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Höchster Wert seit 1996 : Inflation in Deutschland springt auf 3,8 Prozent

Wird immer teurer: Essen und Trinken im Restaurant Bild: dpa

Nicht nur Benzin und Heizöl sind deutlich teurer als vor einem Jahr. Auch in der Gastronomie wagen sich die Ersten an Preiserhöhungen. Bis zum Jahresende könnte die Inflation noch höher liegen.

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          Die Inflationsrate in Deutschland ist im Juli deutlich gestiegen. Wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag nach einer ersten Schätzung mitteilte, legten die Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahresmonat um 3,8 Prozent zu. Das ist die höchste monatliche Inflationsrate seit 1996, dem Start der harmonisierten Messung in Europa.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ökonomen sprachen von einem regelrechten „Preissprung“, wie es ihn auch schon zum Jahresbeginn gegeben hatte. Noch Ende vorigen Jahres waren die monatlichen Inflationsraten in Deutschland negativ gewesen, die Preise im Durchschnitt gefallen. Mit dem Jahreswechsel hatte sich das gedreht. Im Juni lag die Inflationsrate zuletzt bei 2,3 Prozent, im Mai bei 2,5 Prozent.

          Reisen, Gastronomie, Energie

          Den neuerlichen Preissprung begründeten Ökonomen unter anderem mit Auswirkungen der Mehrwertsteuer. Diese war im vergangenen Jahr wegen der Pandemie für die Monate Juli bis Dezember herabgesetzt worden und wurde mit dem Jahreswechsel wieder auf das alte Niveau erhöht. Deshalb werden seit Juli dieses Jahres nun für die Berechnung der Inflationsrate die Preise des Jahres 2021 mit höherer Mehrwertsteuer mit Preisen aus dem Jahr 2020 zu einem niedrigeren Steuersatz verglichen. Allein diese Effekt mache mindestens einen Prozentpunkt an der Inflationsrate aus, sagt der Ökonom Holger Schmieding vom Hamburger Bankhaus Berenberg.

          Darüber hinaus seien drei weitere Inflationstreiber aus den detaillierteren Zahlen über die Verbraucherpreise in Nordrhein-Westfalen zu erkennen: der erste Faktor seien die Rohölpreise. Im vorigen Jahr war der Ölpreis stark gefallen, weil die Ölnachfrage wegen des Lockdown recht niedrig war. Seither hat sich Öl wieder deutlich verteuert. Dies war die wichtigste Ursache für den Anstieg der Preise von Benzin und Heizöl. Aber auch die Einführung eines CO2-Preises für den Klimaschutz in Deutschland hat Kraft- und Brennstoffe gegenüber 2020 nochmal teurer gemacht, dieser Effekt ist allerdings geringer. Im Vergleich zum Vorjahresmonat zogen die Preise für Mineralölprodukte insgesamt in Nordrhein-Westfalen um immerhin 32,8 Prozent und für Kraftstoffe um 29,1 Prozent an.

          Der zweite Faktor sei, dass die Bürger wieder mehr reisen könnten. Das mache sich auch in den Preisen bemerkbar, sagt Schmieding. Waren Pauschalreisen in Nordrhein-Westfalen im Juni noch um 5 Prozent billiger als im Vorjahr, so ist dieser Abschlag gegenüber dem Vorjahr im Juli auf nur noch 0,5 Prozent zurückgegangen.

          Der dritte Faktor sei, dass einige Dienstleister die Wiedereröffnung nach dem Lockdown genutzt hätten, um mit der höheren Nachfrage auch ihre Preise anzuheben. „Die Bürger wollen ja wieder in die Gaststätten und Kneipen“, sagt Schmieding. Entsprechend seien die Preise für Gaststättendienstleistungen in Nordrhein-Westfalen im Juli um 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, nach nur 2,1 Prozent im Juni.

          Bundesbankpräsident Jens Weidmann rechnet damit, dass sich die Inflationsrate zum Jahresende in Richtung 5 Prozent bewegen könnte. „Hier sind vor allem aber vorübergehende Effekte am Werk“, sagte Weidmann der F.A.Z.

          Kaufkraftverluste für Arbeitnehmer

          Für viele Arbeitnehmer bedeutet die hohe Inflation einen realen Kaufkraftverlust. Die Löhne von Millionen Beschäftigten mit einem Tarifvertrag werden dem Tarifarchiv des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zufolge 2021 erstmals seit einem Jahrzehnt langsamer steigen als die Verbraucherpreise. Unter Berücksichtigung der im ersten Halbjahr abgeschlossenen Verträge und der in den Vorjahren für 2021 vereinbarten Erhöhungen dürften die Tariflöhne um durchschnittlich 1,6 Prozent zulegen und damit deutlich weniger als die Preise.

          „Schon in den kommenden Monaten von einer Überwindung der Produktionsstörungen und der hohen Rohstoffpreise auszugehen, setzt einiges an Optimismus voraus – der Anstieg der Verbraucherpreise wird sich als persistenter erweisen, als es den Zentralbanken und den Finanzmärkten recht wäre“, sagt Michael Heise, Chefökonom des Family Office HQ Trust. Vermutlich im kommenden Jahr werde sich die Entwicklung umkehren, schreiben die Ökonomen der DZ Bank. Viele der Effekte im Zusammenhang mit der Pandemie, die im Augenblick die Inflation hochtrieben, dürften dann auslaufen.

          Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte unlängst ihr Inflationsziel überarbeitet und strebt nun in der Währungsunion mittelfristig 2 Prozent Inflation an. Bislang hatte das Ziel „unter, aber nahe 2 Prozent“ gelautet. Für eine Übergangszeit nimmt sie auch ein Überschreiten dieser Zielmarke in Kauf. EZB-Direktoriumsmitglied Fabio Panetta sagte jetzt der italienischen Zeitung Corriere della Sera, die Notenbank müsse womöglich die Wirtschaft im Euroraum regelrecht heiß laufen lassen, um Preisstabilität zu garantieren: „In der Vergangenheit hat Ungeduld  die EZB dazu gebracht, die Zinsen verfrüht anzuheben, was übermäßigen Abwärtsdruck auf die Inflation aufrecht erhielt und das Wachstum bremste.“

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          F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : So funktioniert Inflation Bild: F.A.Z.

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