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Hohe Teuerung : Euro-Inflation steigt auf 5,1 Prozent

Inflation heißt: Es gibt weniger fürs Geld. Bild: dpa

Nicht nur in Deutschland, auch in der Währungsunion insgesamt steigen die Preise kräftig weiter. Am Donnerstag trifft sich der EZB-Rat, um über mögliche Reaktionen zu reden. Was ist da zu erwarten?

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          Die Inflation in der Eurozone bleibt weiter hoch. Wie das europäische Statistikamt Eurostat am Mittwoch nach einer ersten Schätzung mitteilte, lag die Inflationsrate im Januar bei 5,1 Prozent. Im Dezember hatte sie 5 Prozent betragen. Das war der höchste Wert seit dem Jahr 1997 gewesen. Vor allem Energie verteuerte sich weiter kräftig, aber auch Lebensmittel und Dienstleistungen.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Viele Ökonomen hatten zuvor einen spürbaren Rückgang der Inflation zum Jahreswechsel erwartet. Das hatte sich schon für Deutschland als falsch herausgestellt. Insbesondere der starke Anstieg der Energiepreise hatte andere Effekte, die inflationssenkend wirkten, ausgeglichen. Zum Jahreswechsel fielen die Folgen der vorübergehenden Mehrwertsteuersenkung in Deutschland aus der Inflationsmessung. Allerdings stieg der CO2-Preis auf Kraft- und Heizstoffe. Und unter anderem auch der Ukraine-Konflikt sorgte zuletzt für steigende Öl- und Gaspreise. Am Mittwoch erreichte auch der Preis für Super E10 an der Tankstelle den höchsten Stand in der Geschichte.

          Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, kommentierte: „Mit 5,1 Prozent liegt die Inflation im Januar meilenweit über den 4,1 Prozent, die die EZB für das erste Quartal prognostiziert. Die unerwartet hohe Teuerungsrate ist ein Nackenschlag für die EZB. Sie sollte die massiv gestiegenen Inflationsrisiken endlich anerkennen und geldpolitisch den Fuß vom Gas nehmen.“

          Große Unterschiede je nach Euroland

          Je nach Euroland gibt es dabei erhebliche Unterschiede der Teuerung, sogar in den Bundesländern in Deutschland steigen die Preise nicht überall gleich schnell. So lag die Inflation in Deutschland insgesamt im Januar nach der nationalen Berechnungsweise der Verbraucherpreisindex (VPI) bei 4,9 Prozent, nach der europäischen Rechenweise des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) bei 5,1 Prozent. In Hessen stieg die Inflation, während sie beispielsweise im Saarland fiel. In den baltischen Staaten gibt es dagegen zum Teil sogar schon zweistellige Inflationsraten. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane versuchte dort in der vergangenen Woche, mit einem Interview die Wogen etwas zu glätten. Er hält die Inflation weiterhin für „transitorisch“, also nur vorübergehend.

          Wie sich die Preise einzelner Produkte zuletzt entwickelten, lässt sich beispielsweise aus den Zahlen für Nordrhein-Westfalen erkennen. So verteuerte sich Heizöl weiter besonders stark, der Preis stieg um 35,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, Strom wurde 17,1 Prozent teurer, Diesel 26,1 Prozent, Benzin 21 Prozent. Auch bei Gemüse (9,3 Prozent), Molkereiprodukten (6,4 Prozent) und Brot (6,1 Prozent) zogen die Preise an, genau wie bei Fleisch, Fisch und Obst.

          Im Hinblick auf die Hauptkomponenten der Inflation im Euroraum wird erwartet, dass Energie im Januar die höchste jährliche Rate aufweist (28,6 Prozent, gegenüber 25,9 Prozent im Dezember), gefolgt von Lebensmitteln, Alkohol und Tabak“ (3,6 Prozent, gegenüber 3,2 Prozent im Dezember), Dienstleistungen (2,4 Prozent, unverändert gegenüber Dezember) und Industriegütern ohne Energie (2,3%, gegenüber 2,9% im Dezember).

          Was macht die EZB am Donnerstag?

          Am Donnerstag trifft sich der EZB-Rat zur geldpolitischen Sitzung. Er muss darüber beraten, wie die Notenbank auf die gestiegenen Inflationsraten reagieren soll. Zu viel erwarten sollte man vermutlich nicht. Die Zinsen anheben wird die Notenbank nicht, auch eine umgehende Einstellung ihrer Anleihekäufe dürfte ausgeschlossen sein. Neue Inflationsprognosen der EZB-Ökonomen, die höher ausfallen werden, soll es erst zur März-Sitzung geben. Gleichwohl dürften die Debatten spannend werden: Die Inflationszahlen für Deutschland zeigen, dass die Teuerung zum Jahreswechsel nicht so stark zurückgegangen ist, wie viele erwartet hatten.

          Im EZB-Rat ringen die Tauben, die Befürworter einer lockeren Geldpolitik, mit den Falken, den Vertretern einer strafferen Geldpolitik, um die angemessene Reaktion. Interessant könnte werden, ob EZB-Präsidentin Christine Lagarde jetzt schon ihre Formulierungen ändert, um künftige Reaktionen vorzubereiten. Michael Schubert, EZB-Beobachter der Commerzbank, hält es für wahrscheinlich, dass der zurückhaltende Kurs aus der Dezember-Sitzung grundsätzlich beibehalten werde – dass Lagarde aber versuchen werde, die lauter werdenden Kritiker im EZB-Rat, aber auch von außen bei der Stange zu halten.

          So könnte Lagarde in ihren Ausführungen die „Flexibilität und Datenabhängigkeit“ bei der weiteren Reaktion auf die Inflation betonen. Zudem könnte sie hervorheben, die derzeit große Unsicherheit lege Abwarten nahe: Unter anderem wegen Omikron und den geopolitischen Risiken um die Ukraine brauche die EZB mehr Beweise, bevor sie ihren Kurs weiter straffe. Nicht zuletzt könnte sie Unterschiede zu den Vereinigten Staaten hervorheben: Dort will die Notenbank Fed die Zinsen schon bald anheben.

          Der Ökonom Rüdiger Bachmann sagte in einem Interview mit der F.A.Z., er halte jetzt Panikmache für genauso falsch wie ein Kleinreden der Inflation. Der Knackpunkt sei, dass es noch nicht klar sei, ob die Inflation nur vorübergehend so hoch sei, sagte Bachmann: „Wir haben eine Situation mit hoher Unsicherheit in dieser Frage.“

          Er halte es deshalb für falsch, wenn manche deutsche Wirtschaftsprofessoren jetzt sagten, die Inflation sei schon längst nicht mehr kontrollierbar. „Wie Ketchup, der aus der Flasche ist und den man da nicht mehr hineinbekommt, das ist Unsinn.“ Aber für genauso falsch halte er es, die tatsächlich vorhandenen Inflationsrisiken zu leugnen oder kleinzureden: „Ich habe den Eindruck, dass zwar nicht die Europäische Zentralbank selbst das macht, aber doch manche linke Ökonomen, die sie damit in Schutz nehmen wollen.“

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