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Internationaler Finanzmarkt : Auf Umschulden folgt Umschulden

  • -Aktualisiert am

Kursänderungen der 30 Werte des Dow Jones-Indusrial in zwei Zeiträumen Bild: F.A.Z.

Europas Schuldenkrise ist nach Griechenlands Umschuldung nicht beendet. Neue Hilfsrunden und eine weitere Geldschwemme der EZB stehen bevor.

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          Mit Ach und Krach sind die Umschuldung Griechenlands und das zweite Hilfspaket über zusätzliche 130 Milliarden Euro auf den Weg gebracht. Doch das Gefühl des „jetzt passt, wackelt und wird erst einmal halten“ hat sich nicht eingestellt. „Nach der Umschuldung ist vor der Umschuldung“, so ließe sich ein berühmtes Zitat des früheren Bundestrainers Sepp Herberger vom heutigen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble abwandeln. Schäuble schreibt den Abgeordneten des Deutschen Bundestages, es gebe keine Garantie auf Erfolg. Es seien möglicherweise nicht die letzten Finanzhilfen für Griechenland. Ganz zu schweigen, was in anderen Euroländern bevorsteht, die ihre Finanzen nicht mehr im Griff haben. Schon spekuliert die amerikanische Bank Citigroup darüber, wie groß - das „ob“ wird gar nicht mehr diskutiert - der in Portugal zu erwartende Schuldenschnitt wohl ausfallen wird. Ende dieses Jahres, spätestens aber im Laufe des nächsten Jahres sei es so weit. Der Teilverzicht der privaten Gläubiger werde dann wohl bei 50 Prozent und nicht wie bisher von der Citigroup erwartet bei 35 Prozent liegen.

          Seltsamerweise haben die Gedankenspiele über weitere Turbulenzen in der Staatsschuldenkrise an Schrecken verloren. In der vergangenen Woche stagnierten die Aktienmärkte auf dem Niveau der Vorwoche. Damit bleibt der Aufwärtstrend der vergangenen Monate intakt. Seit Jahresbeginn haben der deutsche Leitindex Dax und der breiter angelegte F.A.Z.-Index rund 16 Prozent an Wert zugelegt. Auch auf den Anleihemärkten setzt sich die Entspannung fort. Italienische zehnjährige Anleihen rentieren derzeit mit 5,4 Prozent, spanische mit weniger als 5 Prozent. Damit haben sich die Finanzierungskosten für beide Länder gegenüber dem Krisenhöhepunkt um gut 1,5 Prozentpunkte verringert.

          Neue Nahrung könnte die Entspannung auf dem Anleihemarkt in dieser Woche erhalten. Am Donnerstag und Freitag treffen sich die Staats- und Regierungschefs der Euroländer in Brüssel, um über eine noch größere Ausstattung des künftigen Stabilisierungsfonds ESM zu beraten. 500 Milliarden Euro sind sicher, es könnten aber auch 750 Milliarden Euro werden, wenn die noch nicht verbrauchten Mittel des bisherigen Stabilisierungsfonds EFSF übertragen würden. Diese weit verbreitete Forderung brachte unter anderem OECD-Generalsekretär Ángel Gurría beim Treffen der wichtigsten Schwellen- und Industrieländer in Mexiko an diesem Wochenende vor. Der Druck auf Deutschland, in dieser Frage doch noch nachzugeben, wächst also.

          Wichtiger noch als die Größe des Stabilisierungsfonds scheint für die Verfassung der Anleihemärkte allerdings die Geldzufuhr durch die Europäische Zentralbank (EZB) zu sein. Deshalb dürfte Mittwoch der für die Markttendenz bestimmende Tag werden, wenn die EZB ermittelt, wie viel Geld die Banken des Euroraums beim zweiten dreijährigen Finanzierungsgeschäft abgerufen haben. Beim ersten Tender mit dieser ungewöhnlich langen Laufzeit - EZB-Präsident Mario Draghi bezeichnet ihn scherzhaft als „Dicke Bertha“ - hatten die Banken sich 489 Milliarden Euro für drei Jahre verschafft. Das verleitete insbesondere spanische und italienische Banken, an die nach Schätzungen mehr als die Hälfte der Summe ging, Anleihen ihrer Heimatstaaten zu kaufen. Eine hohe Nachfrage könnte also die Märkte weiter beruhigen und die Risikofreude der Anleger stärken. Im Durchschnitt rechnen von den Nachrichtenagenturen befragte Bankenanalysten, dass die Nachfrage etwa auf dem Niveau des ersten „Dicke Bertha“-Tenders liegen wird. Morgan Stanley hält eine Nachfrage von weniger als 400 Milliarden Euro aus Sicht des Marktes für enttäuschend und erwartet für diesen Fall eine negative Kursreaktion.

          Die Banken können ihre Gebote am Dienstag und Mittwoch abgeben. Am Mittwoch ermittelt die EZB die Gesamtsumme und am Donnerstag wird das Geschäft abgewickelt. Die nationalen Notenbanken erhalten spätestens dann von den Banken zusätzliche Sicherheiten, sofern die bisherigen nicht ausreichen, und schreiben den Zentralbankkonten der Banken das Geld gut. Da die Banken Kredite mit kürzerer Laufzeit fällig stellen und in den neuen Langfristtender mit drei Jahren Laufzeit tauschen dürfen, wird die Summe des Tenders nicht der tatsächlichen Erhöhung der Geldmenge entsprechen. Beim ersten „Bertha“-Tender im Dezember betrug der Nettozufluss gut 200 Milliarden Euro. Dieses Mal könnte die Erhöhung 200 bis 450 Milliarden Euro betragen, schätzt Morgan Stanley. Die Gesamtsumme der Ausleihungen der EZB an die Banken könnte also von zuletzt 862 Milliarden auf deutlich mehr als 1.000 Milliarden Euro steigen. Dadurch würde sich die Laufzeit der Finanzierungen durch die Notenbanken auf mehr als zwei Jahre erhöhen. Vor der Krise betrug die durchschnittliche Laufzeit der Ausleihungen weniger als 40 Tage.

          Einige Beachtung dürfte auch die Rede des amerikanischen Notenbankenpräsidenten Ben Bernanke vor dem Kongress der Vereinigten Staaten finden. Der Fed-Präsident hat bei früheren Reden vor dem Kongress die Gelegenheit genutzt, um wichtige Neuerungen in der Krisenpolitik anzukündigen. In Frage käme dieses Mal unter anderem die Stützung des amerikanischen Immobilienmarkts durch den Ankauf von Kreditverbriefungen. Am Donnerstag könnte ein freundlicher Wert des ISM-Index auf eine verbesserte Stimmung in der amerikanischen Industrie hindeuten. Auch die persönlichen Ausgaben der amerikanischen Konsumenten könnten im Februar nach dem stagnierenden Wert im Januar wieder um 0,4 Prozent gestiegen sein, wenn die Analysten der Banken mit ihren durchschnittlichen Schätzungen richtig liegen. In Europa dürfte die EZB am Montag eine weiterhin schwache Entwicklung der Kreditmenge melden. Dafür sind die Daten vom deutschen Arbeitsmarkt trotz der jüngsten Abkühlung voraussichtlich abermals ermutigend, wenngleich sich der Rückgang der Arbeitslosenzahl um 5000 nach 34000 im Vormonat verlangsamt haben könnte.

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