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Staatsfinanzierung : Immer mehr Bundesanleihen in staatlichen Händen

Die Finanzagentur ist für die Bundesanleihen verantwortlich und sitzt im Norden Frankfurts. Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

In der Pandemie erhöht die Bundesbank ihren Anteil. Und auch der Eigenbestand wächst deutlich.

          3 Min.

          Deutschland hat aufgeholt, aber zufrieden stellt diese Erkenntnis nicht: Denn es handelt sich um die Investoren in deutsche Bundesanleihen, und hier spielen öffentlich-rechtliche Institutionen wie die Bundesbank oder die für die Schulden des deutschen Staates verantwortliche Finanzagentur eine immer größere Rolle. Ende März entfielen nach deren Schätzungen 32 Prozent der umlaufenden Bundesanleihen auf die Anleihekaufprogramme der Europäischen Zentralbank (EZB). Das bedeutet: Sie liegen in den Händen der Bundesbank, die für die EZB am deutschen Anleihemarkt tätig ist.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Deutlich ausgebaut hat zugleich die Finanzagentur in der Corona-Pandemie ihren Eigenbestand an Bundeswertpapieren. Sie hat ihren Anteil von 5 auf 11 Prozent erhöht. So liegen nun 43 Prozent der Bundesanleihen in den Händen staatlicher Institutionen. War die Bundesbank im alten EZB-Programm PSPP noch daran gebunden, nicht mehr als ein Drittel der Bundesanleihen zu kaufen, gilt diese Grenze in dem Pandemieprogramm PEPP nicht mehr. Jedoch hat die Bundesbank bislang nicht die Marke überschritten, was auf eine Zurückhaltung schließen lässt. Nicht zuletzt verfolgt Bundesbank-Präsident Jens Weidmann die Kaufprogramme der EZB kritisch.

          Auch die Finanzagentur dürfte mittelfristig darauf aus sein, ihren Eigenbestand an Bundeswertpapieren deutlich zu verringern. Dass er sich in der Corona-Krise mehr als verdoppelt hat, dürfte an dem hohen Finanzierungsbedarf des Bundes gelegen haben. Damit verbunden waren zahlreiche Emissionen wie zum Beispiel in den neuen Laufzeiten von sieben und 15 Jahren oder auch im Syndikatsverfahren, wo ausgewählte Banken gezielt Investoren ansprechen. Titel aus dem Eigenbestand verkauft die Finanzagentur zu einem späteren Zeitpunkt, um damit „Marktpflege“ zu betreiben. Die dürfte auch deshalb notwendig sein, weil sich der Umlauf der Bundesanleihen in der Pandemie um fast 40 Prozent auf nun 1547 Milliarden Euro erhöht hat. Rund zwei Billionen Euro sind von italienischen Staatsanleihen im Umlauf, Frankreich liegt knapp dahinter.

          Auch viele staatliche Investoren aus dem Ausland

          Ansonsten hält sich der Anteil inländischer Investoren bei Bundesanleihen in Grenzen, es dürften noch mal 3 Prozent hinzukommen, darunter öffentlich-rechtliche Institutionen aus der Sparkassen-Gruppe und den Landesbanken. Die restlichen 54 Prozent werden nach Schätzungen der Finanzagentur von ausländischen Investoren gehalten. Auch hier dominieren staatliche Institutionen. Dazu gehören Zentralbanken und Staatsfonds, die ihre Devisenreserven in der nach dem Dollar zweitwichtigsten Reservewährung Euro anlegen müssen. Das sind vor allem Staaten außerhalb der Euroraums, in denen 39 Prozent der Bundesanleihen gehalten werden, davon 18 Prozent von Zentralbanken und Staatsfonds. Auf andere Investoren entfallen 21 Prozent.

          Hier dürften angelsächsisch geprägte Hedgefonds weiterhin eine große Rolle spielen. Sie benutzen Bundestitel als Pfand für Finanzierungsgeschäfte, wobei sie eher kurze Laufzeiten bis zu zwei Jahren bevorzugen dürften. Die Finanzagentur ist auf dem Repo-Markt, auf dem Wertpapiere verkauft und zu einem späteren Zeitpunkt wieder zurückgekauft werden, tätig und dürfte damit im Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag verdienen. Auch wenn Bundesanleihen wie zum Beispiel in der richtungsweisenden zehnjährigen Laufzeit mit minus 0,473 Prozent wieder deutlich im negativen Renditebereich liegen, lässt sich mit ihnen Geld verdienen.

          Denn sinkende Renditen bedeuten steigende Kurse, wodurch im Handel Erträge möglich sind. Zudem profitieren Bundesanleihen von der erstklassigen Bonität des deutschen Staates („AAA“) und ihrer hohen Liquidität. Deshalb dienen sie als Bargeldersatz, gerade in Zeiten, in denen Unternehmen und institutionelle Investoren für ihre bei Banken geparkte Liquidität negative Zinsen – sogenannte „Verwahrgebühren“ – zahlen müssen.

          Im Euroraum haben Bundesanleihen Referenzstatuts. In den kommenden Jahren wird die EU aber als Anleiheemittentin eine hohe Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie will bis zum Jahr 2026 Schuldtitel über 750 Milliarden Euro aufnehmen, davon ein Drittel in grünen, nachhaltigen Bonds. Im vergangenen Jahr hat der Bund mit grünen Bundesanleihen sein Debüt gegeben. Davon sind derzeit in den drei Laufzeiten von fünf, zehn und 30 Jahren 17,5 Milliarden Euro im Umlauf. Im September solle eine neue zehnjährige grüne Bundesanleihe begeben werden. Dann will auch die EU mit ihrem ersten Green Bond an den Start gehen.

          Bislang hat Brüssel mit einzelnen Gemeinschaftsanleihen Investorennachfrage von deutlich mehr als 100 Milliarden Euro auf sich ziehen können. Das könnte auch demnächst der Fall sein. Für den Bund haben die grünen Anleihen einen wichtigen Zweck – deren Attraktivität für andere Emittenten wie Banken oder Unternehmen unter Beweis zu stellen. Dazu wurde das Zwillingskonzept eingeführt: Jede grüne Anleihe wird von einem konventionellen Zwilling begleitet. Dadurch lässt sich exakt feststellen, welchen Finanzierungsvorteil grüne Titel bieten. In der zehnjährigen Laufzeit sind es derzeit 0,07 Prozentpunkte.

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