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Im Gespräch: Konrad Hummler, Privatbank Wegelin & Co. : "Das war die letzte Rettung"

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FRAGE: Herr Hummler, was führte zur Finanzkrise?ANTWORT: Die Illusion der Sicherheit hat zu Übertreibungen geführt. Diese Illusion ist nun zerstört worden - das ist der Kern der Krise.FRAGE: Wie kam es zur Illusion?ANTWORT: ...

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          FRAGE: Herr Hummler, was führte zur Finanzkrise?

          ANTWORT: Die Illusion der Sicherheit hat zu Übertreibungen geführt. Diese Illusion ist nun zerstört worden - das ist der Kern der Krise.

          FRAGE: Wie kam es zur Illusion?

          ANTWORT: Sie begann in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Man erklärte, das Bankensystem dürfe nie wieder zu einer Bedrohung für die Realwirtschaft werden. Im weiteren Verlauf beruhigte die amerikanische Notenbank im Jahr 1987 zum 1. Mal, im Jahr 1991 zum 2. Mal, 1998 zum 3. Mal und im Jahr 2001 zum 4. Mal in Folge die Märkte mit Zinssenkungen und Ähnlichem. So erklärte sie: Euch Anlegern passiert nichts. Spätestens ab dem Jahr 2001 hat es die Welt geglaubt.

          FRAGE: Mit welchen Folgen?

          ANTWORT: Nach dem 11. September 2001 sind die Risikoprämien im Interbankengeschäft praktisch auf null gesunken. Die Banken konnten sich kurzfristig sehr günstig refinanzieren. Banken wie die UBS haben von 2003 bis 2006 die Bilanzsumme in einer Verschuldungsspirale verdoppelt. Das hat zu einer Fehlallokation volkswirtschaftlicher Ressourcen geführt: Das Finanzsystem ist viel zu groß und müsste weiter angepasst werden.

          FRAGE: Sind die Rettungsmaßnahmen der Zentralbanken und der Regierungen nicht gerade die Fortsetzung dieser fatalen Politik?

          ANTWORT: Kurzfristig sind wir froh, denn wir haben noch einmal überlebt. Mittelfristig ist es aufgrund der Teilverstaatlichungen eine Verschiebung der Überkapazitäten in den öffentlichen Bereich. Die Frage ist, was dort mit ihnen geschieht. Im schlimmsten Fall haben wir in drei bis fünf Jahren statt zwei Fannie Mae und Freddie Mac dann 20 oder 30 von den halbkriminellen Organisationen, ANTWORT: die wesentlich zur Überschuldung im amerikanischen Hypothekargeschäft und damit zur Krise beigetragen haben.

          FRAGE: Das heißt, Sie misstrauen den "Rettungsaktionen"?

          ANTWORT: Den Rettungsaktionen nicht, aber ihrer langfristigen Wirkung. Sie bringen neue, zweifelhafte Grundsätze ins Finanzsystem hinein. So werden mit Leichtigkeit per Dekret hergebrachte Buchführungsstandards ausgehebelt. Der globale Aktionismus erschwert die Voraussehbarkeit des staatlichen und wirtschaftlichen Handelns sehr.

          FRAGE: Mit welcher Konsequenz?

          ANTWORT: Wenn er in der nächsten Illusionswelle mündet, so haben wir danach keinen ultimativen Garanten mehr. Das Finanzsystem muss so restrukturiert werden, dass es nicht mehr zu diesem übertriebenen Hang zur Verschuldung kommen kann.FRAGE:

          Wie kann das erreicht werden?

          ANTWORT: Wir brauchen ein vernünftiges Konkursrecht für die Banken. Solange der Konkurs eines Finanzunternehmens nicht eine reale Möglichkeit ist, wird es immer wieder Übertreibungen geben, da die Risikoprämien systematisch zu gering werden.

          FRAGE: Hat nicht die Regulierung versagt? Hätte nicht viel früher klar sein müssen, dass es riesige Risiken gab, dass sie konzentriert bei wenigen Marktteilnehmern lagen und dass es dramatische Folgen haben würde, wenn auch nur einer ausfallen sollte?

          ANTWORT: Ja, nicht der Kapitalismus, sondern die Regulierung hat versagt. Es gibt zu viele Gremien, die sich mit der Stabilität des Finanzsystems befassen. Sie haben allesamt versagt, sonst hätten wir die Krise nicht. Dabei war sie schon seit langem absehbar. Die aggregierten Daten lagen vor, und es gab auch warnende Stimmen.

          Das Gespräch führte Christof Leisinger.

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