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Hypothekenkredite : Steigender Geldmarktzins belastet die europäische Wirtschaft

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

In vielen europäischen Ländern werden die Hypothekenkredite teurer. Sie orientieren sich meist an den Geldmarktzinsen, die im Euro-Raum stark gestiegen sind. Besonders hart trifft es die Spanier und Iren. Inzwischen leidet auch die Konsumindustrie.

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          Der kräftige Anstieg der langfristigen Zinsen am Euro-Geldmarkt droht zu einer Belastung für die Wirtschaft des Euro-Raums zu werden. „Je länger diese Situation andauert, desto gravierender sind die Folgen“, ist aus Zentralbankkreisen zu hören. Der Grund: Hypotheken mit variablen Zinsen orientieren sich typischerweise an den Geldmarktzinsen. Durch den Zinsanstieg kommen auf Haushalte, die ihr Eigenheim mit variabel verzinsten Hypotheken finanziert haben, nun höhere monatliche Raten zu.

          Das könnte sich in einer Dämpfung der Konsumnachfrage niederschlagen. Auch auf viele Unternehmen kommen höhere Zinskosten zu, da sie meist einen Teil ihres Finanzierungsbedarfs mit variabel verzinsten Krediten abdecken.

          Hypotheken mit variablen Zinsen sind in Deutschland eher unüblich, in vielen anderen Ländern des Euro-Raums jedoch weit verbreitet. In Spanien, Portugal und Finnland haben nach einem im August 2005 veröffentlichten „Grünbuch“ der EU-Kommission zum europäischen Hypothekenmarkt praktisch alle Hypotheken variable Zinssätze, in Irland und Italien jeweils fast 80 Prozent. Vor allem in Spanien und Irland haben die Immobilienmärkte in den vergangenen Jahre eine fulminante Hausse mit lebhafter Bautätigkeit und stark steigenden Preisen erlebt.

          Hypothekenzins meist an Euribor-Zins gekoppelt

          In beiden Ländern folgt der Euphorie nun der Kater. Nach einer Übersicht des Europäischen Hypothekenverbandes (EMF) hatte der spanische Hypothekenmarkt schon 2005 ein Volumen von 475 Milliarden Euro. Seither dürfte das Volumen um mindestens ein Viertel zugenommen haben. Motor dieser Expansion war vor allem, dass die Zinsen mit dem Beitritt zur Währungsunion zunächst stark gefallen sind und dann lange Zeit niedrig blieben.

          Nach Auskunft von Immobilienmaklern ist es in Spanien weithin üblich, den Hypothekenzins an den Dreimonats- oder Einjahres-Euribor-Zins zu koppeln. Einmal jährlich wird der im kommenden Jahr zu zahlende Zins nach dem dann gerade aktuellen Euribor-Zins neu bestimmt. Der Gesamtzins berechnet sich aus dem Euribor-Satz zuzüglich einem Aufschlag der Bank, der meist 0,75 bis 1,5 Prozentpunkte beträgt.

          90 Milliarden Euro zusätzlich an Dreimonatskrediten

          Im Einklang mit den Erhöhungen des Euro-Leitzinses ist der Dreimonats-Euribor von Ende 2004 bis Sommer 2007 bereits von rund 2,2 auf 4,2 Prozent gestiegen. Durch die Liquiditäts- und Vertrauenskrise an den Geldmärkten ist er seit Mitte August auf rund 4,7 Prozent nach oben geschnellt - und hat sich damit ungewöhnlich weit vom Leitzins entfernt, der seit Juni bei 4 Prozent liegt. Hintergrund ist, dass die Banken wegen der Verwerfungen an den Kreditmärkten selbst händeringend nach längerlaufenden Finanzierungen suchen, da sie in Schieflage geratenen Zweckgesellschaften Darlehen in Milliardenhöhe gewähren müssen.

          Um die Lage zu entschärfen, hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Banken schon 90 Milliarden Euro zusätzlich an Dreimonatskrediten zur Verfügung gestellt. Dennoch verharrt der Dreimonats-Euribor nun schon seit Mitte August auf rund 4,7 Prozent.

          Mehr als 30 Prozent des Einkommens für die Hypothek

          Für diejenigen Hypotheken, die nach Mitte August angepasst wurden, läuft dies auf einen zusätzlichen Zinssprung hinaus. Betrug der Gesamtzins Ende 2004 überschlagsmäßig noch 3,5 Prozent, so waren es im Sommer schon 5,5 Prozent. Bei einem Darlehensbetrag von 150.000 Euro war die monatliche Zinsbelastung somit schon von rund 440 auf 690 Euro gestiegen. Durch den von der EZB nicht intendierten zusätzlichen Anstieg des Euribor-Satzes kommen nun monatlich noch einmal gut 60 Euro hinzu. Je länger diese Situation andauert, um so mehr Haushalte werden davon betroffen.

          Nach einer Studie der Investmentbank Goldman Sachs musste ein durchschnittlicher spanischer Haushalt schon im Frühjahr 2007 rund 30 Prozent seines verfügbaren Einkommens für die Hypothek aufwenden - gegenüber 20 Prozent im Jahre 1999. Seither muss aus der Haushaltskasse noch einiges mehr für die Hypothekenzinsen abgezweigt werden, zu Lasten anderer Konsumausgaben. Ähnlich ergeht es auch den vielen Deutschen, Briten und anderen Europäern, die sich in Spanien ein Feriendomizil auf Kredit gekauft haben. Auf die Stimmung in der spanischen Wirtschaft drückt zudem, dass sich die Baukonjunktur abgekühlt hat und die Immobilienpreise kaum noch steigen, verschiedentlich sogar rückläufig sind.

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