https://www.faz.net/aktuell/finanzen/inflation-im-euroraum-steigt-auf-10-7-prozent-18426214.html

Erstmals zweistellig : Die Inflation im Euroraum steigt auf 10,7 Prozent

Einkauf auf dem Wochenmarkt in Hannover Bild: dpa

Energie, Nahrungsmittel, Dienstleistungen: Die Preise steigen auf breiter Front. Die EZB will die Zinsen weiter anheben. Wann ist eine Wende in der Inflationsentwicklung zu erwarten?

          3 Min.

          Die Inflation im Euroraum lag im Oktober bei 10,7 Prozent. Das hat das europäische Statistikamt Eurostat am Montag nach einer ersten Schätzung mitgeteilt. Im September hatte die Rate noch bei 9,9 Prozent gelegen. In dieser Größenordnung lag die Teuerung noch nie seit der Gründung der Europäischen Währungsunion und der Einführung des Euros. Die Inflationsrate im Euroraum ist damit offenbar erstmals überhaupt zweistellig geworden. Nach einer ersten Schätzung hatte es zwar auch im September schon danach ausgesehen; das war später von Eurostat jedoch korrigiert worden.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf Jahressicht besonders stark gestiegen sind die Preise für Energie und Nahrungsmittel. Der Preisanstieg hat sich aber mittlerweile „verbreitert“, wie die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, es in der vergangenen Woche formuliert hatte. Die gestiegenen Energiepreise machten sich zunächst bei vielen Erzeugerpreisen auf Unternehmensebene bemerkbar und „fressen“ sich jetzt nach und nach hindurch in den ganzen Warenkorb der Verbraucherpreise, wie Ökonomen sagen.

          Unterschiede je nach Euroland

          Die jüngste Entwicklung war nicht in allen Euroländern gleich. Während die Inflation in Deutschland im Oktober weiter gestiegen ist auf 10,4 Prozent nach nationaler Berechnungsweise und sogar auf 11,6 Prozent nach der europäischen Berechnungsweise des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI), ist sie beispielsweise in Spanien zurückgegangen von 9 auf 7,3 Prozent. Spanien hatte zeitweise auch schon zu den Ländern mit zweistelligen Inflationsraten gehört.

          Verschiedene Rohstoffpreise, unter anderem der für Öl, waren in den vergangenen Monaten aufgrund von Rezessionssorgen wieder etwas zurückgegangen. Wie schnell das auf die Inflationsrate durchschlägt, scheint je nach Euroland etwas unterschiedlich zu sein. Eine erhebliche Rolle spielen auch politische Eingriffe bei den Energiepreisen, die je nach Euroland unterschiedlich sind und zumindest vorübergehend auch deutlich Einfluss auf die Raten haben.

          Lange Zeit fiel Frankreich unter den Eurostaaten durch eine vergleichsweise niedrige Inflationsrate auf. Das hing auch mit politischen Eingriffen wie dem Tankrabatt zusammen. Dieser war in Frankreich sogar noch mal verlängert und erweitert worden, als er in Deutschland abgeschafft wurde. Im Oktober nun hatte aber auch Frankreich mit einen Anstieg der Inflation zu kämpfen; sie legte von 6,2 auf 7,1 Prozent zu, wie das französische Statistikamt Insee berichtete. Das war gleichwohl weiterhin die niedrigste Rate unter den Eurostaaten. 

          Alle drei baltischen Staaten haben weiterhin Inflationsraten von mehr als 20 Prozent. Diese sind jedoch im Vergleich zum September etwas zurückgegangen: in Estland von 24,1 auf 22,4 Prozent; in Litauen von 22,5 auf 22 Prozent; und in Lettland von 22 auf 21,8 Prozent.  

