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Nachfrage kollabiert : Indiens Notenbank wagt keine Wirtschaftsprognose

An einem Bahnhof gestrandete indische Arbeiter Bild: dpa

Asiens drittgrößte Volkswirtschaft leidet besonders unter der Corona-Krise und ein Konjunkturprogramm der Regierung entpuppte sich als Luftnummer. Jetzt senkt die Notenbank den Leitzins.

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          Indiens Notenbank hat den Leitzins überraschend um weitere 40 Basispunkte auf nun 4 Prozent gesenkt, den tiefsten Stand seit 20 Jahren. Sie verkündete auch ein Moratorium für das Begleichen von Krediten über ein weiteres Vierteljahr.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Schwerer aber wog, dass Notenbankgouverneur Shaktikanta Das keinen Ausblick auf das Wachstum von Asiens drittgrößter Volkswirtschaft mehr wagte – bislang lag er über den Werten der Analysten der Geschäftsbanken. Stattdessen sprach er nun von einem „Kollaps der Nachfrage“: „Der Konsum hat aufgrund von Corona den größten Einbruch erlitten. Die Investitionen liegen auf Eis“, sagte Das. Er wage keine Prognose mehr, weil die Lage zu komplex sei. Doch fürchte er, dass die indische Wirtschaft in diesem Finanzjahr (31. März) schrumpfe – Regierungschef Narendra Modi hatte seine Landsleute vor der Wahl mit dem Versprechen zweistelliger Wachstumsraten geködert und eine Verdoppelung der Wirtschaftskraft versprochen. Die Investmentbank Goldman Sachs rechnet mit einem Schrumpfen von minus 3,6 Prozent.

          Notenbankpräsident Das warnte auch vor dem Mangel an Arbeitskräften durch den Exodus der Wanderarbeiter, die durch die plötzliche Ausgangssperre die Städte verlassen mussten. Am Freitag kam es mit gut 6000 Fällen zur bislang höchsten gemessenen Ansteckungsrate an einem einzigen Tag. Insgesamt meldet Indien nun offiziell 120.000. Dabei leidet besonders die Wirtschafts- und Finanzmetropole Bombay (Mumbai) mit 25.000 Fällen. „Sie hat eine besondere Bedeutung für das Land, so wie New York für Amerika“, sagte Mark Matthews, Chefvolkswirt für Asien bei der Bank Julius Baer. „Anders als andere Länder hat Indien keinen großen Konjunkturplan vorgelegt“, sagte er.

          Die Regierung hatte vergangene Woche offiziell umgerechnet 245 Milliarden Euro Hilfe angekündigt. Schnell aber entlarvte sich das Programm als Blase: Eine große Zahl der Hilfen war längst bekannt, und die Reformen, die unter dem Schirm verkündet wurden, bewerteten Analysten als überfällig und unsicher in ihrer Umsetzung.

          Vertrauen verloren

          Am Freitag geriet der Aktienmarkt weiter unter Druck: Besonders Bankwerte verloren rund 3 Prozent. Die Singapurer DBS Group warnte vor weiter steigenden faulen Krediten und dem Hoffen auf eine „Bad Bank“: „Angesichts regulatorischer Unsicherheiten und der Unklarheit über deren Finanzierung dürfte die Entlastung auf sich warten lassen.“ Ausländische Börsianer verlieren das Vertrauen in die Regierung: Ihre Anlagen sanken auf den niedrigsten Wert seit 2013, meldet Credit Suisse.

          Der Ausverkauf lief von März bis Ende April, im Mai waren ausländische Finanzinvestoren Nettokäufer. „Was die Märkte an einem Sturz hindert, ist deren attraktive Bewertung von nur noch 2 im Verhältnis von Preis zu Buchwert, gemessen am 30-jährigen Durchschnitt von 2,9“, sagte Matthews.

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