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Nach mehreren Preissprüngen : Inflation sinkt leicht auf 10 Prozent

Kann man sich bald wieder mehr Luxus leisten? Modegeschäft auf der Frankfurter Goethestraße Bild: Maximilian von Lachner

Die Inflationsrate ist im November in Deutschland erstmals wieder zurückgegangen. Das lag aber vor allem am niedrigeren Ölpreis – die Preise für Nahrungsmittel steigen weiter heftig. Deutet sich gleichwohl eine Trendwende an?

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          Die Inflationsrate in Deutschland ist im November gesunken. Wie das Statistische Bundesamt am Dienstag aufgrund einer ersten Schätzung mitteilte, lag sie bei 10,0 Prozent. Im Oktober hatte die Inflationsrate noch 10,4 Prozent betragen. Im Vergleich zum Vormonat gingen die Verbraucherpreise um 0,5 Prozent zurück.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das war erstmals nach mehreren Preissprüngen wieder ein Rückgang der Teuerung. Vorübergehend rückläufig waren die Verbraucherpreise in Deutschland zwar auch im Juni, das war aber eine Sondersituation, die mit der Einführung von Tankrabatt und 9-Euro-Ticket zusammenhing. In der Tendenz war die Inflation in Deutschland seit der Jahreswende 2020/2021 immer weiter gestiegen.

          „Ein Silberstreif am Horizont“, kommentierte der Ökonom Holger Schmieding: „Mit Glück haben wir den Inflationsgipfel hinter uns.“

          Debatte über Trendwende bei der Inflation

          Bereits in der vergangenen Woche hatte unter Ökonomen eine Diskussion begonnen, ob der Höhepunkt der Inflation womöglich schon überschritten sein könnte. Anlass waren vor allem gesunkene Energiepreise. Der Ölpreis ist gegenüber den Sommermonaten wieder deutlich gefallen, und zuletzt waren auch Benzin und Diesel an der Tankstelle wenigstens wieder etwas günstiger geworden. Auch beim Gas hat sich der Markt zumindest bis jetzt weniger dramatisch entwickelt, als es zuvor angenommen worden war.

          Die sogenannten Erzeugerpreise, die die Entwicklung der Preise auf Unternehmensebene abbilden, waren im Oktober überraschend gegenüber dem Vormonat gesunken, und zwar zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren. Allerdings warnten Ökonomen des Ifo-Instituts nach einer Umfrage, dass viele Unternehmen ihre eigenen höheren Preise noch nicht vollständig an die Kunden weitergegeben hätten; von dieser Seite drohe noch weiterer Preisdruck für die Verbraucher.

          Eine Reihe von Ökonomen warnten angesichts der gesunkenen Inflationsrate, man solle sich jetzt nicht zu früh freuen. Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, meinte: „Für eine Entwarnung ist es noch viel zu früh – der unterliegende Inflationsdruck ist nach wie vor hoch.“ Der Ökonom Friedrich Heinemann vom Forschungsinstitut ZEW sagte: „Die Rückkehr zur Preisstabilität gemäß dem Zwei-Prozent-Inflationsziel der Europäischen Zentralbank ist weit und breit nicht in Sicht.“ Analyst Christoph Swonke von der DZ Bank sprach von einem „Lichtblick“ – ob der Höhepunkt der Inflation schon erreicht sei, werde man aber erst später beurteilen können.

          Brotpreis steigt um mehr als 20 Prozent

          Genauere Informationen dazu, welche Waren und Dienstleistungen billiger oder teurer wurden, verraten die schon detaillierter veröffentlichten Zahlen aus Nordrhein-Westfalen, die oftmals den bundesweiten Zahlen relativ nahekommen. Besonders auffällig ist dort die Entwicklung der Energiepreise. Hier war gegenüber dem Vorjahresmonat weiter ein hoher Anstieg zu verzeichnen, um 43,5 Prozent. Gegenüber dem Vormonat Oktober waren die Preise im November aber niedriger, hier gab es einen Rückgang um 2,7 Prozent. Entsprechend war auch der Preisanstieg gegenüber dem Vorjahresmonat nicht mehr so stark wie noch im Oktober.

          Diese Entwicklung der wieder etwas günstigeren Energie war besonders auffällig beim Heizöl. Hier gingen die Preise im November gegenüber dem Oktober um 9,8 Prozent zurück. Beim Diesel sanken die Preise gegenüber dem Vormonat um 7,8 Prozent, beim Benzin um 4,4 Prozent – für Kraftstoff insgesamt um 5,3 Prozent. Eine bemerkenswerte Veränderung; gleichwohl liegen alle diese Preise weiterhin deutlich höher als vor einem Jahr.

          Die Preise für Nahrungsmittel hingegen stiegen im Schnitt weiter. Gegenüber dem Vormonat lag der Preisanstieg bei 0,9 Prozent, gegenüber dem Vorjahresmonat bei 21 Prozent. Obst und Gemüse waren im November etwas günstiger als im Oktober, dagegen sind Molkereiprodukte und Eier noch mal teurer geworden. Gegenüber dem Vorjahresmonat gab es besonders drastische Preissteigerungsraten für Speiseöle und -fette mit plus 41,9 Prozent, für Molkereiprodukte und Eier mit plus 34,8 Prozent und für Brot- und Getreideerzeugnisse mit plus 22,4 Prozent.

          Die Preise für Dienstleistungen gingen in NRW gegenüber dem Vormonat auf Jahressicht um 1,2 Prozent zurück. Das ist bemerkenswert, auch wenn es gegenüber dem Vorjahresmonat immer noch einen (wenn auch rückläufigen) Anstieg bedeutete. Gegenüber dem Vormonat saisonal stark rückläufig waren unter anderem die Preise für Pauschalreisen, dort gab es ein Minus von 25,3 Prozent.

          Lagarde sieht Inflationshöhepunkt nicht überschritten

          In der Europäischen Zentralbank wird darüber diskutiert, wie stark die Notenbank im Dezember die Zinsen anheben soll. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte bislang keinen Zweifel daran gelassen, dass es eine weitere Zinserhöhung geben soll. Allerdings hatte sie stets hervorgehoben, das weitere Vorgehen werde von Sitzung zu Sitzung nach der Datenlage entschieden. Die nächste Sitzung des EZB-Rates ist am 15. Dezember. Die Mehrheit der Ökonomen rechnete zuletzt in einer Umfrage mit einem Zinsschritt um 0,5 Prozentpunkte. Auch die Commerzbank, die lange von einer Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte ausgegangen war, hat in dieser Woche ihre Zinsprognose nach unten revidiert.

          Die EZB-Präsidentin hatte am Montag vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments hervorgehoben, sie würde noch nicht sagen, dass die Inflation im Euroraum ihren Höhepunkt bereits erreicht habe. Sie warnte auch, man solle den Gaspreisrückgang an den Märkten mit Vorsicht interpretieren. Die erste Schätzung zur Inflation im Euroraum für November will das europäische Statistikamt Eurostat am Mittwoch veröffentlichen. Im Oktober hatte die Euroinflation bei 10,6 Prozent gelegen.

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