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F.A.Z. exklusiv : Eigenkapital verhindert Finanzkrisen nicht

London Bild: Reuters

Mehr Eigenkapital soll Banken sicherer machen, so eine anerkannte Weisheit. Doch eine neue, brisante Analyse zeigt jetzt: Krisen verhindert das kaum. Allerdings ist das Eigenkapital zu etwas anderem nütze.

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          Über der Studie steht ein aus dem 19. Jahrhundert stammendes Zitat des englischen Ökonomen Walter Bagehot: „Eine gut geführte Bank benötigt kein Eigenkapital. Und kein vorhandenes Eigenkapital kann eine schlecht geführte Bank retten.“ Die Studie beinhaltet gedankliches Dynamit, denn sie stellt eine anerkannte Weisheit in Frage, die seit der Finanzkrise als Gemeingut gilt: Banken benötigen mehr Eigenkapital als früher, denn ein hoher Bestand an Eigenkapital kann in schlechten Zeiten als Puffer dienen und so das Auftreten verheerender Finanzkrisen zumindest erschweren.

          In der kommenden Woche wird der Bonner Ökonom Moritz Schularick in London eine, zusammen mit drei Kollegen verfasste, Untersuchung vorstellen, die dieser Zeitung vorliegt. Das Fazit der Arbeit lautet: Eine historische Analyse von Finanzkrisen ergibt keinen Hinweis darauf, dass sich mit hohen Eigenkapitalquoten von Banken Finanzkrisen verhindern lassen. Schularick hat in den vergangenen Jahren mit mehreren finanzhistorischen Untersuchungen in der Fachwelt für Aufsehen gesorgt; darunter mit dem Nachweis, dass übermäßiges Kreditwachstum der beste Indikator für eine drohende Finanzkrise darstellt. An dieser Botschaft ändert auch die aktuelle Untersuchung nichts, in der Schularick und seine Kollegen für den Zeitraum von 1870 bis 2013 Finanzkrisen aus 17 Industrienationen auf die Rolle hoher Eigenkapitalquoten in Banken untersucht haben.

          Ein typisches Muster vor und nach Finanzkrisen

          Ein Befund lautet, dass die Eigenkapitalquoten der Banken im Zeitraum von 1870 bis 1945 dramatisch zurückgegangen sind und sich dann auf dem niedrigeren Niveau in etwa stabilisiert haben. Hierfür werden von Fachleuten unterschiedliche Gründe genannt, darunter die Einführung von Einlagensicherungssystemen sowie die Tatsache, dass sich Banken an modernen Finanzmärkten besser gegen Risiken absichern können als im 19. Jahrhundert. Interessant ist nun, dass sich in den Jahren vor 2007, als die jüngste Finanzkrise ausbrach, kein bedeutender Rückgang der Eigenkapitalquoten feststellen lässt. „Es ist offensichtlich, dass im Jahrzehnt vor der Finanzkrise eine deutliche Zunahme der Kreditvergabe stattfand, aber nur eine vergleichsweise kleine Zunahme der Verschuldungsquoten der Banken“, schreiben Schularick und seine Kollegen.

          Ein typisches Muster vor und nach Finanzkrisen sieht so aus: „Vor einer Finanzkrise erscheinen die Eigenkapitalquoten relativ stabil. Nach einer Finanzkrise bauen die Banken Eigenkapital auf, um eine höhere Eigenkapitalquote als vor der Krise zu erreichen. Diese Reaktion erscheint plausibel, da eine Finanzkrise zu höherer Marktdisziplin führen kann, indem Gläubiger von Banken mit geringer Eigenkapitalausstattung hohe Kosten für Fremdkapital in Rechnung stellen. Zudem kann eine Krise zu schärferen Eigenkapitalregulierungen führen. Für eine Prognose von Finanzkrisen auf der Basis der Eigenkapitalausstattung reichen die Daten allerdings nicht. Vielmehr ist die Frage, ob eine hohe Eigenkapitalausstattung Banken nicht geradezu zu riskanten Geschäften erst verleitet.

          Begrenzte Eignung als Krisenindikator

          Es finden sich jedoch andere Entwicklungen in Bankbilanzen, die Hinweise auf künftige Krisen geben. So ist in guten Zeiten vor Krisen zu beobachten, dass sich die Banken in ihrer Fremdfinanzierung stärker auf den Verkauf (oft kurzfristiger) Wertpapiere an Banken, Unternehmen und andere Großanleger stützen und weniger Gewicht auf die oft stabilen Kundeneinlagen legen. Nach Ausbruch der Krise stehen dann die stabileren Kundeneinlagen wieder stärker im Mittelpunkt des Interesses, weil der Verkauf eigener Wertpapiere an Großkunden plötzlich teurer ist. Diese wechselnde Wertschätzung von Kundeneinlagen lässt sich anhand der Deutschen Bank und der Postbank demonstrieren. Vor der Finanzkrise hatten die in der Deutschen Bank dominierenden Investmentbanker kein Interesse an den billigen Kundeneinlagen der Postbank. Nach Ausbruch der Krise wurden diese Einlagen plötzlich sehr geschätzt.

          Eine Kennzahl nicht ohne Interesse ist auch das Verhältnis von langfristigen Krediten zu kurzfristigen Kundeneinlagen – eine Maßzahl, die Gefahren für die Liquidität einer Bank anzeigen kann. Auch hier erkennen die Ökonomen eine begrenzte Eignung als Krisenindikator. Aber an ihrer langjährigen Überzeugung, dass Kreditwachstum der beste Frühindikator für Finanzkrisen ist, ändert dies nichts. Deshalb erinnern sie noch einmal an Bagehot: Schwierigkeiten von Banken entstehen bei der Frage, wem sie wie viel Geld leihen. Keine Risikovorsorge ist in der Lage, einen zuverlässigen Puffer für schlechte geschäftliche Entscheidungen zu garantieren.

          Für die Anhänger hoher Eigenkapitalquoten dürfte diese Untersuchung eine kalte Dusche sein, aber ihr Plädoyer ist dennoch nicht unbegründet: Denn die Untersuchung gelangt keineswegs zu dem Schluss, dass hohes Eigenkapital in Banken überhaupt keine gesamtwirtschaftlich vorteilhafte Rolle spielt. Das tut es in der Tat – in und nach der Krise, wenn es darum geht, eine geschwächte Volkswirtschaft wieder in Gang zu bringen. Je geringer der Eigenkapitalanteil in den Bankbilanzen ist, umso langsamer beginnt eine wirtschaftliche Erholung und umso schwächer verläuft sie. „Makroprudentielle Politik in Gestalt hoher Eigenkapitalanforderungen können die Kosten einer Krise reduzieren, auch wenn sie die Krise nicht verhindern können“, lautet die Schlussfolgerung Schularicks und seiner Kollegen.

          Òscar Jorda, Björn Richter, Moritz Schularick & Alan M. Taylor: Bank Capital Redux: Solvency, Liquidity, and Crisis. Arbeitspapier. März 2017

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