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Internationaler Finanzmarkt : Anleger setzen auf goldenen September

Der Goldpreis steigt im Schatten von Aktien und riskanten Anleihen Bild: dpa

Es könnte ein guter Börsenmonat werden: Nach der EZB dürfte nun die Notenbank in Amerika neues Geld für Anleihen bereitstellen. Aktien, Gold und riskante Anleihen haussieren.

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          Der oft schlechteste Börsenmonat könnte in diesem Jahr positiv herausragen. Zumindest hat Mario Draghi seinen Teil dazu geliefert, dass der September 2012 an den Kapitalmärkten verheißungsvoll begonnen hat. Als der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) am vergangenen Donnerstag neue, unbegrenzte Anleihekäufe durch die EZB in Aussicht stellte, gewann die Hausse auf den Aktienmärkten und den südeuropäischen Anleihemärkten an Schwung. Nun müssten aus Sicht der Käufer „nur“ noch zwei weitere Akteure mitspielen, damit der September ein perfekter Börsenmonat wird: Das Bundesverfassungsgericht müsste am Mittwoch den Europäischen Staats- und Bankenrettungsfonds ESM ohne größere Auflagen erlauben. Und in Amerika müsste die Notenbank Fed am Donnerstag ein neues, dann drittes Ankaufprogramm für Staatsanleihen auflegen. Kaum jemand an den Finanzmärkten zweifelt derzeit laut daran, dass es genauso kommt.

          Hanno Mußler
          (ham.), Finanzen, Wirtschaft

          Die Skeptiker dieser Notenbankpolitik mögen zwar leiser geworden sein, aber auch sie agieren. Anders ist kaum zu erklären, warum Gold im Schatten von Aktien und riskanten Anleihen derzeit haussiert. Anleger zahlen für eine Unze Feingold mit 1742 Dollar nun so viel wie in den vergangenen sechs Monaten nicht. Und in Euro ist der absolute Höchstpreis aus dem September 2011 in Reichweite. Damals kostete Gold in Euro in der Spitze 1378 Euro je Unze, derzeit sind es nach einem Anstieg um 7,4 Prozent seit Anfang Juli 1357 Euro. Es sind nicht Schmuckkäufer in den derzeit eher konjunkturschwachen Hauptgoldabnehmerländern Indien und China, die den Goldpreis treiben, sondern Anleger. Schließlich stiegen die Bestände der mit Gold unterlegten börsengehandelten Indexfonds am Donnerstag auf 72,1 Millionen Unzen - ein Rekord.

          Amerika ist mit seiner Konjunkturschwäche nicht allein

          Die Gold-Anleger treibt um, dass das von den Notenbanken EZB und Fed zusätzlich bereitgestellte Geld für Anleihekäufe den Euro und den Dollar schwächen. Als Hauptpreistreiber des dagegen nicht beliebig vermehrbaren Goldes sehen sie die Fed. Tatsächlich könnten überraschend schwache Daten vom Freitag den Notenbankern die Vorlage geliefert haben, um am kommenden Donnerstag das dritte Anleihekaufprogramm („QE 3“) zu beschließen. Im August haben die amerikanischen Unternehmen nur 96.000 neue Stellen geschaffen, erwartet worden waren 130.000. Zudem entstanden im Juli nicht wie zuvor vom Arbeitsministerium bekanntgegeben 163.000, sondern nur 141.000 neue Stellen.

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          Amerika ist mit seiner Konjunkturschwäche nicht allein. Der Index, der die Bestellungen der Einkaufsmanager der Industrie auf der Welt misst, fiel im Juli weiter auf 48,1 Punkte. Werte unter 50 deuten auf Rezession. Viele Notenbanken haben ihre Zinsen schon auf niedrigste Niveaus gesenkt. In der vergangenen Woche setzte nun die schwedische Notenbank überraschend ihren Repo-Satz um 25 Basispunkte auf 1,25 Prozent herab. Auch in Polen, wo es zuletzt gegen den Trend eine Leitzinserhöhung auf 4,75 Prozent gab, stellte die Notenbank nun eine Leitzinssenkung für das vierte Quartal in Aussicht. Leitzinssenkungen hat die amerikanische Notenbank dagegen längst ausgeschöpft. Wenn sie „QE 3“ starten will, spricht vieles dafür, dass sie dies tatsächlich an diesem Donnerstag beschließen wird. Schließlich findet die nächste Sitzung der Notenbanker nur wenige Tage vor der Präsidentenwahl statt.

          Dax mit neuem Jahreshoch

          Zweifel am Erfolg des zusätzlichen Zentralbankgeldes kommt neuerdings ausgerechnet aus Großbritannien, wo die Zentralbank inzwischen mehr als ein Drittel der britischen Staatsanleihen aufgekauft hat. Der Chefvolkswirt der Bank of England, die in der vergangenen Woche überraschend keine neuen Anleihekäufe bekanntgab, sagte: „Wenn die Handbremse deines Autos klemmt und du immer stärker das Gaspedal durchdrückst, wird dich das nicht weit bringen, weil das Auto überhitzt.“ Es sei womöglich nicht das geeignete Mittel, in eine stagnierende Wirtschaft noch mehr Geld zu pumpen.

          Doch die meisten Anleger setzen derzeit darauf, dass die Notenbanken die Konjunktur beleben und den Euroraum erhalten. Trotz des schwachen Arbeitsmarktberichtes legten die amerikanischen Aktienbörsen zum Handelsschluss am Freitag weiter zu. Der Aktienindex S&P 500 stieg im Wochenverlauf um 2,8 Prozent und beendete die Woche mit 1437 Punkten so hoch wie seit Mai 2008 nicht mehr. Der deutsche Dax krönte den bisher goldenen September mit einem neuen Jahreshoch von 7248 Punkten. In Europa legte der Aktienindex Banken mit 6,4 Prozent besonders stark zu. In den vergangenen sieben Wochen ging es für diesen Index nur in einer Woche abwärts. Spanische Staatsanleihen mit zwei Jahren Laufzeit, die Hauptprofiteur von EZB-Käufen sein könnten, rentieren inzwischen mit weniger als 3 Prozent. Und der Euro kletterte auf 1,28 Dollar, den höchsten Kurs seit Mai.

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