https://www.faz.net/-gv6-qhzd

Im Gespräch: Victor Shih, Northwestern University : „Chinas Schulden sind größer als wahrgenommen“

  • Aktualisiert am

Victor Shih, Northwestern University Bild: Privat

Anleger sind verunsichert über große Schulden der Industriestaaten. Schwellenländer dagegen scheinen besser dazustehen. Dieser Eindruck aber kann täuschen. Chinas Schulden liegen bei mehr als 80 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

          Anleger werden zunehmend verunsichert über die stark steigende Verschuldung der Industriestaaten. Viele Schwellenländer dagegen scheinen besser dazustehen, vor allem jene Asiens. Dieser Eindruck jedoch kann täuschen.

          So ist die Staatsverschuldung Chinas deutlich höher als gemeinhin angenommen, erklärt Victor Shih, Professor an der Northwestern University in der Nähe von Chicago und Autor der Analyse Factions and Finance in China (Cambridge University Press).

          Er hat die Verbindlichkeiten der chinesischen Provinzen analysiert. Sie sind sehr groß. Zudem investierten sie zu stark und schafften industrielle Überkapazitäten. Dagegen gäbe es am chinesischen Immobilienmarkt eine ausgeprägte Preisblase, erklärt er weiter. Die Wirtschaft des Landes sei weiterhin primär auf den Export ausgerichtet, über die Neuorientierung am Binnenkonsum werde allenfalls geredet. Zudem seien die Bilanzen chinesischer Banken sehr, sehr schwach - auch wenn in Präsentationen gerne das Gegenteil behauptet werde.

          Viele denken, China hätte riesige Währungsreserven und sei ein reiches Land. Sie stellen das in Frage, wieso?

          Große Währungsreserven und 20 Prozent Schulden im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt hinterlassen nach offiziellen Zahlen einen positiven Eindruck. Die Realität jedoch sieht etwas anders aus. Denn die chinesische Regierung ist viele Verbindlichkeiten eingegangen, die nicht sauber verbucht wurden.

          Können Sie diese Aussage etwas konkretisieren?

          Ich habe die Verschuldung in den Provinzen untersucht. Die lokalen Verwaltungen haben bei den Banken des Landes riesige Summen aufgenommen, die die chinesische Zentralregierung, im Gegensatz zu föderalen Staatsstrukturen, implizit garantiert. Es handelt sich um einen Betrag in der Größenordnung von 30 bis 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, der in die öffentliche Infrastruktur investiert wurde. Dazu kommen weitere Billionen von den öffentlichen Banken. Rechnet man alles zusammen, so liegt ist die chinesische Staatsverschuldung bei mehr als 70 Prozent von Chinas Wirtschaftsleistung.

          Wurden die Gelder wenigstens vernünftig investiert?

          In meinen Augen ist viel Überflüssiges geschaffen worden. Zum Beispiel gibt es viele nahe beieinander liegende Flughäfen, es werden viele Autobahnkilometer angelegt, die eigentlich nicht benötigt würden, viele mittelgroße Städten bauen U-Bahnen, die sie nicht bräuchten - und die verschwenderischsten Projekte sind so genannte Sonder-Entwicklungszonen. Sie verursachen hohe Kosten, bis sie erschlossen sind und bis sie der Industrie und speziell den Technologieunternehmen angeboten werden können. Die Investitionen werden in der Hoffnung getätigt, Unternehmen würden sich in diesen Zonen ansiedeln, Steuern zahlen und auf diese Weise die eingesetzten Mittel amortisieren. Allerdings wurden in China hunderte solcher Zonen eingerichtet. Die Mehrheit wird scheitern. Selbst bei der Größe Chinas kann man sich nicht vorstellen, 60 unterschiedliche Silicon-Valleys zu haben. Faktisch gibt es jedoch 60 Zonen, die genau das werden wollen.

          Es gibt also eine große Verschwendung?

          Ja. Ein Teil der Gelder ging auch in die Korruption. Niemand jedoch kann sagen, wie groß dieser Anteil wirklich ist.

          Was bedeutet das für die Banken des Landes? Sind ihre Bilanzen solide?

          Weitere Themen

          Die größten Börsengänge Video-Seite öffnen

          Das sind die Top 10 : Die größten Börsengänge

          Uber wird bei seinem Börsengang etwas mehr als acht Milliarden Dollar erlösen – und kommt damit nicht unter die Top 10 der größten Börsengänge. Die ersten vier Plätze belegen Konzerne aus China; aus Deutschland ist ein Unternehmen dabei.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Cai Tore Philippsen

          FAZ.NET-Sprinter : May und das nächste „Maybe“

          Es wird gewählt. Und dieses Mal kann niemand behaupten, die letzten Wochen seien unpolitisch gewesen. Was an diesem Wochenende außer Europa sonst noch wichtig wird, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.