingeladen, eine von hohen Mauern umgebene schwer bewachte Hochsicherheitszone, in deren Inneren die Regierung inmitten einer Seen – und Parklandschaft ihren Geschäften nachgeht. Während Chinas Präsident Xi Jinping die Rückbesinnung auf sozialistische Werte fordert und internationale Investoren verschreckt, soll die Nummer zwei im Staat Li Keqiang das wirtschaftsfreundliche Gesicht darstellen. Mehrere Stunden dauern die Treffen mit dem Alibaba-Gründer für Gewöhnlich, in denen Jack Ma dem wohlwollenden Premier stolz erzählen darf, dass heutzutage irgendein dahergelaufener Passant auf der Straße vor den Toren des Regierungssitzes möglicherweise auf der Alibaba-Plattform Taobao einen Shop mit 100 Millionen Yuan Umsatz betreibe.

          Ansonsten habe Alibaba allerdings mit Chinas Regierung nicht allzuviel zu schaffen, versicherte Ma vor dem Börsengang des Konzerns in New York im vergangenen September den westlichen Investoren. Vielmehr sei es „Zufall“, dass der Konzern seinen Sitz im südchinesischen Hangzhou habe. Das sollte heißen: Chinas Wirtschaft sei offen und die Regierung bei einem Unternehmen, das größer als Facebook und Amazon ist, außen vor. Politisches Risiko? Nicht vorhanden. Die Investoren hörten erst zu, dann griffen sie zu: 25 Milliarden Dollar sammelte Alibaba ein und wurde zum größten Börsengang aller Zeiten.

          Der Kurs hat sich seitdem prächtig entwickelt, stieg zeitweilig über 40 Prozent an und stand bis Ende Januar immer noch über 20 Prozent im Plus. Doch dann ging es runter: denn seit der Davoser Held Jack Ma wieder im Lande ist, ist sein Konzern zum Spielball der Politik geworden. Die mächtige Aufsichtsbehörde SAIC, die Staatsbehörde für Industrie und Handel, die auf Ministerialebene direkt unter dem Staatsrat angesiedelt ist, dem Premier Li Keqiang vorsitzt, stellt mal so eben eine in bitterbösen Worten gehaltene Anklageschrift gegen Alibaba auf ihre Internetseite, die dem Konzern vorwarf, nahezu zwei von drei Produkten, die über die Handelsplattform Taobao vetrieben würden, seien gefälscht. Und Jack Mas Unternehmen tue so gut wie nichts, um den Umstand zu beheben. Mehrere Monate vor dem Börsengang habe man die Angelegenheit mit Alibaba diskutiert und sich nur mit öffentlicher Kritik zurückgehalten, um den Börsengang nicht zu verschieben. Das vernichtende Urteil der Beamten: Alibaba stecke in der „größten Glaubwürdigkeitskrise seit Unternehmensgründung“.

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