          Welche Produkte genau im Oktober besonders teuer geworden sind, lassen die bereits detaillierter veröffentlichten Zahlen der deutschen Bundesländer erkennen. So verteuerten sich in Nordrhein-Westfalen, das als relativ repräsentativ gilt, beispielsweise Brennholz, Holzpellets und ähnliche Heizmaterialien um 114,8 Prozent, Gas um 98,6 Prozent und Heizöl um 74,8 Prozent. Darüber hinaus wurden verschiedene Milchprodukte deutlich teurer, beispielsweise Quark um 62,9 Prozent und Butter um 54,5 Prozent. Gegenüber dem Vormonat September 2022 verteuerten sich bestimmte Gemüsearten besonders stark, beispielsweise Tomaten mit plus 40,8 Prozent. Gurken und Paprika wurden hingegen günstiger angeboten. Gegenüber September sanken zudem auch die Preise für Äpfel und Benzin. Am stärksten waren die Preissteigerung bei Energie, gefolgt von Nahrungsmitteln, und erst dann kamen die Dienstleistungen.

          „Die Corona-Erholung wird in zunehmendem Maß von der Energiekrise verdrängt“, sagte KfW-Ökonomin Fritz Köhler-Geib. „Wir werden in der Eurozone auch in den nächsten Monaten im besten Fall ein schwaches Wachstum sehen.“ Angesichts des heftigen Gegenwinds für die Konjunktur werde es sehr schwierig, eine Rezession zu vermeiden. Die Kaufkraftverluste durch die hohe Inflation seien „immens“, die Stimmung der Konsumenten sei „im Keller“. Ein Lichtblick sei bislang der robuste Arbeitsmarkt, der einen Absturz der privaten Konsumnachfrage verhindern dürfte. Die Energieknappheit in Europa bereite trotz der Abwärtskorrektur der Strom- und Gaspreise weiter Sorgen und bleibe ein erhebliches Risiko für die kurz-, aber auch mittelfristige wirtschaftliche Entwicklung.

          Wie reagiert die EZB?

          Die Europäische Zentralbank (EZB) hat angekündigt, die Leitzinsen weiter anheben zu wollen. Die Notenbank hatte die Zinsen im Juli um 0,5 Prozentpunkte angehoben und im September und Oktober jeweils um 0,75 Prozentpunkte. Der Hauptrefinanzierungssatz liegt jetzt bei 2 Prozent. Der Einlagensatz, den Banken für ihre Einlagen bei der Notenbank bekommen, beträgt 1,5 Prozent. Und der Spitzenrefinanzierungssatz für Übernachtkredite liegt bei 2,25 Prozent. Das soll aber noch nicht das Ende sein.

          Die nächste Zinssitzung ist nun im Dezember. Der niederländische Notenbankchef Klaas Knot sagte am Sonntag, er würde eine Zinserhöhung um 50 oder 75 Basispunkte im Dezember bevorzugen. Eine Entscheidung sei jedoch noch nicht gefallen. Auch EZB-Präsidentin Lagarde hatte auf der Pressekonferenz nach der Zinssitzung angedeutet, man sehe sich bei den Zinserhöhungen noch nicht am Ende des Weges.

          Konstantin Veit vom Vermögensverwalter Pimco glaubt, die Inflation im Euroraum könnte gegen Ende des Jahres in etwa ihren Höchststand erreichen und im nächsten Jahr ziemlich konstant zurückgehen. Aber sicher ist das natürlich nicht. Die Leitzinsen dürften ihren Höchststand im März nächsten Jahres erreichen, meint Jari Stehn, der Europa-Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs. Den EZB-Einlagenzinssatz sieht er dann bei 2,75 Prozent.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Übersicht über die konstituierende Sitzung des 19. Deutschen Bundestages im Plenarsaal im Reichstagsgebäude.

          Vorschlag der Ampel : Wie Deutschland künftig wählen soll

          Die Ampel will mit einer Wahlrechtsreform den Bundestag verkleinern. Das stößt vor allem bei der CSU auf Widerstand. Antworten auf die wichtigsten Fragen.
          Menschen besuchen das ehemalige deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. 11:00

          F.A.Z-Frühdenker : Holocaust-Gedenktag erinnert an queere Opfer

          Der Bundestag beschäftigt sich mit der Wahlrechtsreform, zum Holocaust-Gedenktag werden erstmals queere Opfer gewürdigt und eine Expertenkommission legt Vorschläge gegen den Lehrkräftemangel vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.