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Geldpolitik : Banken fordern EZB zum Handeln auf

Die EZB plant 2022 keine Zinserhöhung - zumindest bis jetzt. Bild: dpa

Die Institute glauben nicht an einen Rückgang der Inflation auf das Niveau der vergangenen Jahre. Die Rezepte der Notenbanken von gestern dürften jetzt nicht die Rezepte für morgen sein.

          3 Min.

          Deutschlands Banken sind sehr skeptisch, ob die Inflation jetzt wirklich wieder fallen wird, wie es die Europäische Zentralbank (EZB) erwartet. Auf einer Online-Veranstaltung des Bundesverbands deutscher Banken (BdB) und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), sagte Bankenverbands-Hauptgeschäftsführer Christian Ossig, die Inflation sei „plötzlich“ und „global“ angestiegen, auf zuletzt rund 5 Prozent in Europa und 7 Prozent in den Vereinigten Staaten. „Viele Ökonomen erwarten nicht, dass sie zu ihren niedrigen Werten aus den vergangenen Jahren zurückkehrt.“ Manche rechneten damit, dass die Inflationsraten bei 3 bis 4 Prozent, andere bei 5 bis 6 Prozent blieben. „Die Geldpolitik muss darauf antworten“, forderte Ossig. „Und die EZB-Antworten von gestern sollten nicht die von morgen sein.“

          Gekommen, um zu bleiben?

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der EZB-Rat, das höchste geldpolitische Gremium der Eurozone, trifft sich kommende Woche zur Februar-Sitzung. Das wäre im Prinzip die nächste Gelegenheit für Änderungen der Geldpolitik. EZB-Ökonom Frank Smets verdeutlichte auf der Veranstaltung noch einmal, warum die Notenbank im Moment keinen Anlass zum Handeln sehe. Die Notenbank verfolge ihr Inflationsziel mittelfristig, sie betrachte die zu erwartenden Inflationsraten der kommenden Jahre. Das sei der Zeitraum, innerhalb dessen ihre Instrumente überhaupt wirken könnten. An den Projektionen für diese Zeiträume richte sie ihre Geldpolitik aus.

          „Die 5 Prozent Inflation aus dem Dezember liegen natürlich klar über unserem Ziel von 2 Prozent“, sagte Smets. Für 2023 und 2024 aber erwarte die Notenbank aktuell jeweils im Jahresdurchschnitt lediglich 1,8 Prozent Inflation. Das seien für beide Jahre also Inflationswerte unterhalb ihres Ziels von 2 Prozent. In dieser Auffassung sehe sich die Notenbank auch durch ihre Umfragen unter professionellen Analysten bestätigt. Diese rechneten für das kommend Jahr sogar nur mit 1,6 Prozent, für 2024 dann gleichfalls mit 1,8 Prozent.

          Im Augenblick seien es vor allem die Energiepreise, die stark gestiegen seien, hob Smets hervor. Hinzu kämen die Lieferengpässe, die aber auch nur von vorübergehender Natur seien, ebenso wie Folgen des Wiederhochfahrens der Wirtschaft. „Viele Preise, die zu Beginn der Pandemie gefallen waren, steigen jetzt wieder“, sagte Smets. Eine Lohn-Preis-Spirale, die dauerhafte die Inflationsraten hochtreiben könnte, gebe es bislang nicht, auch wenn es Anzeichen für steigende Löhne gebe.

          Die Auswirkungen der neuen Omikron-Variante auf die Inflationsentwicklung sei noch unklar, meinte Smets, man könne in beide Richtungen argumentieren. Es könnte sein, dass beispielsweise die Situation in China zu einer Verlängerung der Lieferengpässe führen werde und auf diese Weise die Inflation länger hochhalte. Die Notenbank sei aber für die Geldpolitik gehalten, durch all die aktuelle Volatilität „hindurchzuschauen“.

          Michael Hüther, der Direktor des Institut der deutschen Wirtschaft, meinte, man werde in nächster Zeit wohl zumindest mit Inflationsraten oberhalb derer der vergangenen Jahre rechnen müssen. Neben Folgen der Klima-Politik nannte Hüther auch makroökonomische Veränderungen auf globaler Ebene als mögliche Ursachen: Unter anderem könnte die Globalisierung, die in der Vergangenheit eine preisdrückende Rolle gespielt habe, diese künftig womöglich nicht mehr dergestalt übernehmen.

          In einigen Punkten könne er EZB-Vertreter Smets durchaus zustimmen – aber nicht in allen, sagte Holger Schmieding, der Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg. Die aktuell hohe Inflation sei von zahlreichen Sonderfaktoren geprägt. Diese fielen irgendwann wieder aus der Inflationsberechnung, man könne sich höchstens streiten, ob früher oder später. Wie in den 70er Jahren mit sehr hoher Inflation werde es nicht kommen.

          Allerdings: Dass die Inflationsraten so stark zurückgingen, wie die EZB erwarte, sei aus seiner Sicht nicht realistisch. „2024 wird die Inflationsrate nicht bei 1,8 Prozent liegen, sondern irgendwo über 2 Prozent.“ In diesem Sinne sei die Inflation „gekommen, um zu bleiben“. Schmieding sieht vor allem drei Gründe dafür: Eine solide Nachfrage, die inflationstreibenden Folgen der grünen Transformation und eine zu erwartende Reaktion der Löhne. „Die Arbeitsmärkte in Europa reagieren langsamer als in Amerika, weil sie stärker reguliert sind, aber sie werden reagieren“, sagte der Ökonom. „Die Inflation wird sich irgendwo oberhalb von 2 Prozent festsetzen, wenn die EZB nichts macht.“ Aus seiner Sicht ist jedenfalls keine Situation mehr gegeben, in der die Notenbank die Nachfrage künstlich stimulieren müsse.

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