https://www.faz.net/-gv6-9un10

Forsa-Umfrage : Schuldner klagen über hohe Inkasso-Gebühren

  • -Aktualisiert am

Konsum auf Pump kann zu Überschuldung führen Bild: dpa

Verbraucherschützer kritisieren Inkassounternehmen, die im Auftrag von Versandhändlern und anderen Gläubigern Forderungen eintreiben. Die Branche wehrt sich.

          3 Min.

          Aus Sicht von Verbraucherschützern schalten Gläubiger zu schnell Inkassounternehmen ein, wenn Kunden ihre Rechnungen nicht bezahlen. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) stützt diese Auffassung auf eine repräsentative Umfrage unter mehr als 1000 Verbrauchern durch das Meinungsforschungsinstitut Forsa. Der Verband hatte diese Umfrage in Auftrag gegeben und die Ergebnisse am Freitag auf seiner Internetseite vorgestellt.

          Mark Fehr

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Von den Befragten, die schon einmal ein Inkassoschreiben erhalten haben, gaben 53 Prozent an, vorher nicht vom Gläubiger gemahnt worden zu sein. Mit 43 Prozent sei zudem ein großer Teil der Befragten der Meinung, zu Unrecht Inkassoschreiben erhalten zu haben. Knapp ein Viertel der Befragten hält dabei die durch den Inkassoprozess ausgelösten Kosten für überzogen. Laut der Befragten verlangen die Inkassounternehmen Aufschläge von 100 Euro bis 200 Euro. Die Verbraucherschützer fordern daher geringer Gebühren und eine zentrale Aufsicht über die Inkassoindustrie.

          Bei Inkassounternehmen handelt es sich um professionelle Schuldeneintreiber, auch wenn Branchenvertreter lieber die schmeichelhaftere Bezeichnung „Forderungsmanagement“ verwenden. Mit rabiaten Methoden wie Hausbesuchen oder Drohanrufen hat die Realität zumindest in der professionellen Inkassobranche wenig zu tun. Wer das Geschäft rentabel betreiben will, muss auf Automatisierung und Effizienz setzen. Die Mitarbeiter in den Callcentern von Inkassounternehmen werden durch Datenbanken und moderne Kommunikationstechnologie unterstützt. Die Anschreiben an die Schuldner werden automatisiert erstellt und versendet, damit sich das Massengeschäft effizient bewältigen lässt. Die von Verbraucherschützer kritisierten die hohen Margen lassen sich nur verdienen, wenn Inkassounternehmen funktionierende Plattformen und Infrastrukturen aufgebaut und entsprechend investiert haben.

          Bei den Auftraggebern der Inkassoindustrie handelt es sich etwa um große Versandhändler, Telefongesellschaften, Krankenkassen, Versicherungen oder Banken, die auf unbezahlten Rechnungen sitzen geblieben sind oder deren Kunden mit ihren Beiträgen im Rückstand sind. Inkassounternehmen kaufen Gläubigern entweder Forderungen ab und treiben diese auf eigenes Risiko ein oder sie übernehme lediglich die Abwicklung für den Gläubiger. Kleinere Inkassounternehmen haben kaum Chancen am Markt, daher schließen sich die Anbieter zu immer größeren Unternehmen zusammen. Im Jahr 2018 haben Inkassounternehmen rund 5,8 Milliarden Euro eingetrieben.

          Recht und Anstand

          Aus Sicht des Verbraucherschutzverbands vzbv sind die von den Inkassounternehmen in Rechnung gestellten Gebühren unverhältnismäßig, da sie deutlich höher seien als der tatsächliche Aufwand. Der Chef des vzbv, Klaus Müller, forderte laut Deutscher Presse-Agentur eine Vorschrift, die Inkassounternehmen verpflichte, erst eine Mahnung zu schicken, bevor Gebühren erhoben werden. Derzeit dürfen auch bei kleinen Forderungen Gebühren und Auslagen bis zu 70,20 Euro in Rechnung gestellt werden. Laut Müller müsse sich die Inkassobranche nicht nur an Recht und Gesetz halten, sondern auch wieder an den Anstand.

          Der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) wehrt sich gegen die Kritik der Verbraucherschützer. Der Hauptgeschäftsführer des BDIU, Kay Uwe Berg, sagte Laut Deutscher Presseagentur: „In der Regel mahnen Gläubiger schon heute zwei- bis dreimal selbst, bevor sie ein Inkassounternehmen einschalten.“ Zudem würden insbesondere im Fall kleinerer Forderungen oft deutlich niedrigere Inkassogebühren verlangt als die gesetzlich maximal zulässigen. Die Arbeit von Inkassounternehmen sei laut Lobbyist Berg durchaus mit der von Rechtsanwälten zu vergleichen. Der erste Schritt bestehe darin, zu prüfen, ob die Forderung überhaupt berechtigt sei.

          Der Inkassoverband BDIU hatte sich im November durchaus positiv über die Zahlungsmoral von Verbrauchern geäußert. Diese sei besser als die von Unternehmen, hieß es damals in einer Mitteilung. Laut einer im November veröffentlichten BDIU-Umfrage unter Inkassounternehmen meldeten 23 Prozent sogar ein leicht verbessertes Zahlungsverhalten, obwohl sich die Konjunktur abschwächte. Gläubiger müssen im Durchschnitt 80 Tage auf ihr Geld warten, das Verbraucher ihnen schulden.

          Wem Verbraucher Geld schulden

          Am stärksten unter offenen Forderungen leide der Onlinehandel, gefolgt von Energieversorgern, Vermietern und Handwerkern. In der Vergangenheit wurden oft persönliche Schicksalsschläge wie Arbeitslosigkeit, Krankheit oder eine Scheidung als Grund dafür genannt, dass Verbraucher ihre Rechnungen nicht zahlten. Laut BDIU stellte zuletzt jedoch eine steigende Zahl von Inkassounternehmen einen sorglosen und unüberlegten Umgang vieler Verbraucher mit Konsumverbindlichkeiten fest.

          Die Bundesregierung will die Vorschriften für die Inkassoindustrie und die Gesetze zum Umgang mit Schuldnern ändern. Laut einem Plan sollen die Kosten halbiert werden, die Inkassounternehmen in Rechnung stellen können. Von 6 auf 3 Jahre halbiert werden soll auch die Zeit, die insolvente Verbraucher warten müssen, bis sie von ihren Restschulden befreit werden. Der Inkassoverband BDIU sieht das als Bedrohung für die Wirtschaft.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Muslime und wir : Islam heißt Hingabe an Gott

          Die Islam-Debatte wird begleitet von dem Ringen, Freiheit und Autorität in Übereinstimmung zu bringen. Ein Plädoyer für eine versöhnte Verschiedenheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.