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Internationaler Finanzmarkt : Die Welle der Übernahmen treibt die Aktienkurse

  • -Aktualisiert am

Japan Tobacco soll Interesse an Gallaher haben Bild: dpa

Strukturwandel und Globalisierung werden das Übernahmegeschäft auch in Zukunft auf hohen Touren laufen lassen - zur Freude der Aktionäre. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.

          3 Min.

          Die Übernahmewelle gewinnt weiter an Kraft: In der vergangenen Woche haben wieder eine ganze Reihe Unternehmen dies- und jenseits des Atlantiks Übernahmen und Fusionen angekündigt. Nach Daten des Informationsdienstleisters Bloomberg wurden damit in diesem Jahr allein in Europa schon Übernahmen und Fusionen im Gesamtvolumen von 1,6 Billionen Dollar angekündigt. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres - in dem das Übernahmegeschäft ebenfalls hohe Wellen schlug - lag das Transaktionsvolumen bei „nur“ 998 Milliarden Dollar.

          Die lebhafte Übernahmetätigkeit und die damit einhergehende Übernahmephantasie treibt die Aktienkurse. Nach einigen Einbußen in den drei Wochen zuvor haben die Aktienmärkte in Europa und Amerika daraufhin die vergangene Woche wieder mit einem dicken Plus abgeschlossen. Sie liegen damit schon wieder in Sichtweite ihrer im November erreichten langjährigen Hochs. Der marktbreite amerikanische Leitindex S&P 500 erreichte am Donnerstag sogar den höchsten Stand seit November 2000. Unterstützung erhielten die Aktienmärkte zum Wochenschluß auch von unerwartet günstigen Daten vom amerikanischen Arbeitsmarkt. Dies bestärkte die Konjunkturoptimisten, die der amerikanischen Wirtschaft eine „weiche Landung“ vorhersagen.

          Hat die Bank of America Interesse an Barclays?

          Die Übernahmewelle wird zu einem guten Teil von der immer noch billigen Liquidität getrieben, die es ermöglicht, den Kaufpreis in beträchtlichem Umfang mit Krediten zu finanzieren. Das spielt insbesondere bei den Private-Equity-Beteiligungsgesellschaften eine Rolle, die auf der Jagd nach Rendite mit hohem Kredithebel arbeiten. In der vergangenen Woche standen allerdings zwei Transaktionen mit industriestrategischen Motiven im Vordergrund: So hat die Bank of New York die Übernahme von Mellon Financial angekündigt, um den weltgrößten Verwahrer von Wertpapieren zu schmieden. In Europa teilte der britische Tabakkonzern Gallaher den Eingang eines Übernahmegebots mit; Börsengewisper zufolge soll es von Japan Tobacco stammen. Durch den technischen Fortschritt bedingter Strukturwandel und Globalisierung werden das Übernahmegeschäft auch in Zukunft auf hohen Touren laufen lassen - zur Freude der Aktionäre.

          Am meisten entzündete allerdings ein Bericht die Börsenphantasie, der bislang bloße Spekulation ist: Einem Bericht von Merrill Lynch zufolge plant die Bank of America die Übernahme der drittgrößten britischen Bank Barclays. Durch solch eine Transaktion, deren Volumen auf fast 120 Milliarden Dollar veranschlagt wird, würde die größte Bank der Welt entstehen. Tatsächlich hat Ken Lewis, der Chef der Bank of America, bereits im August wissen lassen, daß er nach einer Übernahme Ausschau halte, die die Bank - die in jüngster Zeit zur größten in Amerika aufgestiegen ist - „transformiere“. Nach einhelliger Einschätzung spielte Lewis damit auf eine große Transaktion in Europa an. Käme es tatsächlich zu einer transatlantischen Banken-Megafusion, würde dies die großen Rivalen in Zugzwang bringen. Dann könnten weitere Mega-Deals folgen. Die Deutsche Bank könnte dabei wohl keine aktive Rolle spielen. Denn mit einer Marktkapitalisierung von gut 50 Milliarden Euro rangiert sie in Europa nur auf Rang 12 und international noch weiter hinten.

          Renditen amerikanischer Staatsanleihen steigen kräftig

          Auftrieb erhielten die Aktienmärkte auch von der Nachricht, daß die amerikanische Wirtschaft im November 132.000 neue Stellen geschaffen hat, 20 Prozent mehr als erwartet. Das bestärkte die Hoffnungen auf eine weiche Landung der amerikanischen Konjunktur - und dämpfte im gleichen Atemzug die Spekulationen auf eine baldige Leitzinssenkung in Amerika. Die Folgen zeigten sich an den Zinsterminmärkten: Noch am 1. Dezember wurde dort als sicher angenommen, daß die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins bis März von 5,25 auf 5 Prozent herabsetzen würde; nun wird diese Wahrscheinlichkeit nur noch auf 34 Prozent veranschlagt. Dieser Einschätzungswandel hat die Renditen amerikanischer Staatsanleihen am Freitag kräftig steigen lassen.

          Abweichend vom Konsens, erwartet die Investmentbank Goldman Sachs im kommenden Jahr eine deutliche Senkung des Dollar-Leitzinses. Jan Hatzius, ihr Chefökonom Amerika, sagte am Donnerstag auf der Fachkonferenz „Zins-Forum“ in Frankfurt, in einem Jahr werde der amerikanische Leitzins bei 4 Prozent liegen. Demgegenüber prognostizieren die Analysten der Citigroup nur eine kleinere Bewegung nach unten. Von der geldpolitischen Sitzung der Fed am kommenden Dienstag wird allgemein kein Zinsschritt erwartet. Bei der Citigroup meint man, daß die Fed auch ihr Kommuniqué nicht wesentlich verändern dürfte, also dabei bleiben dürfte, Inflationsrisiken hervorzuheben.

          Einige Nervosität an den Währungsmärkten

          Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag wie erwartet den Leitzins von 3,25 auf 3,5 Prozent angehoben (siehe auch: EZB erhöht Leitzins wie erwartet). Hinsichtlich des weiteren Vorgehens haben der Rat und EZB-Präsident Jean-Claude Trichet wohl ganz bewußt etwas Unsicherheit gesät. Dahinter dürfte die Aufwertung der Gemeinschaftswährung stehen, die den Euro in jüngster Zeit zum Yen auf ein Rekordhoch getrieben hat und zum Dollar nahezu auf ein Rekordhoch.

          An den Währungsmärkten herrscht einige Nervosität, daß der Dollar in nächster Zeit deutlich unter Druck geraten könnte. Signale der EZB in Richtung auf weiter steigende Leitzinsen würden diese Spekulationen bestärken - was nicht im Interesse der EZB liegt. Abgesehen davon, muß sie sich für den Fall, daß es tatsächlich zu einem Kursrutsch des Dollar kommt, alle Optionen für ihre Leitzinsen offenhalten. Nach kräftigen Schwankungen am Freitag schloß der Euro die Woche etwas schwächer mit 1,32 Dollar ab.

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