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Inflation in Amerika : Der transatlantische Unterschied

Steigt die Inflation in Amerika? Bild: AP

Das Risiko steigender Inflation ist in Amerika größer als in Europa. So sagen manche Ökonomen und verweisen auf die sogenannte Produktionslücke. Was steckt dahinter?

          3 Min.

          Das Gespenst ist wieder da. In Europa und den Vereinigten Staaten hatten sich viele eingerichtet in der Vorstellung, dass die Inflation auf Dauer gezähmt wurde. In den Vereinigten Staaten unterschreitet die Inflation seit knapp einer Dekade das von der Notenbank Federal Reserve angestrebte Inflationsziel von 2 Prozent. Der von der Fed Reserve bevorzugte Indikator PCE stieg 2020 um 1,5 Prozent. In der EU lag die Preissteigerungsrate noch niedriger.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.
          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch die Vorstellung der auf Dauer gezügelten Inflation kommt ins Wanken, vor allem in den Vereinigten Staaten: Hier sind an vielen Ecken der Wirtschaft rapide Preissprünge. Immobilien, Fracht oder Rohstoffe verteuerten sich stark. Die Inflationserwartungen deuten inzwischen klar nach oben: Die Januarumfrage der New York Fed zeigte zwar noch stabile 3 Prozent. Doch das war grob einen halben Prozentpunkt höher als die meiste Zeit 2020. Und an den Finanzmärkten steigen die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen auf neue Rekordstände, ein Warnsignal, dass Marktteilnehmer höhere Inflation erwarten.

          Auf beiden Seiten des Atlantiks planen Regierungen Programme, die die Krisenverluste ausgleichen sollen. In Amerika haben besorgte Stimmen vorgetragen, dass die jüngsten Pläne der Biden-Regierung des Guten zu viel seien und Inflation auslösen könnten. Biden will 1,9 Billionen Dollar in die Wirtschaft pumpen, nachdem mit zwei Vorgängerprogrammen 3 Billionen Dollar lockergemacht worden waren und die Fed monatlich Anleihen für 80 Milliarden Dollar kauft.

          Die sorgenvollen Warner werden von Olivier Blanchard, dem langjährigen Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, und von Harvardökonom Larry Summers angeführt. Blanchard kalkuliert so: Von den Konjunkturprogrammen des vorigen Jahres haben die Amerikaner mangels Konsumgelegenheiten 1,5 Billionen Dollar zusätzlich gespart, die sich zu dem neuen Paket im Umfang von 1,9 Billionen Dollar addieren. Die Produktionslücke, die durch die Krise erzwungene Unterauslastung der gesamtwirtschaftlichen Kapazität, beziffert er aber auf höchstens 900 Milliarden Dollar.

          Olivier Blanchard, Ökonom, meint: Das Hilfspaket des amerikanischen Präsidenten Joe Biden könnte so groß sein, dass es Inflation erzeugt.
          Olivier Blanchard, Ökonom, meint: Das Hilfspaket des amerikanischen Präsidenten Joe Biden könnte so groß sein, dass es Inflation erzeugt. : Bild: dpa

          Selbst wenn nicht all dieses Geld dieses Jahr in die Wirtschaft fließt, spricht vieles für eine Überhitzung der Wirtschaft. Das heiße aber nicht automatisch Inflation, erinnert Blanchard. Die Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson hatten die Wirtschaft ebenfalls heiß laufen lassen, ohne Inflation auszulösen. Nach sechs Jahren allerdings, 1967, machte die Inflation einen Satz nach oben. 1969 lag sie schon bei 6 Prozent. Die Erklärung lautete, die Inflationserwartungen waren ins Rutschen gekommen. Zur entscheidenden Frage in der aktuellen Lage wird damit, wie fest Inflationserwartungen verankert sind.

          Lage in Europa ist anders

          Blanchard hegt Befürchtungen, weil die Fed in eine Zwangslage kommen könnte. Entweder strafft sie die Geldpolitik zu stark, dann drohen Finanzkrise und Rezession. Oder sie lässt die Inflation laufen. Dann gefährdet sie die Verankerung der Inflationserwartungen. Die Fed selbst ist dagegen entspannt: Sie hält das Risiko für beherrschbar, wie Chef Jay Powell klarmachte. Finanzministerin Janet Yellen sieht das Risiko der Inflation, hält aber die Gefahr, die Regierung könnte zu wenig machen, für deutlich größer – angesichts einer De-facto-Arbeitslosigkeit von 10 Prozent. Sie teilt mit dem Rest der Biden-Regierung ein Trauma: Nach der Finanzkrise hatten sie zu früh die Straffung der Fiskalpolitik zugelassen. Yellen verantwortete als Fed-Vize eine engere Geldpolitik.

