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Sorge der Finanzmärkte : In Ostmitteleuropa wächst die Angst vor der Inflation

Wenn Geld plötzlich weniger wert ist: Die Sorge vor schnell steigenden Preisen treibt die Anleger um. Bild: dpa

Die Notenbanken von Ungarn und Polen wollten lange von steigenden Zinsen nichts wissen. Das ändert sich nun.

          3 Min.

          Mit einigen Überraschungen warten deutsche Nachbarstaaten in Ostmittel- und Südosteuropa dieser Tage auf. Die Wirtschaft kommt, folgt man den Wachstumszahlen für das erste Jahresquartal, überall besser aus der Gesundheitskrise als gedacht – und dürfte wegen sinkender Infektionsraten und wachsender Impfquoten weiter an Schwung gewinnen. Höher als prognostiziert und von den Notenbanken gewünscht fällt vielfach die Inflation aus. Einige Zentralbanken der zur EU, aber nicht zum Euroraum gehörenden Länder treten deshalb geldpolitisch auf die Bremse.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Das tut nicht nur die traditionell konservativ agierende Notenbank der Tschechischen Republik. In Warschau klang das Gurren der „Tauben“ der polnischen Notenbank zuletzt etwas falkenhafter. In Budapest stellte der Vizepräsident der Notenbank zu Wochenbeginn gar eine baldige Zinserhöhung in Aussicht – und überraschte die Märkte auf dem falschen Fuß.

          Ungarns Forint stieg nach der, in Worten der ING-Analysen, „Bombe“ gegenüber dem Euro prompt auf den höchsten Stand seit August und legte schon zu Wochenbeginn weiter auf Werte um 351 Forint je Euro zu. Ungarns stellvertretender Notenbankvorsitzender Barnabás Virág hatte zuvor eine mögliche Zinserhöhung im Juni angekündigt, um die Inflation zu zähmen. Die hatte mit 5,1 Prozent im April das mit 4 Prozent markierte obere Band des mittelfristigen Inflationsziels weit übertroffen.

          Erste Zinserhöhung seit 2011

          Analysten gehen nun davon aus, dass die Notenbank Ende Juni auch ihre Inflationsprognose anheben könnte, was die erste Zinserhöhung seit Ende 2011 einleiten dürfte. Seit Juli vergangenen Jahres verharrt der Leitzins auf 0,6 Prozent. Mehrheitlich erwarten Devisenmarktexperten nun Ende Juni eine erste Anhebung um 0,15 Punkte.

          „Auf Sicht von sechs Monaten dürfte der offizielle Schlüsselzins dann mit 0,90 Prozent wieder das Niveau von vor der Corona-Krise erreicht haben“, schreibt DZ-Analystin Sandra Striffler. Eine weitere Straffung sei angesichts der starken Konjunktur möglich. Die feuert die Regierung vor den Wahlen im April nächsten Jahres mit hohen Ausgaben an. Schon werden Wachstumsprognosen heraufgesetzt. ING-Ökonom Peter Virovacz sieht Ungarns Wirtschaft im zweiten Quartal 2021 auf Vor-Corona-Niveau.

          Ähnlich wie in Ungarn erholt sich Polen von der Krise, jüngst beschlossene neue Ausgabenprogramme der Regierung werden dazu beitragen. Doch auch in Polen leiden Anleger unter negativen Realzinsen. Der Leitzins beträgt seit Juni 0,1 Prozent, die Jahresinflationsrate kletterte im April auf 4,3 Prozent. Die Bank will die Rate der Geldentwertung mittelfristig nicht über 3,5 Prozent steigen lassen. Deshalb ließen Äußerungen von Notenbankern aufhorchen, die den Nutzen expansiver Geldpolitik in Frage stellten. Bisher hatten die Märkte erwartet, dass es bis weit ins nächste Jahr, in dem Notenbankposten samt Vorsitz neu besetzt werden, keine Zinserhöhung geben werde. Das scheint nicht mehr ganz so sicher.

          Jüngste Kommentare der tschechischen und ungarischen Zentralbanken deuteten darauf hin, dass die Normalisierung der Geldpolitik in Ostmitteleuropa früher beginnen könnte, fasst Malgorzata Krzywicka von der Erste Group Bank die Lage zusammen: „Wenn die steigende Inflation und eine starke wirtschaftliche Erholung, gepaart mit einer Normalisierung der Politik in Tschechien und Ungarn, die polnische Notenbank zum Reagieren zwingen, könnten wir eine stärkere Aufwertung des Zloty sehen.“ Mit Kursen um 4,52 Zloty je Euro hat die polnische Währung ihren Schwächeanfall aus dem April zwar hinter sich gelassen, notiert aber weit schwächer als mit 4,30 Zloty je Euro vor dem Ausbruch der Pandemie.

          Debatte um Zinserhöhungen für Juni erwartet

          Auch wenn die Finanz- und Wirtschaftsdaten aus der Tschechischen Republik bisher nicht ganz so beeindruckten, so hatte die Notenbank früh klargemacht, dass sie schon in diesem, politisch von der Parlamentswahl geprägten Herbst die geldpolitischen Zügel anziehen werde. Die erwartete Rate der Jahresinflation 2021 wurde von 2,0 auf 2,7 Prozent erhöht, mit 3,1 Prozent lag die Inflation im April über dem von der Notenbank genannten oberen Zielwert von 3 Prozent.

          Auch stößt dort die Ausgabenpolitik der Regierung nicht auf ungeteilte Zustimmung. Entsprechend reagierte die Krone auf die Andeutung von Notenbankchef Jiří Rusnok, die Debatte um Zinserhöhungen könne schon im Juni beginnen. Seither notiert die Krone fester mit Werten um 25,5 Kronen je Euro, fast wieder auf dem Niveau von vor der Krise.

          Rumänien, der nach Polen an Bevölkerung zweitgrößte osteuropäische EU-Staat, beeindruckte am Dienstag abermals mit starken Wachstumsdaten, aber die Inflation zieht ebenfalls an, zuletzt auf 3,2 Prozent. Die Notenbank müsse das nicht zu sehr unter Druck setzen, die Zinsen noch in diesem Jahr anzuheben, urteilen die Analysten der ING-Bank, profitiere sie doch nun davon, den Leitzins eher zögerlich bis auf 1,25 Prozent gesenkt zu haben.

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