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Aktienmarkt : Hurrikan Florence wirbelt die Wall Street auf

  • -Aktualisiert am

Keine Ruhe vor dem Sturm: Kunden haben sich in einer Filiale von Home Depot in Wilmington, North Carolina, mit Generatoren eingedeckt. Bild: Bloomberg

Der Wirbelsturm im Südosten Amerikas belastet die Aktienkurse von Sachversicherern. Titel von Baumärkten profitieren dagegen.

          Der Hurrikan Florence, der sich am Samstagvormittag über den Bundesstaaten North Carolina und South Carolina austobt, sorgt auch auf dem New Yorker Börsenparkett für Wirbel. Zwar reagierten die großen Aktienindizes in den vergangenen Tagen nicht mit großen Ausschlägen auf die bevorstehende Naturkatastrophe. Einzelne Aktien verzeichneten in Erwartung des Wirbelsturms aber überdurchschnittlich starke Kursbewegungen, weil das Geschäft der Unternehmen stark von dessen Folgen beeinflusst werden dürfte. „Die Kurse von Fluggesellschaften und Versicherern geben nach, während die von Baumarktketten und Bauzulieferern steigen“, beschrieb Sam Stovall, Anlagestratege der Analysegesellschaft CFRA, die üblichen Kursreaktionen auf Hurrikane in einem Marktkommentar.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          „Historisch betrachtet, lösen Wirbelstürme aber keine allgemeinen, breit angelegten Kursverluste am Aktienmarkt aus“, weiß Stovall. Der breit gefasste Aktienindex S&P 500 habe im Monat nach den 15 teuersten Wirbelstürmen im Durchschnitt leicht um 0,2 Prozent nachgegeben. In den drei Monaten danach sei der S&P 500 wieder um durchschnittlich knapp 4 Prozent gestiegen. „Aber natürlich gibt es keine Garantie, dass sich die Geschichte wiederholt“, schränkt Stovall ein.

          Im Fall der großen Fluggesellschaften wiederholte sich die Geschichte trotz vieler absagter Flüge bisher nicht. Die Aktienkurse der Fluglinien Delta, United Continental, American und Southwest tendierten in den fünf Handelstagen vor Freitag alle um mehr als 2 Prozent im Plus. Der Flughafen der Stadt Charlotte in North Carolina ist unter anderem ein Drehkreuz für American Airlines. Dagegen verbuchten Aktienkurse großer Versicherer im gleichen Zeitraum Verluste von jeweils mehr als 2 Prozent, wie etwa der Kurs des im Dow-Jones-Index abgebildeten Versicherers Travelers oder derjenige von Allstate. Versicherungsgesellschaften müssen für etwaige Schäden an Häusern oder Autos aufkommen. Der Aktienkurs des deutschen Rückversicherers Munich Re, der auf die Versicherungen von großen Schäden spezialisiert ist, geriet an der Deutschen Börse ebenfalls unter Druck.

          Schäden von schätzungsweise 20 Milliarden Dollar

          Die Analystin Elyse Greenspan von der Bank Wells Fargo bezifferte die erwarteten Schäden, für die Versicherer aufkommen müssen, auf 15 Milliarden bis 20 Milliarden Dollar. Neben Travelers und Allstate gehört auch Berkshire Hathaway, die Holding des Investors Warren Buffett, zu den Versicherern mit einem starken Engagement im Südosten der Vereinigten Staaten. Berkshire ist, wie die Munich Re, ein großer Rückversicherer, also eine Gesellschaft, die bestimmte Risiken von Erstversicherern übernimmt und dazu auf Mega-Katastrophen spezialisiert ist. Zu den Tochtergesellschaften von Berkshire gehört auch der große Autoversicherer Geico.

          „Die von Wirbelstürmen verursachten Beeinträchtigungen in den Vereinigten Staaten haben in den vergangenen Jahren zugenommen“, schrieb Aktienmarktstratege Mark Savino von der Investmentbank Morgan Stanley. Die Hurrikan-Saison des vergangenen Jahres sei mit Gesamtschäden von 270 Milliarden Dollar die bisher teuerste gewesen. Analysten des Informationsdienstes Core Logic kalkulieren derzeit allein für „Florence“ mit Schäden von insgesamt mehr als 170 Milliarden Dollar.

          Die Aktienkurse von großen amerikanischen Baumärkten wie Home Depot, ebenfalls ein Dow-Wert, oder Lowe’s drehten in den vergangenen fünf Handelstagen deutlich ins Plus. Börsianer spekulierten darauf, dass die Umsätze der Baumarkt-Ketten steigen, weil Hausbesitzer im erwarteten Pfad des Hurrikans schon vorher ihre Reserven an Batterien aufstocken und Fenster mit Sperrholzbrettern vernageln. Auch der Aktienkurs von Generac, ein börsennotierter Hersteller von tragbaren Stromgeneratoren, kletterte deutlich, weil Börsianer weitverbreitete Stromausfälle antizipierten. Nach dem Hurrikan bieten die Baumärkte die Materialien für den Wiederaufbau oder Reparaturen. Home Depot bezifferte die Umsätze in Zusammenhang mit Sturmschäden im zweiten Halbjahr des Geschäftsjahres 2017 auf rund 650 Millionen Dollar.

          Produktionsstörungen in der Autobranche

          Der Kurs von Home Depot stieg während der vergangenen fünf Börsensitzungen um fast 2 Prozent. Der Kurs der Lowe’s-Aktien kletterte sogar um mehr als 3 Prozent. Generac-Aktien legten um fast 4 Prozent zu. Zum Vergleich: Der breit gefasste Aktienindex S&P 500 stieg im gleichen Zeitraum nur um knapp 1 Prozent. Auch Aktiengesellschaften, die auf Materialien für Dächer spezialisiert sind, darunter Owens Corning oder Beacon Roofing Supply, verbuchten Kursgewinne.

          Der Wirbelsturm sorgt auch für Produktionsstörungen in der Automobilbranche, ein wichtiger Wirtschaftszweig in den Südstaaten. Unter anderem setzt der deutsche Hersteller Mercedes-Benz die Produktion in der neuen Lieferwagen-Fabrik in South Carolina aus. Im vergangenen Jahr sorgte Hurrikan „Harvey“ aber auch für eine steigende Nachfrage nach Mietwagen, wovon Anbieter wie Hertz oder Avis profitierten. Zudem stieg die Nachfrage sowohl nach Neuwagen als auch gebrauchten Fahrzeugen. Neben Herstellern wie General Motors oder Ford Motor könnte das die Aktienkurse großer Gebrauchtwagenhändler wie Carmax beflügeln.

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