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Im Gespräch: Victor Shih, Northwestern University : „Chinas Schulden sind größer als wahrgenommen“

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Ich kann jedoch sagen, was ich auf keinen Fall tun würde: Aktien chinesischer Banken zeichnen, die mit Kapitalerhöhungen auf den Markt kommen. Da sie in den vergangenen Monaten sehr viel Geld verliehen haben, ist die Eigenkapitalausstattung aller chinesischen Banken sehr knapp. Viele dieser Kredite gingen gerade an diese problematischen, lokalen Investmentunternehmen.

Die Emissionsbanken werden zwar ein optimistisches Bild malen und optisch schöne Gewinnzahlen vorlegen. In Wirklichkeit aber sind die Bilanzen der chinesischen Banken sehr schwach. Wieso sollte man die Aktien wirklich schlechter Banken kaufen, wenn man stattdessen Papiere von chinesischen Ölunternehmen erwerben kann? Selbst die spekulieren zwar wie wild an den Immobilienmärkten, aber sie haben wenigstens noch das Ölgeschäft.

Wie würden sie die Bilanzqualität der Unternehmen in China generell beschreiben?

Viele Firmen weisen auf der Aktivseite erstaunlich große Forderungsbestände aus. Dabei handelt es sich nicht selten um fragwürdige Kredite an Regierungsstellen, die sie wahrscheinlich nie zurückerhalten werden. Manche dieser Posten tauchen Jahr für Jahr in der Bilanz auf. Da heißt es, genau hinzuschauen - vor allem bei den Banken. Ich behaupte nicht, dass alle diese Kredite ausfallen werden. Aber lass' es nur zehn Prozent sein, und schon kommt eine riesige Summen zusammen.

Hier in Europa und auch in den Vereinigten Staaten gibt es so etwas wie einen China-Hype. China werde die Welt wirtschaftlich retten, heißt es gemeinhin. Glauben Sie das?

China hat zwar viele Vorteile und Potenziale. Eine große, günstige, ausgebildete Arbeitnehmerschaft sowie eine gute Infrastruktur etwa. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Land nicht in schwierige Phasen geraten kann. Die mögliche Auseinandersetzung mit schlechten Krediten kann es für Jahre bremsen.

Chinas Wirtschaft wandle sich, wende sich weg von der Exportabhängigkeit hin zum Binnenmarkt. Ist das so?

Nein, bis jetzt nicht. Das ist lediglich blumige Rhetorik. Wenn man sich dagegem anschaut, wofür Chinas Regierung Geld ausgibt und für was die Bankkredite verwendet werden, so ist das primär für die Infrastruktur und nicht im sozialen Bereich. Das meiste Geld geht in den Bau- und Immobilienbereich.

Gibt es dort Blasen?

Ja, mit Sicherheit. Welche Indikatoren man sich auch anschaut - alle deuten auf eine Blasenbildung hin. Das steht in krassem Gegensatz zu Aussagen von Investmentbankern, die genau sie nicht sehen wollen. Die Banker widersprechen sich sogar in ihren Aussagen, indem sie erklären, steigende Immobilienpreise in Ostchina seien normal, weil immer mehr Menschen dorthin zögen. Gleichzeitig sagen sie aber auch, die Immobiliepreise im Inland müssten steigen, weil dort die künftigen Produktionszentren entstünden, die von den dort noch günstigen Arbeitskräften profitieren wollten. Beides kann nicht richtig sein. Manche behaupten sogar, in China sei es üblich, sich Geliebte zu halten und für jede Geliebte brauche man ein eigenes Appartement. So etwas jedoch ist lächerlich. Wie groß kann die Nachfrage sein, die auf diese Weise geschaffen wird?

China hat in den vergangenen Monaten riesigen Mengen an Rohstoffen wie Öl und Eisenerz importiert. Spiegelt das die reale Nachfrage wider?

Der Importboom von Rohstoffen, der schon Anfang des vergangenen Jahres einsetzte, deckt sich nicht mit dem tatsächlichen Bedarf. Ich denke, da wurden große Lagerbestände aufgebaut. Spekulanten nutzten die tiefen Preise und kauften in der Erwartung, dass sich das Wachstum wieder beleben und die entsprechende Nachfrage schaffen werde. Diese Lager dürften der Grund dafür sein, dass wir bisher noch keine zu starken inflationären Effekte gesehen haben.

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