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Insiderhandel : Vorwürfe eines Analysten erschüttern die Londoner City

  • Aktualisiert am

Die Brokerfirma Collins Stewart leugnet Insiderhandel sowie geschönte Analysen und hat eine Millionen-Klage wegen Rufschädigung gegen die Financial Times angedroht.

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          Als an der Wall Street in den vergangenen Jahren die Investmentbanken aufgrund zweifelhafter Geschäftspraktiken unter Beschuß gerieten, herrschte in der Londoner City mitunter heimliche Genugtuung. An der Themse war kein großer Fall von Unredlichkeit aufgedeckt worden, was nicht zuletzt die Aufsichtsbehörde Financial Services Authority (FSA) nach einer Untersuchung öffentlich bestätigte.

          Seit einigen Tagen aber sorgt ein einzelner Angestellter mit seinen Vorwürfen gegen die Brokerfirma Collins Stewart Tullett für Schlagzeilen - und nährt den Verdacht, daß auch an der Themse nicht alle Westen rein sind. Es geht um geschönte Research-Berichte sowie die Weiterleitung von Insiderinformationen, um eigene Aktien sowie die von Kunden nach oben zu treiben. Im vorerst letzten Kapitel dieser Affäre droht Collins Stewart zudem der "Financial Times" als einer der berichtenden Zeitungen mit einer Millionen-Klage wegen Rufschädigung.

          Dossier voller schwerer Vorwürfe

          Alles begann im Frühsommer dieses Jahres mit dem eher unauffälligen Analysten James Middleweek, der zunächst als Anwalt arbeitete, bevor er sich für einen Wechsel in die Finanzbranche entschied. Sieben Jahre lang war er bei Collins Stewart tätig, wo er zuletzt kleine Firmen bewertete, das Spezialgebiet seines Arbeitgebers. Allein seine Vergütung, nach Presseberichten 95.000 Pfund Basisgehalt (133 000 Euro) und ein Bonus von 50.000 Pfund im vergangenen Jahr, zeigt, daß er nicht zu den Stars seines Berufszweiges gehörte. Im Mai dieses Jahres aber begann der Aufstieg des 38 Jahre alten Vaters zweier Kinder aus der grauen Masse.

          Seiner Aussage nach sollte er eine Radio-Gesellschaft, die Collins Stewart an die Börse brachte, höher bewerten als gerechtfertigt. Als er sich weigerte, drohte man ihm mit der Kündigung. Am 9. Juli dann konfrontierte er mit Hilfe von Anwälten den Chief Executive von Collins Stewart, Terry Smith, mit einem 32 Seiten langen Dossier voller schwerer Vorwürfe.

          Darin behauptet Middleweek, Smith habe Kunden über die bevorstehende Übernahme des Wasserversorgers Northumbrian Water durch ein von Collins Stewart angeführtes Konsortium informiert, so daß sich diese noch schnell günstig mit Aktien eindecken konnten. Auch vor dem Kauf des Brokers Tullett & Tokyo durch Collins Stewart seien Mitarbeiter angewiesen worden, Kunden mit Hilfe von kursrelevanten Informationen zum Kauf der Collins-Aktie zu drängen. Mehrere Gesellschaften, die Collins an die Börse bringen sollte, seien zu hoch bewertet worden. Und ihm, Middleweek, habe man die Bewertung von zwei Unternehmen abgenommen, weil er "zu ausgewogen" vorgegangen sei, sagte der Analyst. Nach Angaben von Collins Stewart versprachen Middleweeks Anwälte das Dossier unter Verschluß zu halten, wenn das Unternehmen dem Analysten 2,4 Millionen Pfund zahle.

          Angriff auf die Financial Times

          In Terry Smith hat Middleweek freilich einen streiterprobten Kontrahenten gefunden. Der Gründer von Collins Stewart will gerade Vorwürfe mangelnder Unabhängigkeit nicht auf sich sitzen lassen. 1992 mußte Smith unter aufsehenerregenden Umständen seinen Job bei UBS aufgeben, nachdem er ein Buch über die Bilanzmanipulationen von bekannten Unternehmen veröffentlicht hatte, darunter UBS-Kunden sowie Pearson, die Muttergesellschaft der FT. Zuvor hatte Smith einmal die Barclays-Bank negativ beurteilt, obwohl er bei der zugehörigen Investmentbank Barclays de Zoete Wedd arbeitete.

          Smith entließ Middleweek nach dem Treffen am 9. Juli umgehend unter dem Vorwurf der Erpressung, schaltete die Polizei ein und verständigte die FSA. Der Aufsichtsbehörde hat im übrigen auch Middleweek sein Dossier zugeschickt. Zudem hat Collins Stewart die Anwaltskanzlei Clifford Chance mit einer Untersuchung beauftragt. Diese kam bereits zu dem Schluß, daß an den Vorwürfen Middleweeks nichts dran sei. Die FSA indes ermittelt noch und enthält sich jeder Stellungnahme.

          Middleweek hat inzwischen zugegeben, daß er 88.000 Aktien von Collins Stewart verkaufte, bevor er mit seinen Vorwürfen an die Öffentlichkeit ging. Collins Stewart hat unterdessen mit ihrem Angriff auf die Financial Times (FT) einen Nebenkriegsschauplatz eröffnet. Sie behauptet, die Zeitung trage aufgrund ihrer Bedeutung in der Finanzwelt eine Mitschuld am Kursverlust von 128 Millionen Pfund. Sie betreibe einen unverantwortlichen Journalismus.

          Telefonaufnahmen zeigten, daß ein FT-Journalist bei Fondsmanagern mit dem Ziel recherchiert habe, eine "unfreundliche Geschichte" über Collins Stewart zu schreiben. Die FT dagegen steht nach Angaben von Chefredakteur Andrew Gowers zu ihrer Berichterstattung und glaubt, daß die Veröffentlichung der Vorwürfe Middleweeks im öffentlichen Interesse lagen.

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