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Immobilienkrise in China : Evergrande-Aktie verliert ein Fünftel an Wert

Die Krise um den chinesischen Immobilienentwickler Evergrande vertieft sich. Bild: AP

Der chinesische Staat übernimmt die Kontrolle im wankenden Immobilienkonzern. Derweil öffnet die Zentralbank die Geldschleusen.

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          Der wegen seines Risikos für die Weltwirtschaft gefürchtete chinesische Immobilienkonzern Evergrande ist einer Insolvenz ein weiteres Stück näher gekommen. Am Montag verlor die Aktie des Unternehmens an der Börse in Hongkong ein Fünftel ihres bis dahin ohnehin schon stark gesunkenen Werts, nachdem das Unternehmen am Freitag mitgeteilt hatte, seine Verbindlichkeiten möglicherweise nicht mehr bedienen zu können.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Zum Handelsschluss am Montag lag der Preis der Aktie bei 1,81 Hongkong-Dollar und damit 87 Prozent unter dem Wert zu Jahresbeginn. Evergrande ist gemessen an seinem Erlös mit dem Verkauf von Wohnungen der zweitgrößte Immobilienkonzern Chinas. Seinen sagenhaften Aufstieg hat das Unternehmen mit der Aufnahme immer höherer Schulden bewerkstelligt, die inzwischen mehr als 300 Milliarden Dollar betragen. Seit Chinas Regierung im vergangenen Jahr neue Obergrenzen für die Verschuldung von Immobilienunternehmen eingezogen hat, haben die Banken Evergrande den Geldhahn zugedreht, woraufhin die Liquidität des Konzerns knapp geworden ist und er in den vergangenen Monaten die Zinszahlungen für seine ausgegebenen Anleihen nur noch mit großer Mühe zahlen konnte.

          CHINA EVERGRANDE GROUP

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          Am Freitag hatte Evergrande die Halter seiner im Ausland begebenen Anleihen in Angst versetzt, als es mitteilte, dass es seine Auslandsschulden restrukturieren wolle. Beobachter rechnen damit, dass ausländische Anleger im Falle einer Insolvenz – geordnet oder ungeordnet – an letzter Stelle oder eben überhaupt nicht bedient werden würden. Am Montag teilte Evergrande mit, dass Beamte verschiedener staatlicher Aufsichtsbehörden in ein neues „Risikomanagementkomitee“ in das Unternehmen einziehen. Das Komitee werde eine wichtige Rolle in der „Entschärfung und Eliminierung von künftigen Risiken“ des Konzerns spielen.

          Weitere Immobilienentwickler im Sog

          Daneben hat ein weiterer chinesischer Immobilienentwickler Probleme bei der Bedienung eines Großkredits eingeräumt. In einer an die Hongkonger Börse adressierten Erklärung teilte das Unternehmen Sunshine 100 China Holdings am Montag mit, es habe eine Frist zur Rückzahlung von rund 170 Millionen Dollar (rund 150 Millionen Euro) plus Zinsen am Vortag verstreichen lassen müssen. Hintergrund seien „Liquiditätsprobleme“ durch „ungünstige Auswirkungen mehrerer Faktoren, darunter die makroökonomische Umgebung und der Immobilienmarkt“, erklärte Sunshine 100 China Holdings. Gespräche mit Gläubigern über eine Umschuldung oder andere Lösungsansätze seien im Gange, fügte das Unternehmen hinzu. 

          Bereits in der Vergangenheit hatte Sunshine 100 Probleme, seine Kredite fristgerecht zu bedienen. Laut einer Berechnung der Finanznachrichtenagentur Bloomberg ist das Unternehmen inzwischen mit 385 Millionen Dollar im Zahlungsrückstand. Sunshine 100 gehört nicht zu den bedeutenden Konzernen in China. Die Probleme des Unternehmens sind jedoch Ausdruck der Krise der chinesischen Immobilienwirtschaft, in dessen Zentrum sich Evergrande befindet.

          Chinas Zentralbank hat vor Wochen behauptet, das Risiko, das von Ever­grande für Chinas Wirtschaft und damit auch den Rest der Welt ausgehe, sei unter Kontrolle. Am Montag kündigte die Zentralbank an, mit Wirkung zum 15. Dezember die Mindestreserve, die Banken vorhalten müssen, um 0,5 Prozentpunkte zu senken. Das spült 1,2 Billionen Yuan (167 Milliarden Euro) in den Wirtschaftskreislauf und soll die Konjunktur ankurbeln. Die Krise am Immobilienmarkt, die über Evergrande hinaus längst andere große Konzerne erfasst hat, drückt derzeit auf das Wachstum.

          Chinas Vize-Ministerpräsident Liu He, der von Präsident Xi Jinping mit der Steuerung der Wirtschaft betraut worden ist, hat vergangene Woche angekündigt, dass das Wachstumsziel von mindestens 6 Prozent in diesem Jahr übertroffen werde. Da der Vergleichsmaßstab allerdings das extrem schwache Pandemiejahr 2020 ist, hatten vor Beginn der Immobilienkrise die meisten Beobachter mit einem Wachstum um mindestens 8 Prozent gerechnet. Vor allem aus den kleinen und mittleren Unternehmen, die von den nun freigesetzten Krediten profitieren sollen, ist von einer schlechten Auftragslage zu hören.

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