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Rückblick 2015 : Ein gutes Jahr für Börsengänge

30 Prozent Kursplus: Maria-Elisabeth Schaeffler läutet die Glocke. Bild: Wolfgang Eilmes

15 Neulinge in Deutschland mit 7 Milliarden Euro Emissionserlös sind ein ordentliches Ergebnis. Die deutsche Börsengangskultur hat sich repariert, sagt ein Experte. Und nächstes Jahr kommen alte Bekannte an die Börse zurück.

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          Ferratum ist nicht Ferrari. Während der italienische Edelkarossenhersteller an der New Yorker Börse debütierte und seinen Anlegern Kursverluste bescherte, entschied sich der finnische Finanzdienstleister für Frankfurt als Handelsplatz. Ein Kursplus von 62 Prozent seit dem 6. Februar steht bis heute zu Buche. Es ist nicht die einzige Erfolgsgeschichte am deutschen Aktienmarkt. Das Chemieunternehmen Covestro – von Bayer mit erheblichen Preiszugeständnissen an die Börse gebracht – weist seit Oktober ein Kursplus von 40 Prozent auf. Auch der Automobilzulieferer Schaeffler, der in einem vom VW-Skandal geprägten Umfeld Anfang Oktober an die Börse kam, liegt seither 30 Prozent im Plus. Eine Garantie für Kursgewinne waren die Börsenneulinge freilich nicht. Der Aktienkurs von Windeln.de liegt 44 Prozent unter seinem Ausgabepreis, der des Schmuckhändlers Elumeo 24 Prozent.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Gut 7 Milliarden Euro warben die 15 Neulinge im streng regulierten Prime Standard der Deutschen Börse ein. Im Vorjahr gab es elf Börsengänge und nur gut 3 Milliarden Euro Emissionserlös. Covestro stand in diesem Jahr trotz gestutzten Volumens mit 1,5 Milliarden Euro an der Spitze vor dem Rückkehrer Deutsche Pfandbriefbank, die noch unter dem Namen Hypo Real Estate einst dem Dax angehörte und nun knapp 1,2 Milliarden Euro einwarb. Die Scout24-Gruppe kam auf einen Emissionserlös von gut einer Milliarde Euro knapp vor Schaeffler.

          Im internationalen Vergleich liegt Deutschland trotz des Aufschwungs nur unter ferner liefen. Die Beratungsgesellschaft EY zählte global 1218 Börsengänge mit einem Volumen von umgerechnet 177 Milliarden Euro. Anders als in Deutschland war der globale Trend jedoch rückläufig. China blieb mit 344Initial Public Offerings (IPOs) und einem Anstieg um 39 Prozent zwar die größte Quelle an Börsenneulingen. Doch der zwischenzeitlich von Juli bis November verordnete Stopp an Börsengängen bremste das Wachstum. Das Emissionsvolumen in China erreichte 53 Milliarden Euro und übertraf damit sogar die Vereinigten Staaten, die einen Rückgang um 65 Prozent auf 30 Milliarden Euro verzeichnen mussten. Europa insgesamt kommt auf 56 Milliarden Euro. Der deutsche Anteil beträgt nur 12 Prozent, global sogar nur 4 Prozent und entspricht damit weiterhin nicht seinem volkswirtschaftlichen Gewicht.

          Potential für 10 bis 15 Börsengänge 2016

          Klaus Fröhlich, Leiter des Kapitalmarktgeschäfts von Morgan Stanley in Deutschland und Österreich, sieht gerade hierzulande jedoch positive Entwicklungen. „Es hat 15 Jahre gedauert, aber die deutsche Börsengangskultur hat sich repariert“, sagt Fröhlich. „Die deutsche Fondswirtschaft war jahrelang sehr zurückhaltend und ist jetzt viel aktiver und bei den meisten Transaktionen dabei. Das ist wichtig für die Aktienkultur und den Markt.“ Bis die Privatanleger auch wieder mit von der Partie sind, werde es aber wohl noch eine Generation dauern. In den liquiditätsgetriebenen Börsen sieht Fröhlich weiterhin ein gutes Umfeld. Er rechnet auch im nächsten Jahr mit einigen interessanten Börsengängen. So ist sein Team, das nach der Rangliste von Dealogic in Europa bei der Begleitung von Börsengängen 2015 führend ist vor der Citigroup, JP Morgan und Goldman Sachs, derzeit mit der Vorbereitung des Börsengangs der Eon-Abspaltung betraut. Die Kraftwerkssparte könnte im zweiten oder dritten Quartal 2016 an die Börse gebracht werden. Auch kein Neuling an der Börse, aber doch ein großes IPO, dürfte die Rückkehr der Postbank sein, nachdem die Deutsche Bank ihre Anteile verkaufen möchte.

          Insgesamt könnte sich Fröhlich zehn bis 15 Börsengänge in Deutschland im Jahr 2016 vorstellen. „Der Markt ist aber nicht planbar, sondern manchmal Spielball von politisch nicht vorhersehbaren Trends wie zum Beispiel dieses Jahr die Griechenland-Krise.“ Das macht die Sache für Wege an die Börse nicht einfacher. „Alle Versuche, den Prozess zu beschleunigen, sind gescheitert“, sagt Fröhlich. „Sie müssen alles in allem sechs Monate für einen Börsengang rechnen. Bei größeren Transaktionen sind im Unternehmen selbst und bei den begleitenden Banken und Beratern insgesamt mehr als 1000 Menschen damit befasst, das ist eine komplexe Angelegenheit.“ Kommt es kurz vor Toresschluss zu Marktverwerfungen, kann dies trotz guter Vorbereitung zum Scheitern oder zu Anpassungen der Börsenpläne führen, wie es auch in diesem Herbst der Fall war. Mittlerweile planen die meisten Börsenkandidaten zudem zweigleisig einen Verkauf sowie einen Börsengang. „Oft wird dann erst in letzter Sekunde entschieden, was attraktiver ist“, sagt Fröhlich. So wurde Douglas unmittelbar vor der Erstnotiz noch verkauft. „Die Eigentümer sind das Unternehmen beim Verkauf schnell los. Wer allerdings an eine weiter positive Entwicklung glaubt, kann über einen sukzessiven Verkauf über die Börse möglicherweise unter dem Strich mehr verdienen.“

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