          Paul Krugman, Ökonom in Amerika, vergleicht die Corona-Krise mit einem Krieg – und warnt, man achte doch auch nicht auf irgendein „Output Gap“, wenn Pearl Harbour angegriffen werde.
          Paul Krugman, Ökonom in Amerika, vergleicht die Corona-Krise mit einem Krieg – und warnt, man achte doch auch nicht auf irgendein „Output Gap“, wenn Pearl Harbour angegriffen werde. : Bild: dpa

          Die Lage in Europa ist anders, so viel ist sicher. Was aber unklar ist: Unterscheiden sich Zustand der Wirtschaft und Umfang der Hilfsprogramme diesseits und jenseits des Atlantiks so sehr, dass in Europa selbst dann keine Inflation aufkäme, wenn die Staaten weiterhin aus allen Rohren mit Hilfsgeldern feuern sollten? Erik Nielsen, Chefökonom der italienischen Bank Unicredit, hat mit entsprechenden Berechnungen für Aufsehen gesorgt. In Europa mache die entscheidende Produktionslücke eine Billion Euro aus. Hier werde der „diskretionäre Stimulus“ (also ohne die automatischen Stabilisatoren der Sozialversicherungen) von 420 Milliarden Euro die Unterauslastung der Wirtschaft nicht einmal dann beheben, wenn das Geld komplett ausgegeben werde – was noch nicht der Fall sei.

          Diese Berechnungen sorgen seither für eine Ökonomen-Debatte. „Die Produktionslücken sind riesig und in Europa viel größer als in den Vereinigten Staaten“, twitterte Marcel Fratzscher, der Chef des Forschungsinstituts DIW. Europas Ängstlichkeit in der Fiskalpolitik sei nicht gut für die Erholung. Auch Deutschland müssen weiter einen beträchtlichen Stimulus liefern – und den Streit über die Einhaltung seiner Schuldenbremse beenden.

          Während in Amerika Nobelpreisträger Paul Krugman die Corona-Krise mit einem Krieg vergleicht und warnt, man achte doch auch nicht auf irgendein „Output Gap“, wenn Pearl Harbour angegriffen werde, wollen also hierzulande manche Ökonomen offenbar gerade mit dieser Produktionslücke für deutlich höhere Staatsausgaben werben.

          Otmar Issing, früherer EZB-Chefvolkswirt, ist skeptisch, ob sich die Inflationsbekämpfung auf die Produktionslücke verlassen sollte.
          Otmar Issing, früherer EZB-Chefvolkswirt, ist skeptisch, ob sich die Inflationsbekämpfung auf die Produktionslücke verlassen sollte. : Bild: dpa

          Doch Otmar Issing, Lehrbuchautor zur Geldpolitik und langjähriger Chefvolkswirt der EZB, mahnt zur Vorsicht. Der Haken solcher Berechnungen von Inflationsgefahren über die Produktionslücke sei, dass man letztere nicht zuverlässig kenne. Definiert sei diese Lücke als Abweichung des Bruttoinlandsprodukts vom Produktionspotential: Die Höhe werde oft über eine Produktionsfunktion aus dem Einsatz von Arbeit und Kapital geschätzt oder aus der Beschäftigungslücke abgeleitet.

          Das sei schon in normalen Zeiten schwer – erst recht aber in einer Ausnahmesituation wie der Corona-Krise. In seiner Zeit bei der EZB, so erinnert sich Issing, habe er sich mit dem schwedischen Ökonomen Lars Svensson gestritten, ob man aus solch unsicheren Prognosen das Handeln der Geldpolitik ableiten sollte: „Ich habe mich später bestätigt gefühlt, als Echtzeit-Schätzungen für das Output Gap im Nachhinein stark korrigiert werden mussten.“ Nicht mal das Vorzeichen der Produktionslücken habe bei einer späteren Revision Bestand gehabt.

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