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Verbraucherpreise : Inflation in der Eurozone steigt im Oktober auf 4,1 Prozent

Nicht nur Energie, auch Lebensmittel werden teurer. Bild: dpa

Nicht nur in Deutschland klettern die Preise weiter. Von der EZB befragte Fachleute heben ihre Inflationsprognosen an. Die Bundesbank rechnet jetzt damit, dass in Deutschland im November die 5 Prozent überschritten werden.

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          Nicht nur in Deutschland geht die Preisrally weiter: Auch in der Eurozone insgesamt sind die Verbraucherpreise im Oktober deutlich gestiegen. Wie das europäische Statistikamt Eurostat am Freitag nach einer ersten Schätzung mitteilte, lag die Inflationsrate für die Euroländer im Oktober bei 4,1 Prozent, nach 3,4 Prozent im September. Besonders stark verteuerte sich gegenüber dem Vorjahr Energie. Aber auch Dienstleistungen und Industriegüter wurden deutlich teurer.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Besonders auffällig steigen inzwischen in den baltischen Ländern die Preise, mit Litauen an der Spitze mit 8,2 Prozent. In keinem Euroland gibt es mittlerweile mehr eine negative Inflationsrate, wie das noch unlängst in Portugal und Griechenland der Fall gewesen war. In Italien liegt die Inflation jetzt bei 3,1 Prozent, in Frankreich bei 3,2 Prozent. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte am Donnerstag angekündigt, dass die Notenbank trotz der gestiegenen Inflation die Zinsen unverändert lasse und die Anleihekäufe mit einem gegenüber dem Sommer nur „moderat“ verringerten Tempo fortsetze. 

          Höhere Inflationsprognosen

          Von der EZB befragte Fachleute haben jetzt ihre Inflationsprognosen angehoben. Für das laufende Jahr gehen sie jetzt im Durchschnitt von 2,3 statt 1,9 Prozent aus, für das kommende Jahr von 1,9 statt 1,5 Prozent und für 2023 von 1,7 statt 1,5 Prozent.  Es wird damit gerechnet, dass die EZB selbst ihre Inflationsprognosen im Dezember auch nach oben korrigieren und dann über die Zukunft der Anleihekäufe entscheiden wird.

          Lagarde hatte in der Pressekonferenz nach der EZB-Ratssitzung am Donnerstag angedeutet, dass bestimmte preistreibende Effekte, wie die Lieferengpässe im Zuge der Erholung der Wirtschaft, länger andauern könnten als ursprünglich erwartet. In einer Umfrage bei Unternehmen habe sich gezeigt, dass viele erst im Laufe des nächsten Jahres oder auch erst zum Ende nächsten Jahres eine Besserung in dieser Frage erwarteten, nicht aber im ersten Quartal.

          Im EZB-Rat hat es offenbar Debatten gegeben, wie stark und wann die Inflation im nächsten Jahr wieder sinken wird, wie mittlerweile nach außen drang. Das ist eine wichtige Frage; die Notenbank argumentiert bislang, dass der Anstieg der Inflation nur temporär sei, und die Inflation noch innerhalb ihres Prognosehorizontes von drei Jahren wieder unter das Ziel von 2 Prozent fallen werde.

          Debatten in der EZB

          Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet unter Berufung auf Insider, die Geldpolitiker der EZB gingen mittlerweile davon aus, dass die Inflation im nächsten Jahr die Zielmarke von 2 Prozent überschreiten werde. Unterschiedlicher Meinung seien sie jedoch darüber, ob sie 2023 auf diesem Niveau bleiben werde. Wie zu hören sei, beharrte Chefvolkswirt Philip Lane bei der Entscheidung am Donnerstag darauf, dass die Verbraucherpreise nach 2022 wieder unter das Ziel fallen werden und dass der zugrundeliegende Druck nicht stark genug sein wird.

          Einige andere hielten dagegen, dass das Ziel überschritten werden könnte, und verwiesen auf die Gefahr von Zweitrundeneffekten. Damit ist zum Beispiel gemeint, dass die Gewerkschaften in Tarifverhandlungen einen Inflationsausgleich fordern und durchsetzen könnten, was zumindest in Deutschland bislang kaum zu beobachten ist. Alle Entscheidungsträger hätten darin übereingestimmt, dass die derzeitigen Marktpreise, die auf eine Zinserhöhung im nächsten Jahr hindeuten, unbegründet seien, berichteten mit den Diskussionen vertraute Personen.   

          Bundesbank rechnet für November mit mehr als 5 Prozent Inflation

          Unterdessen hat die Deutsche Bundesbank, die bislang in ihren Monatsberichten immer davon geschrieben hatte, dass sich die Inflation in Deutschland im Jahresverlauf „in Richtung 5 Prozent“ bewegen werde, ihre Erwartungen offenbar auch noch ein wenig nach oben korrigiert.

          Bundesbank-Chefvolkswirt Jens Ulbrich schreibt auf dem Nachrichtendienst Twitter, dass die Inflationsrate in Deutschland im November auf mehr als 5 Prozent steigen dürfte. Im Moment mache der Basiseffekt durch die Mehrwertsteuer, die im vorigen Jahr im Juli abgesenkt und zum Jahreswechsel wieder angehoben wurde, rund 0,75 Prozentpunkte an der deutschen Inflationsrate von 4,5 Prozent aus. Dieser Effekt wird mit dem Jahreswechsel verschwinden.

          Allerdings dämpfe die Gewichtsanpassung im Harmonisierten Verbraucherpreisindex, die wegen der Corona-Krise vorzeitig vorgenommen wurde, die Kernrate der Inflation gegenwärtig um rund einen halben Prozentpunkt. Das sei allerdings auch nur ein vorübergehenden Effekt. „Letzterer Effekt wird sich im nächsten Monat deutlich verringern und die Headline-Inflation auf über 5 Prozent treiben“, schreibt Ulbrich. 

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