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Geldentwertung : Die Inflation in der Türkei gerät außer Kontrolle

Hält die türkische Notenbank an ihrer lockeren Geldpolitik fest? Wechselstube und Goldhandel auf dem Großen Basar in Istanbul Bild: dpa

Der türkische Präsident Erdogan stimmt die Bevölkerung auf extreme Geldentwertung ein. Analysten fürchten Raten bis 50 Prozent, aber das Land hält eisern an niedrigen Zinsen fest.

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          Diese Woche machte die Türkei mit positiven Zahlen aus Tourismus und Außenhandel auf sich aufmerksam. Aber die für Donnerstag angekündigten Inflationszahlen schärfen den Blick auf die anhaltende Wirtschaftskrise wieder: Analysten rechnen für Januar mit einem Anstieg der Verbraucherpreise um 47 Prozent im Jahresvergleich – den höchsten Wert seit 20 Jahren. Im Dezember waren es 36 Prozent. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat seine Landsleute darauf eingestimmt, dass sie „noch einige Zeit“ mit hoher Inflation leben müssten. Die Notenbank hat ihre Inflationsprognose per Jahresende auf 23 Prozent verdoppelt.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Erdogan hatte auf die unliebsamen Nachrichten reagiert, wie er es öfter tut: Er feuert das Personal. Seit 2019 hat er 3 Zentralbankgouverneure, 2 Finanzminister und andere Spitzenbeamte ausgetauscht. Am Wochenende musste nicht nur der Justizminister den Hut nehmen, sondern auch der für die Inflationszahlen zuständige Chef des Statistikamtes TÜIK. Dabei hatte Erdogan Sait Erdal Dincer erst vor 11 Monaten berufen. Den angeschlagenen Ruf des Statistikinstitutes, das sich gegen den Vorwurf zur Wehr setzen musste, es verbreite geschönte Zahlen, wird das kaum verbessern.

          Hoffen auf den Tourismus

          Immerhin konnte der neue Chef Erhan Cetinkaya gleich am ersten Arbeitstag Positives berichten. So haben sich die Tourismuseinnahmen 2021 auf fast 25 Milliarden Dollar verdoppelt. Die personalintensive Branche ist ein wichtiger Devisenbringer. In normalen Zeiten steht sie für ein Achtel der Wirtschaftsleistung. 25 Milliarden Dollar sind zwar noch weit entfernt von den 34,5 Milliarden Dollar aus dem Vor-Corona-Jahr 2019, aber von Oktober bis Dezember lagen die Einnahmen fast auf dem Niveau von Ende 2019. Das lässt für das neue Jahr auf deutlich mehr Besucher nicht nur aus Russland und Deutschland hoffen, die mit 4,6 und 3 Millionen Touristen 2021 an der Spitze lagen.

          TRY/USD

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          Auch das Außenhandelsdefizit schrumpfte 2021 um 7,5 Prozent auf 46 Milliarden Dollar. In Dollar gemessen, übertraf der Zuwachs der Exporte mit 33 Prozent den Anstieg der Importe von 24 Prozent. Auch wenn die Dezember-Zahlen ein hohes Defizit zeigten, so könnte Erdogan sich in seiner Politik bestärkt sehen, die Exporte zu steigern, um Deviseneinnahmen zu erzielen. So will er das Defizit in der Leistungsbilanz, die alle Einnahmen und Ausgaben der Volkswirtschaft umfasst, in einen Überschuss verwandeln. Niedrige Zinssätze sollen die dafür nötigen Investitionen anregen.

          Ein nachteiliger Nebeneffekt niedriger Zinsen und steigender Inflation ist der Wertverlust der Währung. So hat die Lira im vorigen Jahr 45 Prozent zum Dollar abgewertet. Da Erdogan Zinserhöhungen ablehnt, muss er versuchen, die Lira auf anderem Weg zu stabilisieren. Ein Weg sind Devisenmarktinterventionen der Notenbank, die jedoch nicht immer erfolgreich sind, wie das von der türkischen Opposition kritisierte „Verbrennen“ von 128 Milliarden Dollar Reserven in den Vorjahren gezeigt hat. Allein im Dezember hat die Notenbank nach von Reuters kolportierten Schätzungen von Bankern etwa 20 Milliarden Dollar zur Stützung der Lira ausgegeben.

          Auf der Suche nach Devisen und Gold

          Flankiert wird dies durch SWAP-Abkommen mit ausländischen Notenbanken, die helfen, internationale Geschäfte in lokalen Währungen abzurechnen. Jede Hilfe ist da willkommen: Vorige Woche gab die staatliche Ölgesellschaft SOCAR aus Aserbaidschan bekannt, eine Milliarde Euro für 6 Monate bei der türkischen Notenbank deponiert zu haben.

          Auch die umfangreichen Devisen- und Goldbestände der türkischen Privathaushalte hat Erdogan im Visier. Im Dezember hat er eine staatliche Währungsversicherung initiiert, die etwaige Währungsverluste für den Anlagezeitraum von 3 bis 24 Monaten aus dem Staatsbudget auszugleichen verspricht. Exporteure sind angehalten, ein Viertel ihrer Devisenbestände in Lira zu halten, und seit Dienstag umwirbt die Notenbank auch Türken, die im Ausland leben. Wer Dollar, Euro oder britische Pfund in die Türkei transferiere und dort auf die speziellen Lira-Konten einzahle, bekomme neben dem Wechselkursschutz auch attraktive Renditen. Staatliche Banken zahlen aktuell bis zu 18 Prozent Zinsen, private noch mehr. Vor der Hand hilft all das der Lira. Seit ihrem Kursdebakel von 18,40 Lira je Dollar im Dezember hat sich der Kurs auf Werte um 13,40 Lira je Dollar stabilisiert.

          Analysten allerdings zweifeln, ob das Konzept bis zum Wahltermin Mitte 2023 tragfähig ist. Dennis Shen, Direktor der Berliner Ratingagentur Scope, verweist gegenüber der F.A.Z. auf „zahlreiche strukturelle Probleme wie die zunehmende Staatsverschuldung, die lockere Geldpolitik, die Herausforderungen in Bezug auf die Unabhängigkeit der Zentralbank und die wachsende Verflechtung von Staat und Banken“. In der Vergangenheit habe die Türkei mit soliden öffentlichen Finanzen, einem stabilem Bankensystem und flexiblem Wechselkurs punkten können. „Mit dem aktuellen Politikmix werden diese Stärken vor den wichtigen Wahlen 2023 jedoch allmählich geopfert, im Namen der Stabilisierung der Wirtschaft.“

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