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Neuer Preissprung : Inflation in Deutschland steigt auf 10 Prozent

Noch teurer einkaufen: In Deutschland gab es im September abermals einen Preissprung. Bild: Maria Irl

Butter, Papier, Sprit, Heizen: Alles wird teurer. Die Inflationsrate im September liegt so hoch wie seit den 1950er-Jahren nicht mehr. Wann nimmt das ein Ende?

          3 Min.

          Die Inflation in Deutschland hat abermals einen kräftigen Sprung gemacht. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Donnerstag nach einer ersten Schätzung mitteilte, lag die Inflationsrate im September bei 10 Prozent. Im August hatte sie noch bei 7,9 Prozent gelegen.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das war der höchste Stand der Teuerung in Deutschland seit den 1950-er Jahren. Inflationsraten in dieser Größenordnung hatte man lange Zeit eher aus Schwellenländern oder Ländern mit zerrütteten Staatsfinanzen gekannt. Noch vor anderthalb Jahren war die Inflation im Euroraum sogar negativ gewesen. Seit einiger Zeit aber gibt es jetzt auch Euroländer mit zweistelligen Inflationsraten. Zuerst war das bei den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen so gewesen, zuletzt auch beispielsweise bei den Niederlanden. In Spanien ist die Inflation jetzt überraschend wieder unter die Marke von 10 Prozent gefallen.

          Butter, Quark, Gurken und Nudeln werden teurer

          Besonders im Preis gestiegen sind Energie und Nahrungsmittel. Mehr Details über die Preissteigerungen bei einzelnen Produkten erfährt man aus den meistens recht repräsentativen und schon genauer veröffentlichten Zahlen aus Nordrhein-Westfalen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat stiegen die Preise für Haushaltsenergie um 57,5 Prozent, die für Kraftstoffe um 27,5 Prozent. Teurer wurden aber auch Nahrungsmittel: Der Preis für Butter stieg um 60,5 Prozent. Quark verteuerte sich um 59,6 Prozent. Gurken wurden 50,4 Prozent teurer und Nudeln 45,5 Prozent. Das sind durchaus außergewöhnliche Steigerungsraten.

          Ein wichtiger Faktor für den jüngsten Preissprung war die Abschaffung von Tankrabatt und 9-Euro-Ticket der Bahn. So umstritten es anfangs war, wie stark der Tankrabatt von den Ölunternehmen überhaupt an die Autofahrer weitergegeben wird, so deutlich war der Preisanstieg an den Tankstellen bei der Abschaffung am 1. September. Aus Nordrhein-Westfalen ist zu erkennen, dass die Preise für Fahrten mit Bus und Bahn im Schnitt gegenüber dem Vormonat August um 217 Prozent stiegen, die für Kraftstoff um 11,7 Prozent. Zusammen mache das rund 1,3 Prozentpunkte für die Inflationsrate aus, sagte Salomon Fiedler, Ökonom des Bankhauses Berenberg.

          Der Ölpreis war zuletzt gesunken auf weniger als 90 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Litern), das führte zu einer gewissen Entlastung. Allerdings hat im Gegenzug der Wechselkurs des Dollars zum Euro zugelegt. Weiter spielt für die Inflation eine wichtige Rolle, dass immer mehr Unternehmen ihre eigenen höheren Kosten an die Verbraucher weitergeben. Im August waren die Erzeugerpreise der Unternehmen um 45,8 Prozent gestiegen; das war der stärkste Anstieg seit Beginn der Erhebung im Jahr 1949.

          Für Oktober erwarten viele Ökonomen einen weiteren Preisschub, wenn die kühlere Witterung den Heizbedarf erhöht und auf ein knappes Angebot insbesondere beim Erdgas trifft. Viele andere Produkte, für deren Herstellung Gas benötigt wird, etwa auch Papier oder Brötchen, könnten in diesem Zuge ebenfalls nochmals teurer werden. In der zurückliegenden, kalten Woche war der private Gasverbrauch in Deutschland jedenfalls höher als in den Vorjahren.

          Was kann die EZB gegen die Inflation machen?

          Die Europäische Zentralbank (EZB) ist weiter zuversichtlich, dass im nächsten Jahr die Inflationsraten sinken. Für den Durchschnitt des nächsten Jahres erwartet sie aktuell 5,5 Prozent Inflation. Aus Banken waren aber auch schon Prognosen mit heftigen zweistelligen Inflationsraten zumindest für die ersten Monate des nächsten Jahres zu hören.

          Die EZB hat bereits zweimal die Zinsen angehoben, im Juli und September. Für die nächsten Zinssitzungen hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde weitere Zinserhöhungen in Aussicht gestellt. Allerdings: Auf die steigenden Energiepreise hat die EZB kaum Einfluss, allenfalls über den Wechselkurs. Sie kann kurzfristig vor allem die Inflationserwartungen beeinflussen und verhindern, dass diese zu einer Verfestigung der Inflation führen. Ihre konventionellen Einflussmöglichkeiten brauchen mehr Zeit und dürften erst im nächsten Jahr wirken.

          EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hatte unlängst in einer Diskussion mit den Ökonomen Paul Krugman und Larry Summers bereits die Sorge geäußert, dass die Zinserhöhungen der EZB für die hohe Inflation im Herbst und Winter noch nicht viel brächten. Summers meinte dazu: Ja, das sei so wie in einem alten Hotel – in dem man beim Duschen an den Wasserhähnen drehe, aber die Temperatur leider mit Verzögerung reagiere.

          Die Mitglieder des EZB-Rates diskutieren unterdessen darüber, wie stark die Leitzinsen auf der nächsten EZB-Sitzung am 27. Oktober angehoben werden sollen. Der Notenbank-Chef der Slowakei, Peter Kazimir, sagte, er halte eine Zinserhöhung um 75 Basispunkte zumindest für einen guten Kandidaten. Das österreichische Ratsmitglied Robert Holzmann sprach sich ebenfalls für einen weiteren deutlichen Zinsschritt aus. Eine Zinserhöhung um einen ganzen Prozentpunkt wäre nach seiner Einschätzung aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu viel.

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